Int. Niederlage Deutschlands als
Folge seiner Unglaubwürdigkeit
Das krachende Scheitern Deutschlands bei der Kandidatur für einen nicht ständigen Sitz beim Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen ist die logische Folge eines unglaubwürdigen Umgehens mit den Prinzipien des Völkerrechts. So sieht es die überwältigende Mehrheit der Mitgliedsstaaten, übrigens nicht nur aus den Reihen des globalen Südens. Kritisiert wird seit langem, dass die Bundesregierungen, also nicht erst die amtierende Koalitionsregierung, bei der Anwendung des Völkerrechts ständig mit zweierlei Maßstäben messen. Einerseits wird der russische Krieg gegen die Ukraine als Verletzung des internationalen Rechts verurteilt, was auch richtig ist. Andererseits wurden und werden immer noch die anhaltenden Kriege Israels gegen Gaza, die Westbank und den Libanon und der erneute amerikanisch-israelische Krieg gegen Iran bestenfalls als „unverhältnismäßig“ oder „strategisch fragwürdig“ milde kritisiert, zum Teil sogar implizit gerechtfertigt. Dass aber auch diese Kriege nach Beurteilung namhafter Völkerrechtler und Diplomaten eine eklatante Verletzung des Völkerrechts darstellen, bestreitet die jetzige Bundesregierung wie auch ihre Vorgängerregierung beharrlich. Dabei bleibt die Glaubwürdigkeit Berlins auf der Strecke. Es ist zu hoffen, dass die Bundesregierung aus dieser internationalen bitteren Niederlage die Schlussfolgerung ziehen möge, sich klar und ohne hin und aber rechtlich wie faktisch zum Völkerrecht zu bekennen. Das „besondere“ Verhältnis Deutschlands zu Israel darf nicht so weit gehen, Israels genozidale Handlungen implizit zu billigen. Denn so schadet die Bundesregierung Deutschlands Interessen weltweit und macht sich darüber hinaus auf dem internationalen Parkett unglaubwürdig, ja sogar lächerlich. Außenminister Wadephul bedauerte die Niederlage seines Hauses. Aber anstatt selbstkritisch einen Kurswechsel in der Nahostpolitik zu verkünden, erklärte er nachhaltig, dass Deutschland weiterhin unverbrüchlich an der Seite Israels stehen werde. Diese Haltung geschieht aber nicht im Sinne der Bevölkerungsmehrheit hierzulande.
Sanktionen gegen Israel- immer noch ein TABU im Westen!!
Warum sind Sanktionen gegen Israel im Westen immer noch ein Tabu?
Unter dem Deckmantel der Selbstverteidigung erlaubt sich Israel, mithilfe massiver Unterstützung durch die USA Iran erneut militärisch anzugreifen. Ob man das
Regime der Islamischen Republik mag oder nicht, steht es fest, dass Israel bei den gegenwärtigen bzw. früheren Angriffen das Völkerrecht eklatant verletztt. Ist es nicht allmählich an der Zeit, Israel zu sanktionieren?
Die EU hat Ende 2025 beschlossen, die in Europa liegenden russischen Vermögenswerte auf unbestimmte Zeit eingefroren zu halten. Es handelt sich dabei um geschätzt über 200 Milliarden Euro an russischem Zentralbankvermögen, das größtenteils in Belgien liegt. Die Begründung lautet in etwa so: Das Einfrieren russischer Vermögenswerte ist eine Sanktionsmaßnahme als Reaktion auf den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dabei liegt der Fokus auf der Nutzung dieser Vermögen für die Ukraine als angegriffenes Land.
Man kann darüber streiten, ob diese Maßnahme von den Grundsätzen des Völkerrechts gedeckt ist. Es geht aber hier vor allem um die Berechtigung und Wirksamkeit solcher Sanktionsmaßnahme. Die fast einhellige Antwort im Westen lautet: Ja. Wie sieht die Sache aber im Fall des Angriffskrieges Israels gegen Gaza aus? Der Anschlag von Hamas am 7. Oktober 2023 ist in diesem Zusammenhang uneingeschränkt zu verurteilen. Das ändert allerdings nichts an der Notwendigkeit, die von Israel bisher unternommenen Militäraktionen gegen Gaza und die Westbank klar zu verurteilen. So geschah das in milder Form, als etwa BK Friedrich Merz den Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit“ an die Adresse Israels erhob. Andere Staaten, Menschenrechtsorganisationen und unabhängige NGOs sprachen hingegen klar von „Kriegsverbrechen“, andere Institutionen und internationale Gerichte prüfen gegenwärtig sogar den akuten Verdacht des Völkermords durch Israel.
Warum wird im Westen dennoch nicht in Erwägung gezogen, auch die in Europa und weltweit liegenden israelischen Vermögenswerte auf unbestimmte Zeit eingefroren zu halten? Im globalen Süden fände dieser Vorschlag eine klare Zustimmung. Ganz anders im Westen. Dadurch verliert der Westen weiterhin an Glaubwürdigkeit. Im Übrigen lehnt Israel, ein nichtzahlendes Mitglied des von Trump gegründeten „Friedensplans“ ab, sich an den Kosten des Wiederaufbaus des von ihm völlig zerstörten Gazastreifens zu beteiligen. Es will vielmehr den Gazastreifen oder zumindest Teile davon dauerhaft besetzen und diese, sobald wie möglich, annektieren. Im Westen gibt es dennoch weiterhin keinen Handlungsbedarf.
Aref Hajjaj
Internationale Niederlage Deutschlands
als Folge seiner Unglaubwürdigkeit
Das krachende Scheitern Deutschlands bei der Kandidatur für einen nicht ständigen Sitz beim Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen ist die logische Folge eines unglaubwürdigen Umgehens mit den Prinzipien des Völkerrechts. So sieht es die überwältigende Mehrheit der Mitgliedsstaaten, übrigens nicht nur aus den Reihen des globalen Südens. Kritisiert wird seit langem, dass die Bundesregierungen, also nicht erst die amtierende Koalitionsregierung, bei der Anwendung des Völkerrechts ständig mit zweierlei Maßstäben messen. Einerseits wird der russische Krieg gegen die Ukraine als Verletzung des internationalen Rechts verurteilt, was auch richtig ist. Andererseits wurden und werden immer noch die anhaltenden Kriege Israels gegen Gaza, die Westbank und den Libanon und der erneute amerikanisch-israelische Krieg gegen Iran bestenfalls als „unverhältnismäßig“ oder „strategisch fragwürdig“ milde kritisiert, zum Teil sogar implizit gerechtfertigt. Dass aber auch diese Kriege nach Beurteilung namhafter Völkerrechtler und Diplomaten eine eklatante Verletzung des Völkerrechts darstellen, bestreitet die jetzige Bundesregierung wie auch ihre Vorgängerregierung beharrlich. Dabei bleibt die Glaubwürdigkeit Berlins auf der Strecke. Es ist zu hoffen, dass die Bundesregierung aus dieser internationalen bitteren Niederlage die Schlussfolgerung ziehen möge, sich klar und ohne hin und aber rechtlich wie faktisch zum Völkerrecht zu bekennen. Das „besondere“ Verhältnis Deutschlands zu Israel darf nicht so weit gehen, Israels genozidale Handlungen implizit zu billigen. Denn so schadet die Bundesregierung Deutschlands Interessen weltweit und macht sich darüber hinaus auf dem internationalen Parkett unglaubwürdig, ja sogar lächerlich. Außenminister Wadephul bedauerte die Niederlage seines Hauses. Aber anstatt selbstkritisch einen Kurswechsel in der Nahostpolitik zu verkünden, erklärte er nachhaltig, dass Deutschland weiterhin unverbrüchlich an der Seite Israels stehen werde. Diese Haltung geschieht aber nicht im Sinne der Bevölkerungsmehrheit hierzulande.
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Unsere Kunden
Wir sind erfahren, verlässlich sowie fokussiert auf gute Ergebnisse und wissen es zu schätzen, mit großartigen Kunden zusammenzuarbeiten.
Unser Projekt
Wir arbeiten stets an verschiedenen Projekten – meistens, um für unsere Kunden das Beste zu erreichen. Von Zeit zu Zeit experimentieren wir jedoch auch an völlig neuen Konzepten und Ideen.
Guter Film aus Palästina
Empfehlenswert: der Film „Im Schatten des Orangenbaumes“
Während ich den palästinensischen Film „Im Schatten des Orangenbaums“, Titel auf Englisch: All That's Left of You, Titel auf Arabisch: اللي باقي منك (Ili baqi mink - "Was von dir übrigbleibt") verspürte ich stark ein Déjà-vu-Gefühl. Denn der Hauptprotagonist Salim wurde wie ich in Jaffa geboren und 1948 nach der Staatsgründung Israels im Alter von fünf Jahren gewaltsam aus seinem behüteten bürgerlichen Leben gewaltsam vertrieben.
Dieser Film wurde von vielen internationalen, vor allem europäischen (und deutschen) Institutionen finanziell kräftig gefördert. Er erhielt vorwiegend positive Kritik und handelt einfühlsam vom Schicksal dreier Generationen infolge der Vertreibung. Manche Kritiker bemängelten an ihm seine, wie es gelegentlich heißt, „epische Dimension“. Tatsächlich aber war der Film insgesamt fesselnd, und man spürte im Wesentlichen nicht die unangenehme Seite des epischen Erzählens. Nur die Szenen der Trauer um den von israelischen Besatzungssoldaten in der Westbank willkürlich getöteten Sohn Noor hätten kürzer ausfallen können. Tatsache ist allerdings auch, dass diese Szenen angesichts der Brutalität der israelischen Soldaten und des täglichen Terrors fanatischer Siedlerbanden einen der Kernbotschaften des Films wiedergeben.
Die Schauspieler und die Regisseurin Cherien Dabis , die auch eine der Hauptrollen im Film spielte (Hanan), haben ihre künstlerischen Aufgaben hervorragend bewältigt. Das gilt insbesondere für Saleh Bakri (Salim) und Adam Bakri (Sharif).
Mein Déjà-vu-Gefühl leitet sich von den Erfahrungen, die ich wie Salim als fünfjähriges Kind bei der Vertreibung 1948 erleiden musste. Natürlich war ich zu jung, um das Trauma der Nakba intellektuell einzuordnen oder gar aufzuarbeiten. Aber auch in diesem zarten Alter war es mir nicht erspart geblieben zu erleben, wie mein familiäres Umfeld stark unter dieser Tragödie leiden musste. Auch als Kind mit kurzer behüteter heiler Welt in Jaffa war es für mich unschwer, jene sozial-psychologische Entfremdung bzw. jenen Niedergang in wirtschaftlicher Hinsicht infolge der Nakba zu spüren.
Fazit: Wer das Schicksal der Palästinenser angesichts der Vertreibung besser erkunden will, sollte diesen Film unbedingt sehen. Der Film vermittelt dieses Schicksal trotz der epischen Trauerszenen ohne überspitztes Pathos-zwar gefühlsbetont, ohne jedoch den Hauch eines kitschigen, propagandistischen Nebentons. Überdies stellt der Film die Israelis nicht allesamt a priori als Bösewichte dar. Vielmehr öffnet er eine vernehmbare Tür in Richtung Hoffnung und Frieden. Am Ende erklären sich Salim und seine Frau Hanan sogar bereit, das Herz ihres toten Sohnes zur Transplantation freizugeben. Nutznießer ist ein israelisch-jüdisches Kind, mit dem sie später Kontakte voller Melancholie und Empathie knüpfen werden.
Aref Hajjaj
Berlinale/Palästinensischer Filmemacher Al Khatib 2026
I
Abdallah Al-Khatib ist ein guter und engagierter palästinensischer Filmemacher. Andererseits hielt er auf der diesjährigen Berlinale eine Rede, die er besser ein bisschen anders formuliert hätte. Dort machte er Deutschland mitverantwortlich für das genozidale Vorgehen Israels gegen die Zivilbevölkerung im besetzten Palästina. Dass Israel Völkermord begeht, ist durch viele fundierte völkerrechtliche Studien belegt.
https://youtube.com/shorts/a20Ho51svjM?si=YWAv3LsKh0Pvcu4x
Besser wäre es, wenn er, bezogen wohl auf Deutschland und nicht auf Israel, von einer Mitverantwortung am kriegsverbrecherischen Vorgehen Israels gegen die Palästinenser gesprochen hätte. Diese Unterscheidung ist keine pure Semantik, sondern eine rechtlich wie moralisch gerechtfertigte Korrektur.
Dass der zuständige Kulturstaatsminister Wolfram Weimer u.a. diese Rede nun benutzt, um „strukturelle“ Veränderungen innerhalb der Berlinale-Leitung durchzuführen, möglicherweise die Intendantin zu entlassen und die Unabhängigkeit dieser international renommierten Institution auszuhebeln, ist unnötiger, ja blanker Aktionismus, die die Kunstschaffenden weltweit verhindern sollten.
US-Politik unter Trump: Unberechenbar und neoimperialistisch
Was Trump im Januar in Venezuela gemacht hat, ist beides: neoimperialistisch und unberechenbar. Ihm geht es dort keinesfalls um die Einführung der Demokratie, zumal er im eigenen Land Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Gewaltenteilung sukzessive aushöhlt. Auch in der Drogenbekämpfung scheint er nur einen Vorwand gewunden zu haben, zumal Venezuela nach Urteil vieler Experten in diesem Bereich nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es geht Trump einzig und allein um politischen und wirtschaftlichen Einfluss, konkret um Erdöl. Was steht nun Grönland, Panama, Kanada und vielleicht auch Gaza bevor? Arme Zivilisten, armes Völkerrecht!
Die Keule des Antisemitismusvorwurfs- immer wieder
Ich kenne den (palästinensischen) Bischof der Evangelischen Kirche für das Heilige Land und Jordanien, Sani Ibrahim Azar, gut genug, um ihn als einen ausgewogenen, liberalen und weltoffenen Christen zu bezeichnen. So hat er damals den Anschlag vom 7. Oktober klar als Gräueltat, ja als Terroranschlag verurteilt. Nun verurteilte er Israels brutalstes Vorgehen in Gaza in einer Predigt anlässlich des Reformationstages als „Völkermord“, was auch von vielen Völkerrechtlern, Politikern und Menschenrechtlern gesehen wird. Die anwesende NRW-Delegation des Landtags und der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland brandmarkten die Predigt, die Grünenpolitikerin Sylvia Löhrmann bezeichnete sie sogar als „antisemitisch“. Diese inflationär eingesetzte Keule des Antisemitismusvorwurfs banalisiert aber eklatant dieses rassistische Phänomen und stellt die Fakten auf den Kopf. Anders gefragt: Darf etwa Israel alles tun, da jede Kritik an seinen völkerrechtswidrigen Handlungen von manchen politischen Kreisen automatisch als „antisemitisch“ verunglimpft werden darf? Diese Haltung ist bestürzend und einer Kulturnation wie Deutschland unwürdig. (Aref Hajjaj)
Der FAZ-Artikel: „Krieg in Nahost : Eklat in Jerusalem: Zentralrats-Vize verlässt Gottesdienst01.11.2025, 09:04 Palästinensischer Bischof hatte in Predigt von „Völkermord“ gesprochen FAZ - Susanne Kusicke 1-11-25Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, hat einen Gottesdienst zum Reformationsfest in Jerusalem verlassen, weil in der Predigt des palästinensischen Bischofs Sani Ibrahim Azar im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt von „Völkermord“ an den Palästinensern die Rede war. Er erhielt Unterstützung von einer Delegation des nordrhein-westfälischen Landtags, mit der er nach Israel gereist war.Lehrer hatte am Freitag am internationalen Gottesdienst der evangelischen Gemeinden Jerusalems in englischer, arabischer und deutscher Sprache teilgenommen, „um auch ein Zeichen der Verbundenheit mit den christlichen Kirchen zu setzen“. Er verließ den Gottesdienst in der Erlöserkirche in der Jerusalemer Altstadt während der Predigt von Azar, dem Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, „weil im gedruckten Text auf Englisch das Wort Genozid von ihm verwendet wurde, in der deutschen Übersetzung das Wort Völkermord zu lesen war“.Bischof Azar hatte in seiner Predigt gesagt: „Heute erwarten die Menschen in Palästina von uns, dass wir uns gegen Ungerechtigkeit aussprechen, wo immer sie auftritt.“ Die Kirche reformiere sich ständig, erklärte er und stellte die Frage: „Aber wie sieht Reformation nach zwei Jahren Völkermord aus?“ Wenn die internationale Gemeinschaft das Leiden der Palästinenser ignoriere oder palästinensische Christen aus ihrer Heimat vertrieben würden, sei das „ein Aufruf zur Reformation“. Aus Solidarität mit dem Zentralrats-Vize blieb die Delegation aus Nordrhein-Westfalen dem Empfang nach dem Gottesdienst fern. Landtagspräsident André Kuper (CDU) sagte dem epd zum Genozid-Vorwurf: „Für mich persönlich und für uns als Deutsche ist solch eine Wortwahl nicht akzeptabel und auch nicht hinnehmbar.“ Die nordrhein-westfälische Antisemitismusbeauftragte Sylvia Löhrmann (Grüne) nannte es „entsetzlich und beschämend, - Hier zeige sich „das antisemitische Muster der Täter-Opfer-Umkehr“.
Das war menschenverachtend“: Gespräch des Bonner General-Anzeigers heute mit Aref Hajjaj.
"Aref Hajjajj aus Bonn ist Politikwissenschaftler, Nahost-Experte und Leiter des Palästina-Forums. „Ich bin froh, dass es zu einer Waffenruhe gekommen ist, aber skeptisch, wie lange sie halten wird“, erklärt er. Er zeigt sich erleichtert über die Freilassung der Geiseln. „Das war menschenverachtend“, sagt der Deutsche mit palästinensischen Wurzeln über die Geiselnahme. Für ihn ist die Freilassung ein guter Schritt. Er hofft, dass die Hamas entwaffnet und in Zukunft keine entscheidende Rolle mehr für die Palästinenser übernehmen wird.Gleichzeitig bereitet ihm die Ankündigung von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu Sorgen, den Krieg auch nach Freilassung der Geiseln fortzusetzen. Hinzu komme, dass US-Präsident Trump in seiner Rede am Montag in der Knesset zwar die Erfolge Israels und der USA hervorhob, nicht aber auf die Palästinenserfrage einging. „Dass darüber nicht gesprochen wird, ist keine gute Nachricht für die Palästinenser – und auch nicht für die Israelis, die nur sicher leben können, wenn die Palästinenser fair behandelt werden“, so Hajjaj. Wer von der Zwei-Staaten-Lösung spreche, müsse auch die bestehenden Hindernisse benennen – allen voran die israelischen Siedlungen in der Westbank. Der palästinensische Staat, der von der Weltgemeinschaft gefordert werde, brauche eine Basis. Diese Basis existiere nicht, solange 700.000 israelische Siedler verstreut in der gesamten Westbank leben. „Ohne Druck auf Israel – gerade auf die Rechtsextremisten – sehe ich keine Chance auf einen wirklichen Frieden, auf Stabilität und Sicherheit im Nahen Osten.“
Wichtiger Artikel in der SZ vom 8. Oktober über GAZA und Deutschland
Heute ist in der Süddeutschen Zeitung ein lesenswerter, objektiver und offener Artikel von Detlef Esslingen über die Wahrnehmung des Gaskrieges durch große Teile der deutschen Politik erschienen. Seine an die deutsche Politik und Gesellschaft gerichtete Botschaft lautet: Die Anteilnahme darf nicht nur den israelischen Opfern, also nur einem Teil des Konflikts, gelten, sondern sie muss sich ebenfalls auf die palästinensischen Opfer beziehen. Damit prangert Esslinger die verstörende Tatsache an, dass Deutschland wieder einmal in der Beurteilung des Leidens und des Schmerzes sowohl der Palästinenser als auch der israelischen Juden mit zweierlei Maß messe. Unweigerlich gewinnt man hier leider den Eindruck, dass für den politischen Mainstream in Deutschland formal und emotional nur das Leid der jüdischen Opfer des Terroranschlags vom 7. Oktober (1200 Tote) zählt und deutlich weniger das Schicksaal der Toten von Gaza (etwa 67.000 Tote, davon 20.000 Kinder). Diese heuchlerische Doppelstandard-Mentalität ist menschenverachtend und beschämend.
Phoenix-Interview mit Aref Hajjaj über den "Trump-Plan" vom September 2025
Deutschlands Verhältnis zu Israel: nachhaltige Unglaubwürdigkeit
Merz bekundet, dass sich Deutschland höchst wahrscheinlich an den EU-Sanktionen gegen Israel trotz des Gemetzels in Gaza und der Westbank nicht beteiligen werde. Die Begründung ist bizarr. Erstens wegen der deutschen Vergangenheit und zweitens weil Sanktionen angeblich nichts bringen würden. Lieber wolle seine Regierung die Gesprächskanäle mit Israels rechtsextremer Führung nutzen. Der selbe Merz betont gleichzeitig und gebetsmühlenartig die uneingeschränkte Bedeutung der verhängten Sanktionen gegen Russland und Iran. Ist ihm logisches und konsequentes Denken dermaßen abhanden gekommen, dass er nicht spürt, wie grotesk unglaubwürdig er „argumentiert“ und handelt? Außerdem sollte er gerade wegen der NS-Verbrechen ein klares Gespür für Gerechtigkeit und Menschlichkeit an den Tag legen.
Mission Wadephuls in Israel gescheitert?(1. August 2025)
Man kann heute schon sagen, dass die Mission des deutschen Außenministers Wadephul in Israel sich als ergebnislos und daher gescheitert erweisen wird.
Zwei offizielle Aussagen aus Israel belegen diese Feststellung. Erstens behauptet Netanjahu, es sei eine Lüge, von einem Hungersnot und gar Hungerstod der Zivilisten in Gaza zu sprechen. So als gäbe es nicht täglich diese schrecklichen Bilder und Berichte über Hunderte toter Palästinenser infolge der humanitären Katastrophe und der Erschießungen durch die israelische Armee und die US-amerikanische Stiftung "Gaza Humanitarian Foundation" (GHF). Zweitens verwahrt sich der israelische Außenminister gegen die schlichte „Bitte“ der Bundesregierung an die Adresse der israelischen Regierung, sie möge keine palästinensischen Gebiete annektieren und keine Palästinenser aus ihrer Heimat deportieren.
Angesichts dieses Scheiterns infolge der völligen Abhängigkeit Netanjahus von seinen rechtsextremen Koalitionspartnern fragt man sich, wann die von BK Merz angedrohten „Gegenmaßnahmen“ endlich erfolgen werden. Dazu gehört u.a. die sofortige Einstellung der Waffenlieferung an Israel und die Aussetzung des Assoziierungsabkommens mit der EU. Bliebe es allerdings wieder einmal bei standardmäßigen Beschwichtigungen, würde die Glaubwürdigkeit Deutschlands in der gesamten Welt vollends verloren gehen.
Phoenix-Gespräch mit Aref Hajjaj über die Apokalypse von Gaza
Neue Israel-Politik der Bundesregierung?
Endlich kritisiert der neue Bundeskanzler Friedrich Merz das brutale Vorgehen Israels im Gaza-Krieg in für deutsche Verhältnisse klaren Worten. Hingegen zeigen die CDU-Außenpolitiker Kiesewetter und Laschet nach wie vor volles Verständnis für dieses brutale Vorgehen. Laschets Begründung grenzt an Absurdität und ist von Opportunismus und „politischer Korrektheit“ der traditionellen deutschen Nahostpolitik getragen. Für ihn ist es gerechtfertigt, dass im Kampf gegen den Terrorismus auch die Zivilbevölkerung Schaden davon trage.
Grund für den Sinneswandel von BK Merz ist sicherlich die Tatsache, dass 80 % der deutschen Bevölkerung Israels Krieg in Gaza scharf ablehnen. Ein Kurzwechsel in der deutschen Palästina-Israel-Politik ist überfällig, jedoch noch nicht zu spät. Es sollen allerdings konkrete Maßnahmen erfolgen. Vor allem müssen die deutschen Waffenlieferungen an Israel sofort gestoppt werden. Sonst würde die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik ihre Glaubwürdigkeit vollends verlieren.
ten Ergebnisse erzielen.
Drei Anmerkungen zur Palästina-Israel-Politik der neuen deutschen Regierung
Drei Anmerkungen zur Lage in den besetzten palästinensischen Gebieten und zur Haltung der neuen Bundesregierung zum Palästina-Israel-Konflikt:
1) Natürlich muss man der neuen Bundesregierung Zeit lassen, bevor man ihre Haltung zu den beiden Konfliktparteien gründlich beobachten und abschließend bewerten kann. Wir hoffen allerdings, dass der neue Bundeskanzler Friedrich Merz allmählich die Notwendigkeit sieht, den Konflikt nicht weiterhin so radikal einseitig zu evaluieren wie bisher. In der SZ vom 9. Mai reagiert er auf die Forderung verschiedener NGOs und anderer humanitärer Organisationen auf die vorübergehende Aufnahme von schwerkranken Menschen aus Gaza zynisch und menschenverachtend: Deutschland habe heute schon viel zu viele „antisemitische junge Männer“. Das sagte er, als er noch Oppositionsführer im Bundestag war. Zu hoffen also ist, dass er derartige derbe und undifferenzierte Rhetorik nicht länger verwendet. Im Übrigen hat Deutschland bisher nur zwei kranken Menschen aus Gaza die medizinische Betreuung hierzulande gestattet.
2) Der palästinensische Politiker und Bürger des Staates Israel Ahmad Tibi stellte kürzlich zurecht fest, dass Rechtsextremisten wie Ben Gvir und Smotrich längst nicht Außenseiter des politischen Spektrums in Israel seien, sondern dessen Zentrum.
3) Der neue deutsche Außenminister Wadephul bemühte sich während seines Besuchs in Israel und Palästina um eine für deutsche Verhältnisse bemerkenswerte Ausgewogenheit. Er forderte in Israel eine Beendigung der Kriegsoption und eine Hinwendung zu politischen Verhandlungen. Dabei konstatierte er, dass eine Ausweitung der Militäroperation durch Israel dessen Sicherheit nicht fördere, sondern gefährde.
Josef Schuster steht wieder auf der Seite der israelischen Rechtsextremen
Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, fordert heute die Einstellung der humanitären Hilfe aus Deutschland für Gaza. Tatsächlich gelangen Seit 40 Tagen durch die Blockade des Gazastreifens keine einzigen humanitären oder medizinischen Hilfsgüter in den Gazastreifen.Angesichts des brutalen und sinnlosen Krieges Israels in Gaza, bei dem über 50.000 Menschen getötet, etwa 200.000 Menschen verletzt und zum großen Teil verstümmelt wurden und 90 % der Infrastruktur zerstört worden ist , muss man diese Forderung als zynisch und menschenverachtend zurückweisen. Schon in seiner Eigenschaft als ehemaliger Arzt in Würzburg hätte Schuster so einen unverschämten Unsinn nicht fordern dürfen. Schuster begründet seine Forderung mit der Behauptung, Hamas habe das Flüchtlingshilfswerk der UNO für Palästina UNRWA infiltriert. Allerdings hat der Schweizer öffentlich-rechtliche Fernsehsender RSI gestern in Beiträgen, Recherchen und Interviews u.a. mit hohen UN-Vertretern wie Philippe Lazzarini und Natalie Boucly nachgewiesen, dass derartige Behauptungen nicht nachgewiesen werden konnten. In Gaza beträgt die Zahl der UNRWA-Mitarbeiter 13.000. Selbst wenn die umstrittene Behauptung zuträfe, dass etwa 7 oder 8 Mitarbeiter für Hamas tatsächlich gearbeitet hätten, wäre es absurd und ungerechtfertigt, aus diesem Grund die Einstellung der humanitären Hilfe durch die Vereinten Nationen zu verlangen.
Der palästinensische Dokumentarfilm "NO OTHER LAND"
Ich habe im Bonner Kino „Brotfabrik„ den palästinensisch-norwegischen Dokumentarfilm „No other land„ über den täglichen Siedlerterror in der WB gesehen. Am Film beteiligt sind palästinensische und israelisch-jüdische Künstler. Der Film wurde mehrmals prämiert, so erhielt er den u.a. Oscar für den besten Dokumentarfilm. Trotzdem bezeichnete ihn der Berliner Senat als „antisemitisch“. Der Film ist ein harter Brocken, den man jedoch gesehen haben muss. Dort wir dokumentiert, wie die Dorfbewohner von Siedlern und ihren Schützlingen, dem israelischen Militär, drangsaliert, schikaniert, geschlagen und teilweise sogar erschossen werden, nur weil sie friedlich gegen den Abriss ihrer Häuser und den Plan der israelischen Behörden, sie aus ihren Heimatorten zu deportieren. Offiziell begründet wird der Abriss mit dem bevorstehenden Bau neuer militärischer Übungsplätze auf dem Gebiet mehrerer palästinischer Dörfer. Der mutmaßlich kommende Bundeskanzler Friedrich Merz, der Netanjahu trotz des Urteils des Internationalen Strafgerichts unbedingt nach Berlin einladen möchte, sollte diesen Film sehen. So würde er endlich die andere Seite der Medaille kurz kennenlernen können.
Aref Hajjaj
Krieg in Gaza beenden
BK Friedrich Merz übt gerade als bekennender Israel-Freund neuerdings für die deutschen Verhältnisse klare Kritik an den israelischen Kriegshandlungen in Gaza aus. Beinahe verzweifelt fragt er nach den strategischen Zielen dieses Krieges, um daraus richtig zu folgern, dass es gar keine Strategie dahinter gibt. Ehrlicherweise sollte er erkennen, dass die Wucht der israelischen Angriffe sich nicht nur gegen Hamas, sondern auch und gerade gegen die palästinensische Bevölkerung in Gaza und der Westbank richtet. Merz beklagt zurecht die tägliche sinnlose Tötung von Zivilisten, vor allem diejenigen, die nach Essbarem und Trinkbarem vergeblich suchen und dabei oft von der israelischen Armee und deren sog. Stiftung für humanitäre Lebensmittelhilfe kaltblütig erschossen werden.
Trotz der sanften Änderung der Rhetorik Berlins gegenüber Israel sind zwei kritische Anmerkungen zur Politik der Bundesregierung dringend angebracht:
- Merz weigerte sich, im Namen der Bundesregierung eine wirklich harmlose Erklärung zu unterzeichnen, die von 29 westlichen Staaten unterzeichnet wurde und lediglich eine sofortige Waffenruhe und einen uneingeschränkten Zugang der leidgeprüften Bevölkerung in Gaza zu medizinischer und Lebensmittelhilfe fordert. Seine Begründung, er habe inhaltlich Ähnliches bereits gesagt, ist beides: fadenscheinig, unmutig und unsolidarisch.
- Noch schlimmer ist die Tatsache, und das gilt für alle anderen Staaten der Welt einschließlich der sog. arabischen Bruderstaaten, dass im Hinblick auf die täglichen Massaker in Gaza viel zu viel geredet, aber so gut wie gar nicht gehandelt wird. Das muss man im Klartext als Schande bezeichnen. Die deutsche Regierung, die sich das Ausmaß der Verbrechen von Holocaust und Srebrenica bewusst ist, sollte sich in Sachen Gaza und Westbank klar und entschlossen zugunsten einer sofortigen Beendigung der laufenden humanitären Katastrophe positionieren. Übrigens: Deutschland liefert immer noch Waffen an Israel!
Viele Grüße,
Aref Hajjaj
Skandalöse Antisemitismus-Konferenz in Israel
Michael Brunner ist kein propalästinensischer Aktivist. Er ist vielmehr ein Professor für Judaistik an der Münchner Universität und Direktor des Zentrums für Israel-Studien an der American University in Washington D.C. Er moniert in der Ausgabe der Süddeutschen vom 20. März das Vorhaben der rechtsextremen Regierung in Israel, Ende März eine Konferenz in Jerusalem über den Antisemitismus abzuhalten, zu der hauptsächlich rechtsradikale Politiker und Ideologen aus den USA, Lateinamerika und Europa eingeladen worden sind wie der argentinische Präsident Milei, der Evangelikaler Evans, der serbische Ultranationalist Dodik und die Protagonisten der rechten Bewegung aus Frankreich, Italien und Ungarn. Das war der Grund dafür, dass z.B. der CDU-Politiker Laschet und der jüdisch-französische Schriftsteller Bernard-Henry Le´vy ihre ursprüngliche Zusage, an der Konferenz teilzunehmen, zurückgenommen haben. Selbst der Präsident der DIG Volker Beck und der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein haben ihre Teilnahme ebenfalls abgesagt. Brunner schreibt weiter, dass differenzierungswillige Antisemitismusexperten gar nicht eingeladen worden sind und schlussfolgert, dass die besagte Konferenz letztlich den Antisemitismus aufgrund der personellen Struktur der Konferenzteilnehmer nicht bekämpfen, sondern eher befeuern werde. Einer der entscheidenden gemeinsamen Nenner der Teilnehmer sei nach Ansicht Brenners, die sog. Justizreform in Israel, eines der Lieblingsprojekte der rechtsextremen israelischen Regierung, voranzutreiben.
Zum Tode von Siegfried Ullmann
Am 03.03.2025 um 15:58 schrieb Ekkehart Drost <[email protected]>:
Liebe Freundinnen und Freunde,
alle Menschen, die sich für gleiche Rechte in Palästina einsetzen, werden den Tod von Siegfried Ullmann betrauern, der am 25. Februar im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Bis zum Schluß seines langen Lebens hat er noch regelmäßig seine Informationsbriefe an uns geschickt. Den letzten, Nummer 523 (!!), hat er noch kürzlich an uns verschickt. Ich habe ihn zu Eurer Kenntnis unten angehängt.
Wir verlieren mit Siegfried Ullmann einen Menschen, dessen unermüdliches und kompromißloses Engagement uns allen Beispiel und Vorbild bleiben wird.
Seine Informationsbriefe werden uns allen fehlen.
Mit traurigen Grüßen
Ekki
Aref Hajjaj schrieb:
Lieber Ekki,
das ist wirklich ein großer Verlust, menschlich wie auch im Hinblick auf das unermüdliche Engagement von Siegried Ullmann für Gerechtigkeit, Frieden und die Sache Palästinas. Möge er in Frieden ruhen.
Herzliche Grüße,
Aref
Siegfried Ullmann
Lärchenweg 16
53347 Alfter, 6. Februar. 2025
Informationsbrief 523
Betreff.: Aktuelle Informationen und Stellungnahmen zu den Geschehnissen in Israel und Palästina
Tim Guldimann, früher Schweizer Botschafter in Berlin: "Untergräbt die Solidarität mit Israel die Glaubwürdigkeit westlicher Werte?"
https://www.journal21.ch/artikel/nach-200000-toten-im-jugoslawienkrieg-hat-die-intervention-des-westens-der-region-den Wer ist Tim Guldimann: https://de.wikipedia.org/wiki/Tim_Guldimann
Tim Guldimann: [email protected]
Kämpfe im Westjordanland dauern an
https://share.fr.de/share/792225--xDWctbGn2MbwYr57b438--20250205
UNRWA - Ein fataler Schritt
https://share.fr.de/share/789575--RLq4sXZikwYqSzVe562e--20250131
Ziel der Offensive war, die Palästinensische Gesellschaft zu zerstören.
https://share.fr.de/share/792212--OpxRV7GG5fJm07S5f52b--20250205
Südafrika wehrt sich gegen Vorwürfe
https://share.fr.de/share/792170--qj8p89989sbm4QDc4cc1--20250205
| Vor 20 Jahren schrieb Gideon Levy: "Die Geschichte ist voller Kämpfe und Kriege wie dieser hier. Junge Leute deines Alters wurden aus einem Grund, der ihnen als ungeheuer wichtig beschrieben wurde, in den Tod geschickt – und irgendwann ist der Krieg vorüber, der Konflikt wurde irgendwie friedlich gelöst, als ob er sich nie ereignet hätte, und dann fragt jeder: Warum? Wofür war das alles? Du und sicher deine Kinder werden nicht verstehen, was wir dort getan haben. Genau wie die Familien der Soldaten, die im Libanon fielen, sich heute fragen: Was haben wir dort getan?" In welcher Richtung Änderungen zu einer friedlicheren Zukunft zu suchen sind, beschreibt der einleitende Kommentar auf Seniora. Ob dafür im Land zwischen Meer und Fluss noch genügend Zeit bleibt ? >> www.palaestina.ch/de/aufgefallen
|
Läßt Netanjahu die Vereinbarungen platzen?
https://share.fr.de/share/790668--Q4BrGWBBG2oVh5zbb393--20250203
Eine Phoenix-Runde mit Michael Lüders, zwar schon einige Jahre alt, aber dennoch hochaktuell, besonders ab 13. Minute und ab 26. Minute:
Münchner Uni verhindert Vortrag von UN-Sonderberichterstatterin
IPPNW warnt vor schwerem Völkerrechtsbruch - Trumps Pläne für den Gazastreifen
https://www.ippnw.de/presse/artikel/de/ippnw-warnt-vor-schwerem-voelkerrecht.html
„Hätt-ich-gern-Imperialismus“ – So reagiert die Politik in Deutschland auf Trumps Gaza-Pläne
Beigefügt sind wieder wichtige, aber überwiegend erschütternde Informationen und Kommentare, siehe insbesondere die ersten beiden Anlagen (Spiegel-Artikel und SABEE.)
Der umfangreiche Lesestoff reicht sicherlich für mehrere Tage. Schauen Sie mal, was für Sie von besonderem Interesse ist und was Sie verkraften können.
Siehe ebenfalls unter
BIP-Aktuell #335: Mike Huckabee
Die Politik des neuen US-Botschafters in Israel. Viele Kinder in israelischen Gefängnissen.
|
| https://www.das-palaestina-portal.de/
Amnesty international:
Auf diesen Seiten der deutschen Sektion von AI finden Sie alle neuen Artikel zu Israel/Palästina/Gaza:.
https://amnesty-israel-palaestina.de/
Mit solidarischen Grüßen
Siegfried Ullmann
Israel geht jetzt auch gegen palästinensische Buchhändler
Liebe Palästina-Israel-Interessierte,
der Spiegel berichtet in seiner aktuellen Ausgabe von Verhaftungen alteingesessener palästinensischer Buchhändler in Ost-Jerusalem und Beschlagnahme Hunderter Bücher auch von jüdischen Autoren. Begründung: Gewaltverherrlichung. Der Protest vieler jüdischer und palästinensischer Autoren, Leser und Politiker in Israel beweist, dass solche Vorwürfe völlig fadenscheinig sind. Dort wird außerdem kurioserweise berichtet, dass auch Orwells Buch „1984“ mit der „Begründung“ beschlagnahmt wurde, es stelle eine Verbindung zur Staatsgründung Israels bzw. zur Nakba von 1948 her.
Viele Grüße,
Aref Hajjaj
Dr. Aref Hajjaj
LESERBRIEFE zu einem Spiegel-Gespräch mit fünf arabischstämmigen Personen
Einerseits. Andererseits: Leserbriefe zu einem Spiegel-Gespräch
Heft 5/2025 Fünf Menschen mit arabischen Wurzeln debattieren im SPIEGEL-Gespräch über ihr Verhältnis zu Deutschland (25. Juanuar 2025)
- Dass im Tischgespräch mit Dunja Ramadan fünf Menschen mit arabischer Migrationsgeschichte die Möglichkeit haben, ihre Sicht auf den Gazakrieg frei zu äußern, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein – ist es aber mit Blick auf die zurückliegende Berichterstattung der deutschen Qualitätspresse nicht. Kritik an der israelischen Kriegsführung wird hierzulande sofort als antisemitisch zurückgewiesen. Herr Hajjaj spricht die Einseitigkeit unserer Berichterstattung an und verweist auf die israelische Zeitung »Haaretz«, die BBC oder Schweizer Medien als bessere Informationsquellen. Insofern ist die Gesprächsmoderation doch beachtlich, weil sie Mitglieder einer Minderheit zu Wort kommen lässt, über die sonst nur sehr fragwürdig berichtet wird.
Hartmut Lindner, Chorin (Brandenb.) - Bemerkenswert an dem SPIEGEL-Gespräch ist, dass fünf Menschen mit arabischen Wurzeln zwar antimuslimische, nicht aber antisemitische Straftaten, die hierzulande knapp viermal so häufig vorkamen, erwähnen. Da überrascht es nicht mehr, dass ihnen weder ein einziges Wort des Bedauerns über das Massaker vom 7. Oktober 2023 über die Lippen kommt, noch die Aussage, dass Letzteres das Elend der Gaza-Bewohner verursacht hat.
Martin Klein, Margetshöchheim (Bayern) - Die unreflektierten Denk- und Argumentationsweisen der fünf arabischstämmigen Diskutierenden verschlagen einem den Atem. Kein Bewusstsein für das (geschichtlich bedingte) Leiden der Juden, keine Anerkenntnis der Initialzündung des furchtbaren Krieges durch das Massaker des 7. Oktober, keine Einsicht in die Notwendigkeit der Distanzierung von der für diese Verbrechen verantwortlichen Hamas, kein Wort über die noch immer festgehaltenen Geiseln. Wer Mitgefühl erwartet, muss es auch gegenüber allen seinen Mitmenschen aufbringen.
Dr. Eckhardt Schmidt, Neuenkirchen (Nieders.) - Ich danke Ihnen für dieses ausgezeichnete Interview. Vermisst habe ich aber die -Thematik des israelischen Antiarabismus.
Siegfried Ullmann, Alfter (NRW)
Phoenix-Interview mit Aref Hajjaj
über Trumps Gaza-Pläne am 5.2.2025
Der Link zum Interview:
Israels Propagandakrieg gegen DER SPIEGEL
Israels Botschafter sandte über X einen offenen Brandbrief an den Chefredakteur des Spiegels. Dort wird dem Spiegel vorgeworfen, gegenüber Israel „hasserfüllt“ aufzutreten. Grund dafür ist die Tatsache, dass der Spiegel prominenten Juden und Israelis die Gelegenheit gibt, sich kritisch über die israelische Politik gegenüber den Palästinensern zu äußern.
Auch wir, die fünf Personen mit arabischen Wurzeln (Der Spiegel hat uns in der vorigen Ausgabe interviewt), sind Zielscheibe seiner heftigen Kritik. Zunächst spricht er von „Muslimen“. Dabei hat keiner (keine) von uns sich über die Religionszugehörigkeit definiert. Der Spiegel habe uns eine Plattform gegeben, damit wir behaupten könnten, wir seien die „wahren Opfer“ des 7. Oktobers. Niemand von uns hat das direkt oder subtil behauptet. Außerdem habe ich ausdrücklich die Hamas mitkritisiert. Der Botschafter schreibt weiter, wir seien durch die von ihm uns unterstellte Behauptung über die Relativierung des Holocaust hinausgegangen. Beweise dafür liefert er allerdings gar keine. Fazit an die Adresse des Botschafters: Es gibt wohl intelligentere und wirksamere Formen der Propaganda. So aber nicht.
Aref Hajjaj
1.2.2025
Spiegel-Gespräch vom 25. Januar 2025/Beiträge von Aref Hajjaj
Auszüge aus dem SPIEGEL-Gespräch, 25.1.2025 (Beiträge Aref Hajjaj)
SPIEGEL: Spielt der Krieg für Sie eine Rolle bei der Frage, wen Sie bei der Bundestagswahl im Februar wählen?
Alle in der Runde nicken.
Hajjaj: Darf ich anfangen? Ich bin 81 Jahre alt und habe nichts mehr zu verlieren. Ich bin eher der rationale Typ, aber ich spüre eine Frustration, wie ich sie vorher nicht kannte, vor allem gegenüber der SPD. Nach 45 Jahren werde ich diese Partei nicht mehr wählen. Ich war von 1972 bis 2003 im Auswärtigen Amt. Ich habe unter anderem die Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl auf Reisen in den Nahen Osten begleitet. Diese Männer hatten Rückgrat, sie haben sich immer auch für die Rechte der Palästinenser eingesetzt. Der als vorsichtig belächelte Außenminister Hans-Dietrich Genscher forderte eine Räumung der Siedlungen in den besetzten Gebieten, keinen Siedlungsstopp wie Außenministerin Annalena Baerbock. Heute würde kein einziger deutscher Politiker so etwas öffentlich sagen.
SPIEGEL: Seitdem sind ein paar Jahrzehnte vergangen. Mittlerweile sprechen wir von 700.000 israelischen Siedlern. Wo sollen die hin?
Hajjaj: Die Siedlungen sind das größte Hindernis für eine Zweistaatenlösung. Die Europäische Union hat im April 2024 erstmals Sanktionen gegen radikale Siedlerbewegungen ausgesprochen, das ist viel zu spät. Die Israelis dürfen machen, was sie wollen. Wenn ich der politischen Klasse in Berlin heute zuhöre, merke ich die Unehrlichkeit und die mangelnde Zivilcourage bei Leuten wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzler Olaf Scholz, Innenministerin Nancy Faeser und SPD-Außenpolitikexperte Michael Roth. So auch bei den anderen etablierten Parteien.
SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel nennen?
Hajjaj: Wenige Wochen später nach dem 7. Oktober forderte Steinmeier arabischstämmige Menschen in Deutschland dazu auf, sich von der Hamas zu distanzieren. Er sagte, Menschen mit arabischen Wurzeln sollten dem Terror eine Absage erteilen. Zwischen den Zeilen ist klar, wenn man diesen Politikern zuhört: Die Palästinenser sind immer die Täter. Das tut weh. Natürlich gibt es irregeleitete Palästinenser, die Fehler machen, gerade bei Demonstrationen, aber dieser fehlende Wille zu differenzieren, macht mich wütend.
SPIEGEL: Kritiker werfen der propalästinensischen Szene vor, sich nicht genug von der Hamas zu distanzieren. Ist dieser Vorwurf falsch?
Hajjaj: Ich finde es schade, dass neben der harten, berechtigten Kritik an Israel wenige Palästinenser dazu bereit sind, auch die Hamas zu kritisieren. Aber dieser Vorwurf suggeriert fälschlicherweise eine automatische Nähe der Palästinenser zur Hamas.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich diesen Wandel der Bundesregierung in den vergangenen Jahrzehnten?
Hajjaj: Die Politiker haben Angst um ihre Karrieren, Angst, als Antisemiten zu gelten, wenn sie Israel kritisieren. Auf Israel und die USA müssen sie Rücksicht nehmen. Und die arabischen Regierungen spielen im Bewusstsein der deutschen Politik heute zu Recht keine Rolle, weil es ihnen an strategischen Konzepten fehlt. Salopp gesagt haben es die arabischen Regierungen auch nicht verdient, dass man auf sie Rücksicht nimmt. Sie sind entweder korrupt oder kümmern sich nur um ihre Wirtschaft. Ein weiteres Problem ist, dass die Palästinenser keine strategischen Verbündeten haben. Ich spreche nicht von Völkern, sondern von Regierungen.
SPIEGEL: Wen werden Sie statt der SPD wählen?
Hajjaj: Ich werde aus Wut – aber durchaus auch aus rationaler Einsicht heraus – das Bündnis Sahra Wagenknecht wählen, weil sie mir als altem SPDler bei der Sozialfrage zuspricht und weil sie den Mut hat, klare Worte zu Palästina zu sprechen.
Hajjaj: Sahra Wagenknecht hat mehr zu Gaza gesagt als jeder andere deutsche Politiker. Schon im Mai 2024 sprach sie von Israels »Kriegsverbrechen« und bezeichnete Gaza als »Freiluftgefängnis seit vielen Jahren«.
SPIEGEL: Auch viele Jüdinnen und Juden beklagen nach dem 7. Oktober fehlende Empathie.
Hajjaj: Ich verstehe auch, wenn Jüdinnen und Juden kritisch von einer zur Schau gestellten Empathie sprechen, von Sonntagsreden, aber im Vergleich zu den Palästinensern gibt es immerhin Empathie von offizieller Seite.
SPIEGEL: Kürzlich hat das Verwaltungsgericht in Regensburg die Entscheidung einer Einbürgerungsbehörde bestätigt, die einem Palästinenser die Einbürgerung verweigerte, weil er Israel nicht anerkennt. Finden Sie das richtig oder falsch?
Hajjaj: Ich halte es für irrsinnig. Das züchtet neue Antisemiten heran. Für mich ist die Anerkennung des Existenzrechts Israels nicht verhandelbar, aber sie gehört nicht in ein solches administratives Verfahren. Das macht Deutschland lächerlich.
SPIEGEL: Informieren Sie sich über die klassischen Medien oder über soziale Medien?
Aref Hajjaj, 81: »So einseitig wie heute ist die Berichterstattung in Deutschland noch nie gewesen«
Hajjaj: Ich schaue deutsche Nachrichtensender kaum mehr, weil sie viel zu unkritisch die Aussagen der israelischen Armee wiedergeben. Ich informiere mich vor allem über die israelische Zeitung »Haaretz«, die BBC und Schweizer Medien. So einseitig wie heute ist die Berichterstattung in Deutschland noch nie gewesen.
SPIEGEL: Mittlerweile gibt es eine Waffenruhe. Welche Gedanken sind Ihnen bei dieser Nachricht gekommen?
Hajjaj: Ich begrüße die Waffenruhe, befürchte aber, dass sich die Katastrophe in ein paar Jahren wiederholen wird, solange es keinen echten politischen Druck auf beide Seiten gibt, vor allem auf Israel.
Deutsche Parteien immer auf der Seite Israels
Deutschland befindet sich seit Beginn des neuen Jahres mitten im Wahlkampfmodus. Wie sehen aber die außen- und sicherheitspolitischen Akzente einschließlich der Lage in Palästina-Israel bei den im Bundestag vertretenen Parteien aus? Union, SPD, Grüne und FDP setzen in der Ukrainefrage uneingeschränkt auf Aufrüstung und verfolgen dabei das etwas schwammige wie auch magische Ziel, der Ukraine im Kampf gegen den Aggressor Russland zum Sieg zu verhelfen. In ihren Augen ist allein die Verwendung des Begriffs „Friedensverhandlungen“ ein verdächtiges Synonym für Kapitulation der Ukraine und den Sieg Russlands. Die rechten Parteien wie die AFD, übrigens auch ihre Schwesterparteien in anderen europäischen Staaten, nehmen hier eine ambivalente Haltung ein. Sie stehen zwar einer Fortdauer des Krieges ablehnend gegenüber, in der grundsätzlichen Einstellung sind sie aber deutlich auf der Seite Russlands.
Hinsichtlich der Lage in Palästina stehen alle Parteien uneingeschränkt auf der Seite Israels. Konkret heißt das: In ihren Augen wiegt der grausame Anschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 wesentlich schwerer als das, was seit dem 8. Oktober täglich geschieht- nämlich die von Israel begangenen Kriegsverbrechen im Gazastreifen und zum Teil auch in der Westbank. Der Parteitag des BSW in Bonn in diesen Tagen zeigte deutlich, dass nur diese neu gegründete Partei willens und in der Lage ist, die Geschehnisse in Gaza nicht nur als eklatante Verletzung des Völkerrechts zu bewerten, sondern auch als Akt des Kriegsverbrechens. Die Reden von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine auf dem Parteitag haben diese Haltung eindrucksvoll gezeigt. Lafontaine sprach dort ausführlich von den Kindern in Gaza, die aufgrund der katastrophalen Lage sich nichts anders herbeisehnten als den eigenen Tod. Er prangerte außerdem zurecht die Doppelmoral in Deutschland und anderen westlichen Staaten an, die aus opportunistischen Beweggründen nicht den Mut hätten, die dortige humanitäre Katastrophe so zu beschreiben, wie sie tatsächlich ist. Die von vielen Staaten, humanitären Organisationen und weltweit agierenden NGOs als selbstverständlich wahrgenommene Tatsachenbeschreibung bildet in den Augen deutscher Mainstream-Parteien einen Tabubruch- mit der abstrusen Begründung, dass jede, auch so berechtigte Kritik an Israel „antisemitisch“ sei.
knecht
Israels Angriffe auf Syrien im Dezember 2024
Israel und die neue Entwicklung in Syrien
Israel nutzt wieder einmal und mit teuflischer Nachhaltigkeit die „Gunst“ der Stunde. Während Netanjahu wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht steht, verkündet er vorlaut, dass er das Gesicht des Nahen Ostens „verändern“ will. Außerdem rücken seine Soldaten vor dem Hintergrund der Instabilität in Syrien und der de facto- Auflösung der regulären Armee im Golan vor. Kein nahöstlicher Akteur verhält sich in dieser prekären Lage so destruktiv und anmaßend wie Israel, das sich wie eine wild gewordene, regionale Polizeigewalt vollendete Tatsachen schaffen will. Davon sollen sich die arabischen Protagonisten der sog. Abraham-Abkommen überzeugen lassen, ehe sie sich der Normalisierungspartnerschaft mit Israel vollends hingeben.
Proisraelische Politik der deutschen Regierung in der Kritik
Die rechtsextreme Regierung in Tel-Aviv versucht mit allen propagandistischen Mitteln, jede Kritik an ihrer Politik als „antisemitisch“ zu brandmarken. So reagierte sie zuletzt auf die Anträge der Staatsanwälte in den beiden internationalen Gerichtshöfen in Den Haag und auf das einstimmige Urteil der Richter des Internationalen Strafgerichtshofs, Haftbefehle u.a. gegen Netanyahu zu erlassen.
Jetzt wirft der frühere israelische Verteidigungsminister und Führungsmitglied des regierenden Likud-Blocks, Mosche Jaalon, Netanyahu und seinen rechtsextremen Kabinettsmitgliedern, aber auch den Führungskommandos der Streitkräfte vor, im Gazastreifen Kriegsverbrechen und ethnische Säuberung gegen die palästinensische Zivilbevölkerung zu begehen.
Angesichts dieser klaren innerisraelischen Kritik am Vorgehen des eigenen Landes im Gazastreifen und im Westjordanland wünscht man sich, dass sich an der eklatant einseitig proisraelischen Haltung der deutschen Bundesregierung „etwas“ ändern würde. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Merz, Söder und Lindner finden die deutsche Unterstützung Israels sogar nicht „wirkungsvoll“ genug, und Scholz bekräftigte vor kurzem den unverbrüchlichen Willen der Bundesregierung, Israel auch in Zukunft weiterhin tatkräftig zu unterstützen. In der Öffentlichkeit hierzulande steigt dagegen die Empörung über diese rational nicht nachvollziehbare Einseitigkeit. Aktive und ehemalige deutsche Diplomaten schütteln außerdem den Kopf über diese Politik, die aus ihrer Sicht weder der Sachlage Rechnung trägt noch den Interessen des deutschen Staates dienlich ist.
Israels Angriff auf Syrien nach Assads-Sturz
Das gestrige Urteil des Int. Strafgerichtshofs gegen Netanjahu, Galant und Deif hat weder die Fachwelt noch die internationalen Menschenrechtsorganisationen überrascht. Der erlassene Haftbefehl gegen Netanjahu und Galant ist vor allem mit begangenem Kriegsverbrechen und beabsichtigter Aushungerung der Zivilbevölkerung in Gaza begründet. Dieses Urteil ist gerecht, ausgewogen, juristisch gut begründet und vor allen: überfällig.Dass die USA (kein Unterzeichnerstaat der römischen Statuten) das Urteil verurteilt, wundert nicht. Die demonstrative Einladung Netanjahus durch Orban auch nicht. Das offizielle Berlin schweigt noch. Einige deutsche Politiker äußerten sich allerdings empört über das Urteil, obwohl sie ein vergleichbares Urteil gegen Putin mit Begeisterung und Zustimmung aufnahmen.Dieses Urteil wird Israel sicherlich nicht zu einer einsichtigen Haltung in der Frage des Waffenstillstands brngen. Es öffnet aber- hoffentlich- einige positive Perspektiven in Richtung Beendigung der grauenhaften Lage der n Palästina und Libanon.
Aktivitäten/Statements im Oktober 2024
Am 7. Oktober 2024 wurde Aref Hajjaj von der ARD zu den Geschehnissen interviewt. Ich war über Inhalt und Verlauf der Sendung angenehm überrascht. Hier der Link zur halbstündigen Sendung:
ARD extra: Ein Jahr Terrorangriff der Hamas
Statements von Aref Hajjaj
Die Kriegsverbrechen, die von Israel in Gaza, der Westbank und im Libanon täglich begangen werden, zeugen von einer Ideologie, die hasserfüllt, menschenverachtend und zunehmend faschistisch ist. Die sogenannte freie Welt, allen voran die USA und Deutschland, appelliert sanft und pharisäerhaft und auch noch vergeblich an Netanjahu, er möge einem Waffenstillstand zustimmen. Doch die Massaker gehen unvermindert weiter. Außerdem liefern beide Staaten nach wie vor Waffen an Israel. Ein Freund von mir aus Gaza spricht hier offen und klar von einem „KZ Gaza“.
Die ZDF-Sendung Fontal 21 vom Dienstag 15.10. über die Gräueltaten der israelischen Armee in Gaza, Westbank und Libanon war für die Verhältnisse innerhalb der deutschen Medien unglaublich mutig und ehrlich. Dort wurde deutlich gezeigt, wie brutal und menschenverachtend die „humanitärste Armee der Welt“ gegen die Zivilbevölkerung vorgeht. Die Moderatorin versuchte nach Ende der Doku, diese Offenheit mit seichten Argumenten zu relativieren, sozusagen nach der Regel der „Schere im Kopf“. Damit wollte sie den Eindruck erwecken, als ginge es rein um die „Selbstverteidigung„ Israels. Dieser Widerspruch zwischen Wahrheit und bloßer Rhetorik könnte nicht krasser sein.
Interview Aref Hajjajs beim ARD-Fernsehen am 7. Oktober
Am 7. Oktober 2024 strahlte das ARD-Fernsehen eine Sondersendung anlässlich des Jahrestages des Hamas-Anschlags in Israel aus. Für die Verhältnisse der deutschen Medien bezüglich des Konflikts zwischen Israel und Palästina war die Sendung erstaunlich, wenn auch relativ ausgewogen. Aref Hajjaj wurde auch dort interviewt, wo er über die Friedensperspektiven sprach und die einseitige proisraelische Haltung der Bundesregierung scharf verurteilte. Hier der Link:
Der Artikel von Aref Hajjaj in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) über die gegenwärtige Befindlichkeit der pal. Gesellschaft
Interview mit Aref Hajjaj in der Sondersendung des ARD-Fernsehens, anlässlich des Jahrestages des Hamas-Anschlags in Israel.
Am 7. Oktober 2024 strahlte das ARD-Fernsehen eine Sondersendung anlässlich des Jahrestages des Hamas-Anschlags in Israel aus. Für die Verhältnisse der deutschen Medien bezüglich des Konflikts zwischen Israel und Palästina war die Sendung erstaunlich, wenn auch relativ ausgewogen. Aref Hajjaj wurde auch dort interviewt, wo er über die Friedensperspektiven sprach und die einseitige proisraelische Haltung der Bundesregierung scharf verurteilte. Hier der Link:
DLF-Interview mit Aref Hajjaj über die israelischen Kriegsverbrechen in Gaza
Interview des Schweizer Radios SRF 1 mit Aref Hajjaj über die aktuelle Lage in Palästina/Israel:
Der einseitige Bundespräsident Steinmeier
Der Spiegel kritisiert Bundespräsident Steinmeier in der Ausgabe vom 4. Mai 2024 als „veränderungsscheuen“ Politiker. Das ist er bestimmt. Schlimmer noch ist allerdings seine politisch absolut korrekte Agenda. Gerne redet er dem Mainstream nach dem Munde, anstatt komplexe Wahrheiten klar zu artikulieren. Beispiel 1 : die Ukraine. Da wäre es konstruktiv und mutig, wenn er neben der berechtigten Verurteilung Russlands als Aggressor nicht nur verbale, sondern vor allem operative Signale in Richtung Friedensperspektiven senden würde. Beispiel 2: Palästina/Israel. Seine Verurteilung des Hamas-Anschlags vom 7. Oktober ist berechtigt. Es wäre der Wahrheitsfindung aber dienlich, wenn er ebenfalls das unverhältnismäßige Vorgehen Israels im Kriegt gegen Gaza und dessen rigide Besatzung- sowie Siedlungspolitik klar und mutig verurteilt hätte. Als ehemaliger deutscher Außenminister kennt er wohl die Verhältnisse in der Region auch lange vor dem 7. Oktober gut genug.
Aref Hajjaj prangert in der ARD-Sendung PANORAMA die deutschen Waffenlieferungen an Israel trotz des Krieges gegen Gaza an
Panorama mit Aref Hajjaj
18.4.2024
https://www.ardmediathek.de/video/panorama/todeszone-gaza-waffen-aus-deutschland/das-erste/Y3JpZDovL25kci5kZS9jYjcyZWNmNi03Y2I3LTQyYWEtYTQ0MS0wMDgwMGRkYmIxNTE
Statement von Aref Hajjaj auf der BIRZ-Veranstaltung in Bonn
Statement /Dr. Aref Hajjaj am 4.2.2024 (Bonner Initiative für Respekt und Zusammenhalt der Kulturen und Religionen) vor dem Bonner Rathaus
Respekt und Zusammenhalt sind mir als Deutschem palästinensischer Abstammung ganz wichtige moralische Prinzipien, die allerdings hinsichtlich der Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt durch zwei weitere Gebote ergänzt werden sollten. Es geht um Gerechtigkeit und Gleichheit. In Wahrheit erlebe ich im Umgang der offiziellen deutschen Politik mit diesem Konflikt leider eine erschreckende Einseitigkeit zugunsten Israels, die mit einer mangelnden Bereitschaft einhergeht, gegenüber den Palästinensern gerecht und fair zu sein. Diese werden meist pauschal als Täter diffamiert, während man den Israelis Empathie und Verständnis entgegenbringt. Ich verwende dafür die Formulierung „Hierarchie der Opferwahrnehmung“. Aus meiner Sicht sind Gräueltaten von Israel und Hamas im gleichen Maße zu verurteilen. Die bestehende Einseitigkeit widerspricht hingegen dem christlichen Grundgedanken der Nächstenliebe und dem Geist der universellen Menschenrechte. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam ein Signal setzen und diesem Doppelstandard ein Ende bereiten.
Willkommen in Abraham/Ibrahim- Artikel von Aref Hajjaj in der Süddeutschen vom 29. Dezember 2023k
Willkommen in Abraham/Ibrahim
Wer hat’s erfunden? Die Schweizer. Warum sich für eine Lösung des Konflikts in Nahost ein Blick auf die Eidgenossenschaft lohnen könnte. Gastbeitrag von Aref Hajjaj
Viele assoziieren den grauenhaften Anschlag der radikalislamischen Hamas vom 7. Oktober und die danach erfolgte harte Reaktion durch Israel in Gaza mit dem Oktober-Krieg vom 1973. Der sogenannte Überraschungseffekt des Überfalls damals wie heute erscheint ihnen stichhaltig genug für diese mutmaßliche Vergleichbarkeit. Ich hingegen würde die aktuelle Eskalation eher mit dem Junikrieg 1967 in Beziehung setzen – nicht, weil die Vorgeschichten beider Ereignisse Parallelen haben, nicht, weil sich die Geschehnisse selbst ähneln. Sondern wegen ihrer Folgen: So wie der Krieg von 1967 als deutliche Zäsur in die Geschichtsbücher einging, wird auch der gegenwärtige Konflikt die Dynamik in Nahost verändern. Die zionistische Idee wird sich bewegen müssen, was ihren Machtanspruch auf das Historisch-Palästina angeht, aber auch die palästinensische Führung. Sie ist endgültig damit gescheitert, ihre Vorstellung über die Lösung der Palästinafrage durchzusetzen.
Mit dem Junikrieg 1967 begann die Ära der Besetzung, Annexion und der exzessiven Besiedlung. Dass diese drei Elemente im eklatanten Widerspruch zum Völkerrecht stehen, kann von keinem Gericht, keiner internationalen Organisation oder der Politik infrage gestellt werden. Israels Festhalten an diesen drei Elementen dokumentiert den faktischen Niedergang des internationalen Rechts. Die gegenwärtig etwa 700 000 jüdischen Siedler, von denen ein guter Teil stramm religiös-nationalistisch ist, fühlen sich in der Westbank „heimisch“. Und ihre Zahl steigt mithilfe der jetzigen extrem rechten israelischen Regierung weiter stark an.
Dies führt aber nicht nur die internationale Rechtsordnung ad absurdum, sondern ebenfalls das gebetsmühlenartig vertretene Bekenntnis etwa der USA und Deutschlands zur Zweistaatenlösung. Wobei die ohnehin nicht viel mehr ist als eine Fatah Morgana. Der 1993 in Oslo angestoßene Friedensprozess zwischen der PLO und Israel zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts fand infolge der Ermordung von Premier Jitzchak Rabin durch einen jüdischen Terroristen schon fast ein Ende, bevor er richtig beginnen konnte. Die fortgesetzte exzessive Siedlungsaktivität und die konzeptlose Schaukelpolitik des früheren PLO-Vorsitzenden Jassir Arafat gaben ihm schließlich den Rest.
Die Staatlichkeitsfrage – so utopisch uns das heute erscheint – ließe sich durchaus lösen
Doch kann die aktuelle Eskalation, so rekordverdächtig obsessiv und blutig sie ist, dennoch endlich eine Chance dafür bieten, diesen ewigen Konflikt zumindest mittelfristig umfassend und gerecht beilegen? Die bisherigen autistisch-interimistischen Formen des Konfliktmanagements führten nur zu mehr Verhärtung, Hass und Rachsucht. Für die im globalen Norden, insbesondere in den USA und Deutschland stark agierenden Fürsprecher der israelischen Regierungen war der eingefrorene Konflikt allerdings nur ein taktischer Erfolg. Israel hat am Ende jeder neuen kriegerischen Auseinandersetzung zwar immer militärisch gesiegt, doch waren diese Siege mit dem Makel behaftet, dem Land nie wirklich Frieden und Sicherheit gebracht zu haben.
Auch die duale palästinensische Führung in Ramallah und Gaza-Stadt ist in strategischer Hinsicht gescheitert. Beide Flügel halten an ihrem jeweiligen territorialen Machtanspruch fest, lassen jeden ernst zu nehmende Einigungsversuch im Keim ersticken und weigern sich letztlich, demokratische Wahlen auszurufen. Diese fanden zuletzt 2006 statt. Neuwahlen wären aber für die Überwindung der Spaltung und die Regelung der Staatlichkeitsfrage wegweisend.
Die Staatlichkeitsfrage – so utopisch uns das heute erscheint – ließe sich jedoch durchaus lösen, gäbe es auf israelischer Seite einen echten politischen Willen. Zur Abwägung stünden drei Optionen: Die erste ist der Status quo ante, der wegen der Zementierung von Besatzung und fortgesetztem Siedlungsbau und massiver Gewaltanwendung gegen die Bevölkerung durch die ideologisch fanatisierten Siedler inakzeptabel ist. Diese Option enthält zudem subtile Elemente, die manche mit dem Reizwort einer Apartheid beschreiben.
Die zweite Option wäre die sogenannte Zweistaatenlösung. Lebst sie noch? Eher nicht: Selbst der Ex-US-Präsident Donald Trump, der konzeptionell nicht gerade mit außergewöhnlichen Gaben ausgestattet ist, konstatierte zu Recht, dass diese Idee längst obsolet geworden sei. Allein die Anwesenheit von 700 000 Siedlern im Westjordanland spricht dagegen. Außenministerin Baerbock mag zwar einen „Siedlungsstopp“ fordern, doch der reicht hier bei Weitem nicht aus. Nur eine Räumung der Siedlungen würde eine Lösung im Sinne dieser Option ermöglichen – doch dies ist angesichts der verhärteten ideologischen Fronten in Israel kaum möglich.
Auch, wenn Stereotype dominieren, funktioniert das Zusammenleben
Die dritte, übrig verbleibende Option ist die naiv klingende, langfristig jedoch umsetzbare Vision eines gemeinsamen Staates, den man etwa „Abraham/Ibrahim“ nennen könnte. Da ich bis zum Ausbruch der Corona-Seuche Israel und Palästina regelmäßig besuchte, weiß ich von einer zwar bescheidenen, nichtsdestotrotz konstruktiven Koexistenz zu berichten zwischen der jüdischen Mehrheitsgesellschaft Israels und den „palästinensischen Israelis“. In meiner Geburtsstadt Jaffa, mehr noch in Haifa, Akko und Nazareth funktioniert das Zusammenleben verhältnismäßig gut. Im Allgemeinen dominieren jedoch negative Stereotype: So sind die israelischen Juden in der Wahrnehmung der Palästinenser schlicht „repressive Soldaten und Besatzer“, während die Israelis die Palästinenser oft pauschal als „Terroristen“ ansehen.
Dass sich solche Bilder über Nachbarn halten, neben denen und mit denen zu leben man eben gezwungen ist, weiß ich aus der Schweiz. Weil ich neben Deutschland durch meine Ehefrau auch dort kulturell und gesellschaftlich sozialisiert worden bin, glaube ich aber an die Möglichkeit einer Koexistenz – und das Schweizer Regierungsmodell als Ansatz zur Eindämmung des Israel-Palästina-Konflikts heranzuziehen, könnte ein Weg dorthin sein.
Die Angehörigen der vier Kulturräume der Schweiz sind nicht gerade von einer starken Empathie zueinander geprägt. Begriffe wie der „Rösti-Graben“ (deutsche und französische Schweiz) und der „Polenta-Graben“ (deutsche und italienische Schweiz) belegen diese nicht nur folkloristische Trennung. Dennoch funktioniert das Zusammenleben dort besser als anderswo. Selbstverständlich lässt sich das infernale Spannungsverhältnis zwischen Israelis und Palästinensern nicht mit der Lage in der Eidgenossenschaft vergleichen, für die Kriege immer nur auswärts verortbar sind.
Anders als im „Heiligen Land“ kennt und vertraut man sich in der Schweiz recht gut, während Palästinenser und Israelis sich kaum gegenseitig kennen, geschweige denn vertrauen. Darin liegt eine psychologisch schwer zu überwindende Barriere für den gemeinsamen Staat. Ohne die Förderung gegenseitiger Kommunikation – gerade an der Basis, etwa durch Bürgerinitiativen – wird die Idee eines gemeinsamen Staates deshalb illusorisch bleiben.
Die kleine Schweiz beherbergt vier Kulturen und vier Sprachen
Wenn irgendwann einmal aber Vertrauen gewachsen ist, könnte das Schweizer Modell aber durchaus Ansatz zur Bildung eines gemeinsamen Staates sein. Größe von Bevölkerung und Fläche sind vergleichbar, ebenso die immense kulturelle Vielfalt: In beiden Fällen gibt es vielschichtige multikulturelle, multilinguale und multikonfessionelle Elemente. Die kleine Schweiz beherbergt vier Kulturen und vier Sprachen. Im Abraham/Ibrahim-Staat gäbe es zwei Sprachen (Hebräisch und Arabisch), wobei Englisch als Lingua Franca gelten könnte. In beiden Fällen besteht, was im Sinne der Konfliktreduktion im Alltag durchaus vorteilhaft sein könnte, meist eine territoriale Trennung der unterschiedlichen Sprach- und Kulturräume: Diese ist in der Schweiz von wenigen Ausnahmen abgesehen (Freiburg, Bern, Vallis) die Regel. Auch im Kerngebiet Israels gibt es mit Ausnahme von Haifa, Jaffa, Akko, Nazareth und dem fraglos delikatestem Fall Jerusalem eine vergleichbare territoriale Trennung der Bevölkerungsgruppen. Im sogenannten „Muthallath“ (Dreieck) in Galiläa leben ausschließlich Palästinenser, in den allermeisten Regionen wie Nahariya, Safed oder Netania leben fast ausschließlich israelische Juden.
Abraham/Ibrahim, das zu gründende Gemeinwesen, sollte wie die Schweiz kein klassischer „Nationalstaat“ sein, sondern eine Willensnation. Dieser Ansatz klingt kurzfristig utopisch – angesichts der Gräueltaten von Hamas am 7. Oktober und des andauernden brutalen Vorgehens Israels gegen die Zivilbevölkerung von Gaza.
Doch langfristig erscheint mir der Abraham/Ibrahim-Staat denkbar und machbar, vorausgesetzt, er ginge weder von einer zionistischen Vorherrschaft, noch von einer jihadistischen Staatsidee aus. Viele erfolgreiche rechtsstaatliche Systemelemente der Schweiz wie die kantonale Rechtsordnung, der Föderalismus überhaupt und schließlich die direkte Demokratie ließen sich auf den gemeinsamen demokratischen Staat übertragen. Und noch etwas spricht für diese Idee – es ist fast das wichtigste Argument: Wir haben kaum eine andere Lösung.
Aref Hajjaj wurde im Februar 1943 in Jaffa/Palästina geboren. Nach der Vertreibung 1948 wuchs er in Beirut und Kuwait auf, studierte in Heidelberg Politikwissenschaft, Geschichte und Völkerrecht und promovierte dort. Zuletzt erschien von ihm „Heimatlos mit drei Heimaten. Prosatexte über das Anderssein“ (Kiener-Verlag).
Münchner Runde mit Aref Hajjaj
Hajjaj in Interviews zur Lage in Gaza
Am 16.11. gab Hajjaj der Sendung „Kulturzeit“ (3 Sat) ein siebenminütiges Interview zur Lage in Gaza und über die Zukunftsperspektiven für Palästina-Israel.
https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/warum-junge-aktivisten-fuer-atomkraft-sind-sendung-vom-16-11-2023-100.html
Am 18.11. gab Hajjaj dem Radiosender SWR 2 ein siebenminütiges Interview zur Lage in Gaza und über die Zukunftsperspektiven für Palästina-Israel.
Podcast des Deutschlandfunks u.a. mit Aref Hajjaj über Gaza-Eskalation
Podcast DLF Aref Hajjaj- Behrendt 11.11.23
https://www.deutschlandfunk.de/fokus-nahost-empathie-aber-wie-dlf-7d8138f0-100.html
Bericht der SZ über Palästinenser in Deutschland
| | Süddeutsche Zeitung | DIE SEITE DREI | Montag, 6. November 2023
| Reportage | | München Seite 3 „Diese Debatte bricht uns alle“ Viele Muslime in Deutschland finden die Taten der Hamas entsetzlich. Aber sie finden auch, dass die deutsche Gesellschaft das Leid der Palästinensergeradezu ignoriert. Die Geschichte einer Entfremdung Von Dunja Ramadan und Sonja Zekri
Am Hermannplatz habe die Polizei keine Notiz von ihm ge-nommen, sagt Fadi Abdelnour fast enttäuscht, aber als er am Berliner Flughafen auf seine
Freundin wartete, ein paar Runden mit dem Auto drehte, dann in der Halle auf und ab ging, hätten ihn zwölf Beamte angehal-ten und befragt, während er wiederum einen der Polizisten gefilmt habe, man wisse ja nie. Am Ende erteilte ihm die Polizei für drei Stunden Hausverbot. Gemessen am Misstrauen, das die eine Seite der jeweils anderen Seite entgegen-bringt, hätte es schlimmer kommen können. Man sollte erwähnen, dass Fadi Abdelnour sein Haar gerade in den Farben der palästinensischen Flagge trägt.
Fadi Abdelnour, geboren in einer christ-lichen Familie in Ramallah, kam mit 24 Jahren nach Deutschland, studierte Design, wurde deutscher Staatsbürger, leitete ein arabisches Filmfestival, hielt Vorträge vor der Barenboim-Said-Akade-mie und gründete vor wenigen Jahren den arabischen Buchladen Khan Aljanub, Herberge des Südens, in der Potsdamer Straße in Berlin. Gerade allerdings findet man ihn eher in Berlin-Neukölln, auf dem Hermannplatz oder eben jetzt auf der Sonnenallee, wo palästinensische Fahnen aus den Fenstern hängen, wo bei Demons-trationen antisemitischer Dreck gebrüllt wurde und Autoreifen brannten.
Er sucht andere, bessere Wege des Protests. Wie lässt sich Antisemitismus verhindern? Wie erreicht man jenen kra-wallbereiten Teil der Palästinenser, deren Wut über die eigene prekäre Existenz und jahrzehntelange Staatenlosigkeit in Juden-hass explodiert? Wie ließe sich, umge-kehrt, die deutsche Gesellschaft von der Not der Palästinenser berühren?
Einige wollen reden, reden dann aber doch nicht, zu viel
wird gerade falsch verstanden
Dass nach den Terroranschlägen der Hamas und dem Beginn der Luftangriffe auf Gaza anfangs alle, wie es heißt, „propa-lästinensischen“ Kundgebungen unter-bunden wurden und damit zwar das Risiko von Antisemitismus mit Polizeigewalt ausgeräumt wurde, aber eben auch jede Möglichkeit, sich überhaupt zu äußern, hält Abdelnour für falsch: „Man hat den Palästinensern das Recht genommen zu trauern. Die Polizeihat sogar Kerzen ausge-treten. Das vergisst hier keiner.“
In Berlin, sagt er, lebe die größte palästi-nensische Gemeinde Deutschlands. Berlin sei ein Labor, sagen andere, ein Ort, an dem der Nahe Osten sich selbst begegnen könne, Araber und Perser, Palästinenser und Israelis, Juden, Muslime und Chris-ten, Türken, Kurden und Bahai. Dieser Ort sei durch die unerbittliche Polarisierung bedroht.
Aber das ist nichts gegen die Entfrem-dung zwischen Menschen mit arabischen oder muslimischen Wurzeln und dem Rest der deutschen Gesellschaft.
Palästinenser, Araber, kurz: Muslime zeigten zu wenig Empathie für die jüdi-schen Opfer der Terroranschläge, so der Vorwurf, viele begrüßten Antisemitismus in den eigenen Reihen, seien nicht inte-griert, schlimmstenfalls ein Sicherheitsrisi-ko. An die Spitze der besorgten Bürger hat sich jüngst ausgerechnet der Chef der Freien Wähler gesetzt, Hubert Aiwanger, der als Jugendlicher ein Flugblatt bei sich trug, in dem vom „Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz“ die Rede war. Die Gründe für den wachsenden Antisemi-
tismus entdeckte Aiwanger allerdings in der unkontrollierten Zuwanderung. Man müsse eben erkennen, welchen „Unsinn“ man sich „ins Land geholt“ habe.
Ob Aiwanger Fadi Abdelnour zu diesem „Unsinn“ zählt, ist unklar. Ganz sicher aber spricht Letzterer den meisten muslimi-schen Deutschen aus dem Herzen, wenn er sagt:„Wirverzweifelnan derdeutschenDe-batte.“ Für ihn, der bei kurzen Telefonaten mit Freunden in Gaza Sätze hört wie „Wir leben noch“ oder „Wir verdursten gerade“, ist es unbegreiflich, dass in der deutschen Berichterstattung ukrainische oder jüdi-sche Opfer einen Namen, eine Geschichte, ein Gesicht haben, zumal die ermordeten Israelis des 7. Oktober, aber palästinensi-sche Opfer fast immer im Kollektiv auf-tauchen, als abstraktes Ganzes, als Zahl. Wenn Palästinenser sterben, sagt Abdel-nour, gebe es niemanden, der ihren Tod herbeigeführt hat: „Sie sind einfach,umge-kommen‘, als wäre es eine Naturgewalt.“
Aus dieser Perspektive klingt selbst die hochgelobte Rede von Robert Habeck nicht mehr so schön. Angemessen wort-reich entsetzte sich der Vizekanzler über die „bestialischen Morde“ der Hamas. Für diedeutschen Muslimeaber fandertadeln-de Worte, und seine Formulierung über den Krieg in Gaza hätte teilnahmsloser kaum klingen können. Der Tod und das Leid, das jetzt über die Menschen komme, seien: „schlimm“. Es wäre zu hoffen, dass sich die Juden in Deutschland durch Habecks Auftritt ein wenig sicherer, ein wenig geschützter fühlen – nach Wochen floskelhafter Beistandsrhetorik. Für viele muslimische Deutsche war die Rede allerdings ein Fußtritt.
So wenig finden Palästinenser, Araber, Muslime ihren Standpunkt in der deut-schen Öffentlichkeit wieder, dass kaum noch jemand deutsche Medien verfolgt. Lieber schauen sie angelsächsisches Fern-sehen, BBC Arabic oder lesen israelische Zeitungen wie Ha’aretz. Fast alle folgen auf X und Instagram Seiten wie jener des Foto-grafen Motaz Azaiza in Gaza oder „Eye on Palestine“. Dort finden sie, was sich in Deutschland höchstens das Fachpublikum zumutet, den Truppenbesuch des israeli-schen Sängers Moshiko Mor beispielswei-se, der bejubelt wurde für Verse wie „Wer hat kein Wasser, Essen oder Strom – in Ga-za? / Wer wird in Zelten leben – in Gaza?“ Sielesen die Forderung derisraelischen Ex-Ministerin Galit Distel-Atbaryan, dass Ga-za„ausgelöscht“werden müsse. Und sie se-hen Aufnahmen toter Kinder in Gaza, Reihen kleiner Körper in weißen Tüchern, davor schreiende Eltern, stumme Eltern, auch: die Hamas verfluchende Eltern. Mehr als 3400 palästinensische Kinder sind laut Unicef seit dem 7. Oktober gestor-ben, die Organisation „Save The Children“ spricht von einem toten Kind alle zehn Mi-nuten. Manche zweifeln die Zahlen an, weil sie meist auf Hamas-Angaben beruhen. Als ergäben ein paar Hundert tote Kinder weniger ein grundsätzlich anderes Bild.
Über all das würden arabischstämmige Deutsche gern sprechen, in Talkshows, in Interviews, in Gastbeiträgen, aber oft tun sie es dann lieber nicht. Viele Gesprächs-partner sind im Lauf der Recherche abge-sprungen, weil sie um ihren Aufenthalts-status fürchten, um staatliche Förderung für ihre Projekte oder einfach nur um ihren Ruf. Einige wollen ihren Nachnamen nicht nennen. Sie vermuten, dass ihre Worte verdreht werden, dass Begriffe wie „Besatzung“, oder „Befreiung“ oder „Genozid“ als antisemitisch interpretiert werden. Eigentlich, so sagen sie, erwarte das deutsche Publikum von ihnen nur eines: die Verurteilung der Hamas.
Andererseits: Ist das so schwer? Warum nicht öffentlich sagen, was die meisten ohnehin denken? Dass die Hamas nicht nur Juden auf dem Gewissen hat, sondern auch Muslime, zumal in Gaza, dass sie ein Ableger der islamistischen Muslimbrüder sind, denen die religiöse Ideologie immer wichtiger war als das Wohl ihres Volkes, dass die mörderischen Islamisten die Bewohner des Gazastreifens seit sechzehn Jahren unterjochen, benutzen, ausliefern, dass sie zwar ein kilometerlanges Tunnel-system geschaffen haben, aber nicht einen einzigen Schutzraum für Zivilisten.
Und weil das nicht erst seit dem 7. Okto-ber so ist, sondern schon lange, schoss vielen nach den Terroranschlägen dassel-be durch den Kopf wie Mahmoud Hassino: „Ich dachte: Fuck Hamas, jetzt werden die Palästinenser in Gaza sterben.“ Hassino ist in der Nähe des syrischen Hama geboren und lebt seit Jahren in Berlin. Während des Bürgerkriegs bloggte er gegen das Assad-Regime: „Hamas kooperiert mit Assad und mit Iran. Eine solche Organisation werde ich niemals unterstützen.“
Für das Gespräch hat er „Romeo und Romeo“ vorgeschlagen, ein Café in Berlin-Schöneberg. Er wohnt in der Nähe mit seinem Partner. In Syrien hater als Journa-list gearbeitet, in Berlin lange für die Schwulenberatung und jetzt für Handicap International. Mag sein, dass er nicht der typische arabische Flüchtling ist. Dass er eine jüdische Therapeutin in Berlin suchte, weil sie in Fragen kollektiver Traumata qualifizierter sein würde als andere, ist sicher nicht die Regel.
Aber nach vielen Jahren in den homo-phoben Gesellschaften des Nahen Ostens hat Hassino einfeines Gespür für Zuschrei-bungen, Ausgrenzungen, für othering.
Fadi Abdelnour findet, man habe den Palästinensern das Recht genommen zu trauern. Und Aref Hajjaj (u.) träumt von einem Staat mit Israelis und Palästinensern.
FOTOS: FRIEDRICH BUNGERT / MARCEL KUSCH
Geradedeshalb mag ersichdie Hamas-Ver-urteilungvondeutscher Seitenicht abpres-sen lassen: „Ich bin nicht bereit, die Hamas auf deutschen Druck hin zu verurteilen, weil das unterstellt, dass ich sie gut finde – was ich nicht tue.“
Seit acht Jahren bemühe er sich darum, sich zu integrieren, er sei stolz und froh, Staatsbürger einer Demokratie zu sein. „Aberjetzt bin ich wieder nur der antisemi-tische Araber und werde in eine Schublade gesteckt“, sagt er. Einmal, und da wird es noch unheimlicher, sogar als eine Art Kom-plize. Als ein Deutscher bei einer privaten Begegnung über die Lage im Nahen Osten reden wollte und antisemitische Stereo-type einstreute, ganz so, als sei man unter sich – der Deutsche, der es endlich malaus-spricht, und der Syrer, der ganz sicher ju-denfeindlich ist –, beschloss Hassino, das Thema in Zukunft zügig abzumoderieren.
Zuwanderungsapokalyptiker, Radikalislamisten, viele nutzen den Krieg für ihre Zwecke
Währendalso HubertAiwanger,die Bild-Zeitung und ganz intensiv auch CDU-Chef Friedrich Merz vor allemauf die „antisemi-tischen jungen Männer“ schauen, von denen man „genug im Land“ habe, blicken die gut ausgebildeten, polyglotten Musli-me längst weiter, viel weiter. Farah A. beispielsweise, geboren als Kind palästi-nensischer Eltern in Deutschland, einst Klassenbeste auf einem Privatgymnasium und Mitglied eines Kinderchores, heute in Berlin für eine Consulting-Firma tätig, fühlt sich in ihrer Heimat Deutschland gerade so fremd wie nie: „Diese Debatte bricht mich. Sie bricht uns alle. Wie groß muss die Zahl der toten Zivilisten werden, bis die deutsche Politik nicht mehr von Selbstverteidigung spricht?“
Ein befreundetes palästinensisches Paar in Berlin, sie Ärztin, er Naturwissen-schaftler, habe sich vor zehn Jahren in Deutschland kennengelernt: „Sie hatten die Hoffnung auf ein besseres Leben. Jetzt wollen sie nur noch weg.“ Viele denken ähnlich, sagt Farah A., gerade die Eliten, die Fachkräfte, die Deutschland nach eige-ner Aussage so dringend brauche, erwägen die Ausreise nach Großbritannien, Kana-da, in die Emirate. Farah A., die sich in der Schule intensiv mit dem Holocaust ausein-andergesetzt hat, verstört es,dass der Anti-semitismus als rein muslimische Angele-genheit ausgelagert werden soll: „In einem Land, das sechs Millionen Juden umge-bracht hat, ist das geschichtsverleugnend.“
Und obwohl sie nach Jahrzehnten desIs-rael-Palästina-Konflikts „zutiefst hoff-nungslos“ sei, hat sie unlängst eine ara-bisch-israelisch-muslimisch-jüdische Kundgebung am Gleisdreieck in Berlin organisiert. „Jede Form von Hass und Diskriminierung“ war dabei ausdrücklich untersagt, und alles blieb so friedlich, dass sogar die Polizei lobende Worte gefunden habe. Es gebe kein fremdes Leid, habe ihr Vater sie gelehrt, alles Leid sei menschlich. Farah A. ist überzeugt davon: „Du kannst dich mit dem Leid der Juden und dem Leid der Palästinenser solidarisieren, das eine relativiert nicht das andere.“
Für Aref Hajjaj kommt der jetzige Tief-punkt nichtüberraschend. Hajjaj, 80, emp-fängt in seinem Wohnzimmer in Bonn auf einem Barocksessel, umgeben von Engels-statuen, die seine Frau aufgestellt hat, sie stammt aus dem Tessin. „Einfach war es nie, Palästinenser in Deutschland zu sein“, sagt er. Während des Sechstagekriegs 1967 war er Politikstudent in Heidelberg und traute sich eine Woche lang nicht in die
In einem Land, in dem sechs Millionen Juden umgebracht wurden, soll Antisemitismus jetzt als rein muslimische Angelegenheit ausgelagert werden? Farah A. findet das ziemlich verstörend.
FOTO: FRIEDRICH BUNGERT
Gemeinschaftsräume des Studentenwohn-heims,zu großsei die Schadenfreudegewe-sen. Nach dem Münchner Olympia-Atten-tat 1972,bei dempalästinensische Terroris-ten elf israelische Sportler und Betreuer töteten, traf das allgemeine Misstrauen auch ihn. Damals war er gerade sechs MonateimAuswärtigenAmt,als erster Dol-metscher palästinensischer Abstammung.
Heute ist Hajjaj Vorsitzenderdes Palästi-na-Forums in Bonn und beobachtet eine „wesentlich einseitigere“ deutsche Nahost-politik, eine, die „tausendmal schlechter“ sei als in den vergangenen 25 Jahren. Er hat den Vergleich. Drei Jahrzehnte lang be-gleitete er deutsche Kanzler und Minister in die muslimische Welt, übersetzte für Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher und Helmut Schmidt bei Treffenmit dem ägyp-tischen Präsidenten Anwar al-Sadat, dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi, Iraks Schreckensherrscher SaddamHusse-in. Er schreibt oft und gern Leserbriefe, für die deutschen Medien aber hat er gerade nur ein Urteil: „Katastrophe“. In den Tagen nach dem 7. Oktober haben ihn drei Medi-enhäuser erst kontaktiert, dann abgesagt. Gerade immerhin war er bei „Hart aber fair“, aber die Sendung fand er „grotten-schlecht“. Erhabe sichwieein Alibi-Palästi-nenser gefühlt: Hauptsache, man hat einen im Studio sitzen, wirklich zuhören wollte man ihm nicht.
Auch er hätte sich bessere Reaktionen aus der palästinensischen Community auf die Gräueltaten der Hamas gewünscht, sagt er. „Leider sind wir zu schlecht vernetzt. Jeder denkt, er kann es besser machen. Viele sind traumatisiert, das ist ein großes Problem.“ Inzwischen sei die öffentliche Debatte so vergiftet, dass eine Spaltung der Gesellschaft drohe.
Denn nicht nur die Zuwanderungsapo-kalyptiker nutzen den Krieg in Palästina für politische Zwecke, radikalislamisti-sche Trittbrettfahrer tun es auch. Am Frei-tag fand eine Kundgebung in Essen statt, auf Plakaten waren Aufschriften zu sehen wie: „Schlachthof Gaza“ und: „Das Kalifat ist die Lösung“. Männer und Frauen marschierten getrennt, einige schwenkten die schwarze Fahne der islamistischen Vereinigung Hizb ut-Tahrir.
Die Bilder skandierender Scharia-Fans in einer deutschen Großstadt haben bei vielen Deutschen Entsetzen und Angst ausgelöst, unter Palästinensern wie Hajjaj auch Ekel: „Ich kann nur sagen: entsetz-lich. Was hat die Sache Palästinas mit dem Kalifatsgedanken zu tun? Meine Antwort als säkularer Palästinenser: Gar nichts. Diese Instrumentalisierung ist gefährlich, falsch und kontraproduktiv.“
Viel lieber würde er über Perspektiven sprechen. Er ist viel in der Schweiz, der Heimat seiner Frau. Ende November wird er dort wieder Vorträge halten – über Visio-nen für Nahost. Er glaubt an einen gemein-samen Staat mit Israelis und Palästinen-sern, hat sogar schon einen Namen: der Staat Abraham, eine liberale Demokratie, föderal organisiert inKantonen. Ein Neben-einanderohne Nationalismus, mitkulturel-len und sprachlichen Eigenheiten, wie in der Schweiz eben. „Es muss ja keine Liebe
sein“, sagt Hajjaj. Aber er weiß, dass selbst für die Vision eines lieblosen Zusammenle-bens die Zeit nicht schlechter sein könnte.
Auf einer Kommode steht das Bild des Vaters, es zeigt einen Mann mit vollem Haar, Schnäuzer und Fliege. Er habe gern ein Gläschen Wein getrunken, sagt Hajjaj. Er, der Sohn, habe nur die ersten fünf Jah-re seines Lebens in Palästina verbracht, da-mals britisches Mandatsgebiet, aber er er-innere sich noch gut an seine Heimatstadt Jaffa. Die Obstplantagen, die Viehtränke, die die Kinder alsSchwimmbecken benutz-ten, seine Großmutter, die von der guten Nachbarschaft zu den palästinensischen Juden sprach: „Es war ein kleines Para-dies.“ Aber dann starb der Vater, 1948 musste seine Mutter mit den sechs Kin-dern nach Beirut fliehen. Aref Hajjaj wurde Deutscher. Seit dem 7. Oktober nimmt er abends Schlaftabletten. Dabei kenne er in Gaza gar niemanden mehr.
Iman Abu Al-Qomsan kennt viele Menschen in Gaza. Nur leben nicht mehr alle. Einen Tag vor dem Treffen in Köln hat sie erfahren, dass 19 ihrer Angehörigen beim israelischen Bombardement des Flüchtlingslagers Dschabalia gestorben sind. Al Jazeera hatte den Tod der ganzen Familie gemeldet. Der Onkel ihrer Mutter arbeitet dort als Rundfunkingenieur und verlor unter anderem seinen Vater und zwei Schwestern. „Gerade fühlt sich alles falsch an“, sagt sie. Wenn sie esse, trinke, schlafe, habe sie ein schlechtes Gewissen.
Vor dem Kölner Dom ist es kalt und zu-gig, im Shisha-Café ist es immerhin warm. Abu Al-Qomsan studiert Chemieingeni-eurswesen. Tagsüber funktioniert sie, abendstraut sie sich nichtmehr in die Tele-gram-Gruppe, wo immer Listen der Toten zu finden sind. Die 19 Verwandten waren nicht die ersten, die sie verloren hat.
Ihre Eltern stammen aus Gaza, sie habendort mehrals ein DutzendGeschwis-ter. Ihre Familie sei „riesig“, sagt Iman Abu Al-Qomsan,lebe verstreutüber denschma-len Streifen Land am Meer: „Das ist besser so. Sonst sterben alle auf einmal.“
Wäre sie im Sommer nach
Gaza gefahren, hätte sie alle noch mal gesehen. Jetzt sind sie tot
Iman Abu Al-Qomsan ist inzwischen Deutsche, aber viele Jahre war sie staaten-los, obwohl sie in Nordrhein-Westfalen geboren wurde. Von Deutschland fühle sie sich gerade „null repräsentiert“. „Als Palästinenserin muss man immer erst mal beweisen, dass man nichts gegen Juden hat“, sagt sie: „Bei all der Solidarität zu Israel schaffen es die Politiker nicht mal, ein Wort des Mitgefühls für die Menschen in Gaza aufzubringen, geschweige denn, die Tötungen von Palästinensern zu verurteilen.“
Sie lächeltzum ersten Mal, als sie von ih-rem letzten Besuch in Gaza erzählt, das war 2015. Sie redet über Hochzeiten, Grill-abende am Meer, pinkfarbenes Kaugum-mi-Eis in der Eisdiele Kazem. Wenn sie jetzt die Bilder sehe, denke sie: Wäre ich doch diesen Sommer nach Gaza gefahren. Dann hätte sie ihren Onkel Fouad noch mal gesehen, der unter den Trümmern des Flüchtlingslagers Dschabalia begraben wurde. Und sie hätte Musk kennengelernt, ihre nicht mal einjährige Cousine.
Iman Abu Al-Qomsan zeigt jetzt ein Video auf ihrem Telefon, ein Säugling in einem Leichentuch, kalkweiß: „Sie hatte ihr ganzes Leben vor sich.“ Die Frage ist jetzt nur, ob Deutschland es riskieren kann, Iman Abu Al-Qomsan Raum für ihre Trauer zu geben.
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Am Hermannplatz habe die Polizei keine Notiz von ihm ge-nommen, sagt Fadi Abdelnour fast enttäuscht, aber als er am Berliner Flughafen auf seine
Freundin wartete, ein paar Runden mit dem Auto drehte, dann in der Halle auf und ab ging, hätten ihn zwölf Beamte angehal-ten und befragt, während er wiederum einen der Polizisten gefilmt habe, man wisse ja nie. Am Ende erteilte ihm die Polizei für drei Stunden Hausverbot. Gemessen am Misstrauen, das die eine Seite der jeweils anderen Seite entgegen-bringt, hätte es schlimmer kommen können. Man sollte erwähnen, dass Fadi Abdelnour sein Haar gerade in den Farben der palästinensischen Flagge trägt.
Fadi Abdelnour, geboren in einer christ-lichen Familie in Ramallah, kam mit 24 Jahren nach Deutschland, studierte Design, wurde deutscher Staatsbürger, leitete ein arabisches Filmfestival, hielt Vorträge vor der Barenboim-Said-Akade-mie und gründete vor wenigen Jahren den arabischen Buchladen Khan Aljanub, Herberge des Südens, in der Potsdamer Straße in Berlin. Gerade allerdings findet man ihn eher in Berlin-Neukölln, auf dem Hermannplatz oder eben jetzt auf der Sonnenallee, wo palästinensische Fahnen aus den Fenstern hängen, wo bei Demons-trationen antisemitischer Dreck gebrüllt wurde und Autoreifen brannten.
Er sucht andere, bessere Wege des Protests. Wie lässt sich Antisemitismus verhindern? Wie erreicht man jenen kra-wallbereiten Teil der Palästinenser, deren Wut über die eigene prekäre Existenz und jahrzehntelange Staatenlosigkeit in Juden-hass explodiert? Wie ließe sich, umge-kehrt, die deutsche Gesellschaft von der Not der Palästinenser berühren?
Einige wollen reden, reden dann aber doch nicht, zu viel
wird gerade falsch verstanden
Dass nach den Terroranschlägen der Hamas und dem Beginn der Luftangriffe auf Gaza anfangs alle, wie es heißt, „propa-lästinensischen“ Kundgebungen unter-bunden wurden und damit zwar das Risiko von Antisemitismus mit Polizeigewalt ausgeräumt wurde, aber eben auch jede Möglichkeit, sich überhaupt zu äußern, hält Abdelnour für falsch: „Man hat den Palästinensern das Recht genommen zu trauern. Die Polizeihat sogar Kerzen ausge-treten. Das vergisst hier keiner.“
In Berlin, sagt er, lebe die größte palästi-nensische Gemeinde Deutschlands. Berlin sei ein Labor, sagen andere, ein Ort, an dem der Nahe Osten sich selbst begegnen könne, Araber und Perser, Palästinenser und Israelis, Juden, Muslime und Chris-ten, Türken, Kurden und Bahai. Dieser Ort sei durch die unerbittliche Polarisierung bedroht.
Aber das ist nichts gegen die Entfrem-dung zwischen Menschen mit arabischen oder muslimischen Wurzeln und dem Rest der deutschen Gesellschaft.
Palästinenser, Araber, kurz: Muslime zeigten zu wenig Empathie für die jüdi-schen Opfer der Terroranschläge, so der Vorwurf, viele begrüßten Antisemitismus in den eigenen Reihen, seien nicht inte-griert, schlimmstenfalls ein Sicherheitsrisi-ko. An die Spitze der besorgten Bürger hat sich jüngst ausgerechnet der Chef der Freien Wähler gesetzt, Hubert Aiwanger, der als Jugendlicher ein Flugblatt bei sich trug, in dem vom „Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz“ die Rede war. Die Gründe für den wachsenden Antisemi-
tismus entdeckte Aiwanger allerdings in der unkontrollierten Zuwanderung. Man müsse eben erkennen, welchen „Unsinn“ man sich „ins Land geholt“ habe.
Ob Aiwanger Fadi Abdelnour zu diesem „Unsinn“ zählt, ist unklar. Ganz sicher aber spricht Letzterer den meisten muslimi-schen Deutschen aus dem Herzen, wenn er sagt:„Wirverzweifelnan derdeutschenDe-batte.“ Für ihn, der bei kurzen Telefonaten mit Freunden in Gaza Sätze hört wie „Wir leben noch“ oder „Wir verdursten gerade“, ist es unbegreiflich, dass in der deutschen Berichterstattung ukrainische oder jüdi-sche Opfer einen Namen, eine Geschichte, ein Gesicht haben, zumal die ermordeten Israelis des 7. Oktober, aber palästinensi-sche Opfer fast immer im Kollektiv auf-tauchen, als abstraktes Ganzes, als Zahl. Wenn Palästinenser sterben, sagt Abdel-nour, gebe es niemanden, der ihren Tod herbeigeführt hat: „Sie sind einfach,umge-kommen‘, als wäre es eine Naturgewalt.“
Aus dieser Perspektive klingt selbst die hochgelobte Rede von Robert Habeck nicht mehr so schön. Angemessen wort-reich entsetzte sich der Vizekanzler über die „bestialischen Morde“ der Hamas. Für diedeutschen Muslimeaber fandertadeln-de Worte, und seine Formulierung über den Krieg in Gaza hätte teilnahmsloser kaum klingen können. Der Tod und das Leid, das jetzt über die Menschen komme, seien: „schlimm“. Es wäre zu hoffen, dass sich die Juden in Deutschland durch Habecks Auftritt ein wenig sicherer, ein wenig geschützter fühlen – nach Wochen floskelhafter Beistandsrhetorik. Für viele muslimische Deutsche war die Rede allerdings ein Fußtritt.
So wenig finden Palästinenser, Araber, Muslime ihren Standpunkt in der deut-schen Öffentlichkeit wieder, dass kaum noch jemand deutsche Medien verfolgt. Lieber schauen sie angelsächsisches Fern-sehen, BBC Arabic oder lesen israelische Zeitungen wie Ha’aretz. Fast alle folgen auf X und Instagram Seiten wie jener des Foto-grafen Motaz Azaiza in Gaza oder „Eye on Palestine“. Dort finden sie, was sich in Deutschland höchstens das Fachpublikum zumutet, den Truppenbesuch des israeli-schen Sängers Moshiko Mor beispielswei-se, der bejubelt wurde für Verse wie „Wer hat kein Wasser, Essen oder Strom – in Ga-za? / Wer wird in Zelten leben – in Gaza?“ Sielesen die Forderung derisraelischen Ex-Ministerin Galit Distel-Atbaryan, dass Ga-za„ausgelöscht“werden müsse. Und sie se-hen Aufnahmen toter Kinder in Gaza, Reihen kleiner Körper in weißen Tüchern, davor schreiende Eltern, stumme Eltern, auch: die Hamas verfluchende Eltern. Mehr als 3400 palästinensische Kinder sind laut Unicef seit dem 7. Oktober gestor-ben, die Organisation „Save The Children“ spricht von einem toten Kind alle zehn Mi-nuten. Manche zweifeln die Zahlen an, weil sie meist auf Hamas-Angaben beruhen. Als ergäben ein paar Hundert tote Kinder weniger ein grundsätzlich anderes Bild.
Über all das würden arabischstämmige Deutsche gern sprechen, in Talkshows, in Interviews, in Gastbeiträgen, aber oft tun sie es dann lieber nicht. Viele Gesprächs-partner sind im Lauf der Recherche abge-sprungen, weil sie um ihren Aufenthalts-status fürchten, um staatliche Förderung für ihre Projekte oder einfach nur um ihren Ruf. Einige wollen ihren Nachnamen nicht nennen. Sie vermuten, dass ihre Worte verdreht werden, dass Begriffe wie „Besatzung“, oder „Befreiung“ oder „Genozid“ als antisemitisch interpretiert werden. Eigentlich, so sagen sie, erwarte das deutsche Publikum von ihnen nur eines: die Verurteilung der Hamas.
Andererseits: Ist das so schwer? Warum nicht öffentlich sagen, was die meisten ohnehin denken? Dass die Hamas nicht nur Juden auf dem Gewissen hat, sondern auch Muslime, zumal in Gaza, dass sie ein Ableger der islamistischen Muslimbrüder sind, denen die religiöse Ideologie immer wichtiger war als das Wohl ihres Volkes, dass die mörderischen Islamisten die Bewohner des Gazastreifens seit sechzehn Jahren unterjochen, benutzen, ausliefern, dass sie zwar ein kilometerlanges Tunnel-system geschaffen haben, aber nicht einen einzigen Schutzraum für Zivilisten.
Und weil das nicht erst seit dem 7. Okto-ber so ist, sondern schon lange, schoss vielen nach den Terroranschlägen dassel-be durch den Kopf wie Mahmoud Hassino: „Ich dachte: Fuck Hamas, jetzt werden die Palästinenser in Gaza sterben.“ Hassino ist in der Nähe des syrischen Hama geboren und lebt seit Jahren in Berlin. Während des Bürgerkriegs bloggte er gegen das Assad-Regime: „Hamas kooperiert mit Assad und mit Iran. Eine solche Organisation werde ich niemals unterstützen.“
Für das Gespräch hat er „Romeo und Romeo“ vorgeschlagen, ein Café in Berlin-Schöneberg. Er wohnt in der Nähe mit seinem Partner. In Syrien hater als Journa-list gearbeitet, in Berlin lange für die Schwulenberatung und jetzt für Handicap International. Mag sein, dass er nicht der typische arabische Flüchtling ist. Dass er eine jüdische Therapeutin in Berlin suchte, weil sie in Fragen kollektiver Traumata qualifizierter sein würde als andere, ist sicher nicht die Regel.
Aber nach vielen Jahren in den homo-phoben Gesellschaften des Nahen Ostens hat Hassino einfeines Gespür für Zuschrei-bungen, Ausgrenzungen, für othering.
Fadi Abdelnour findet, man habe den Palästinensern das Recht genommen zu trauern. Und Aref Hajjaj (u.) träumt von einem Staat mit Israelis und Palästinensern.
FOTOS: FRIEDRICH BUNGERT / MARCEL KUSCH
Geradedeshalb mag ersichdie Hamas-Ver-urteilungvondeutscher Seitenicht abpres-sen lassen: „Ich bin nicht bereit, die Hamas auf deutschen Druck hin zu verurteilen, weil das unterstellt, dass ich sie gut finde – was ich nicht tue.“
Seit acht Jahren bemühe er sich darum, sich zu integrieren, er sei stolz und froh, Staatsbürger einer Demokratie zu sein. „Aberjetzt bin ich wieder nur der antisemi-tische Araber und werde in eine Schublade gesteckt“, sagt er. Einmal, und da wird es noch unheimlicher, sogar als eine Art Kom-plize. Als ein Deutscher bei einer privaten Begegnung über die Lage im Nahen Osten reden wollte und antisemitische Stereo-type einstreute, ganz so, als sei man unter sich – der Deutsche, der es endlich malaus-spricht, und der Syrer, der ganz sicher ju-denfeindlich ist –, beschloss Hassino, das Thema in Zukunft zügig abzumoderieren.
Zuwanderungsapokalyptiker, Radikalislamisten, viele nutzen den Krieg für ihre Zwecke
Währendalso HubertAiwanger,die Bild-Zeitung und ganz intensiv auch CDU-Chef Friedrich Merz vor allemauf die „antisemi-tischen jungen Männer“ schauen, von denen man „genug im Land“ habe, blicken die gut ausgebildeten, polyglotten Musli-me längst weiter, viel weiter. Farah A. beispielsweise, geboren als Kind palästi-nensischer Eltern in Deutschland, einst Klassenbeste auf einem Privatgymnasium und Mitglied eines Kinderchores, heute in Berlin für eine Consulting-Firma tätig, fühlt sich in ihrer Heimat Deutschland gerade so fremd wie nie: „Diese Debatte bricht mich. Sie bricht uns alle. Wie groß muss die Zahl der toten Zivilisten werden, bis die deutsche Politik nicht mehr von Selbstverteidigung spricht?“
Ein befreundetes palästinensisches Paar in Berlin, sie Ärztin, er Naturwissen-schaftler, habe sich vor zehn Jahren in Deutschland kennengelernt: „Sie hatten die Hoffnung auf ein besseres Leben. Jetzt wollen sie nur noch weg.“ Viele denken ähnlich, sagt Farah A., gerade die Eliten, die Fachkräfte, die Deutschland nach eige-ner Aussage so dringend brauche, erwägen die Ausreise nach Großbritannien, Kana-da, in die Emirate. Farah A., die sich in der Schule intensiv mit dem Holocaust ausein-andergesetzt hat, verstört es,dass der Anti-semitismus als rein muslimische Angele-genheit ausgelagert werden soll: „In einem Land, das sechs Millionen Juden umge-bracht hat, ist das geschichtsverleugnend.“
Und obwohl sie nach Jahrzehnten desIs-rael-Palästina-Konflikts „zutiefst hoff-nungslos“ sei, hat sie unlängst eine ara-bisch-israelisch-muslimisch-jüdische Kundgebung am Gleisdreieck in Berlin organisiert. „Jede Form von Hass und Diskriminierung“ war dabei ausdrücklich untersagt, und alles blieb so friedlich, dass sogar die Polizei lobende Worte gefunden habe. Es gebe kein fremdes Leid, habe ihr Vater sie gelehrt, alles Leid sei menschlich. Farah A. ist überzeugt davon: „Du kannst dich mit dem Leid der Juden und dem Leid der Palästinenser solidarisieren, das eine relativiert nicht das andere.“
Für Aref Hajjaj kommt der jetzige Tief-punkt nichtüberraschend. Hajjaj, 80, emp-fängt in seinem Wohnzimmer in Bonn auf einem Barocksessel, umgeben von Engels-statuen, die seine Frau aufgestellt hat, sie stammt aus dem Tessin. „Einfach war es nie, Palästinenser in Deutschland zu sein“, sagt er. Während des Sechstagekriegs 1967 war er Politikstudent in Heidelberg und traute sich eine Woche lang nicht in die
In einem Land, in dem sechs Millionen Juden umgebracht wurden, soll Antisemitismus jetzt als rein muslimische Angelegenheit ausgelagert werden? Farah A. findet das ziemlich verstörend.
FOTO: FRIEDRICH BUNGERT
Gemeinschaftsräume des Studentenwohn-heims,zu großsei die Schadenfreudegewe-sen. Nach dem Münchner Olympia-Atten-tat 1972,bei dempalästinensische Terroris-ten elf israelische Sportler und Betreuer töteten, traf das allgemeine Misstrauen auch ihn. Damals war er gerade sechs MonateimAuswärtigenAmt,als erster Dol-metscher palästinensischer Abstammung.
Heute ist Hajjaj Vorsitzenderdes Palästi-na-Forums in Bonn und beobachtet eine „wesentlich einseitigere“ deutsche Nahost-politik, eine, die „tausendmal schlechter“ sei als in den vergangenen 25 Jahren. Er hat den Vergleich. Drei Jahrzehnte lang be-gleitete er deutsche Kanzler und Minister in die muslimische Welt, übersetzte für Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher und Helmut Schmidt bei Treffenmit dem ägyp-tischen Präsidenten Anwar al-Sadat, dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi, Iraks Schreckensherrscher SaddamHusse-in. Er schreibt oft und gern Leserbriefe, für die deutschen Medien aber hat er gerade nur ein Urteil: „Katastrophe“. In den Tagen nach dem 7. Oktober haben ihn drei Medi-enhäuser erst kontaktiert, dann abgesagt. Gerade immerhin war er bei „Hart aber fair“, aber die Sendung fand er „grotten-schlecht“. Erhabe sichwieein Alibi-Palästi-nenser gefühlt: Hauptsache, man hat einen im Studio sitzen, wirklich zuhören wollte man ihm nicht.
Auch er hätte sich bessere Reaktionen aus der palästinensischen Community auf die Gräueltaten der Hamas gewünscht, sagt er. „Leider sind wir zu schlecht vernetzt. Jeder denkt, er kann es besser machen. Viele sind traumatisiert, das ist ein großes Problem.“ Inzwischen sei die öffentliche Debatte so vergiftet, dass eine Spaltung der Gesellschaft drohe.
Denn nicht nur die Zuwanderungsapo-kalyptiker nutzen den Krieg in Palästina für politische Zwecke, radikalislamisti-sche Trittbrettfahrer tun es auch. Am Frei-tag fand eine Kundgebung in Essen statt, auf Plakaten waren Aufschriften zu sehen wie: „Schlachthof Gaza“ und: „Das Kalifat ist die Lösung“. Männer und Frauen marschierten getrennt, einige schwenkten die schwarze Fahne der islamistischen Vereinigung Hizb ut-Tahrir.
Die Bilder skandierender Scharia-Fans in einer deutschen Großstadt haben bei vielen Deutschen Entsetzen und Angst ausgelöst, unter Palästinensern wie Hajjaj auch Ekel: „Ich kann nur sagen: entsetz-lich. Was hat die Sache Palästinas mit dem Kalifatsgedanken zu tun? Meine Antwort als säkularer Palästinenser: Gar nichts. Diese Instrumentalisierung ist gefährlich, falsch und kontraproduktiv.“
Viel lieber würde er über Perspektiven sprechen. Er ist viel in der Schweiz, der Heimat seiner Frau. Ende November wird er dort wieder Vorträge halten – über Visio-nen für Nahost. Er glaubt an einen gemein-samen Staat mit Israelis und Palästinen-sern, hat sogar schon einen Namen: der Staat Abraham, eine liberale Demokratie, föderal organisiert inKantonen. Ein Neben-einanderohne Nationalismus, mitkulturel-len und sprachlichen Eigenheiten, wie in der Schweiz eben. „Es muss ja keine Liebe
sein“, sagt Hajjaj. Aber er weiß, dass selbst für die Vision eines lieblosen Zusammenle-bens die Zeit nicht schlechter sein könnte.
Auf einer Kommode steht das Bild des Vaters, es zeigt einen Mann mit vollem Haar, Schnäuzer und Fliege. Er habe gern ein Gläschen Wein getrunken, sagt Hajjaj. Er, der Sohn, habe nur die ersten fünf Jah-re seines Lebens in Palästina verbracht, da-mals britisches Mandatsgebiet, aber er er-innere sich noch gut an seine Heimatstadt Jaffa. Die Obstplantagen, die Viehtränke, die die Kinder alsSchwimmbecken benutz-ten, seine Großmutter, die von der guten Nachbarschaft zu den palästinensischen Juden sprach: „Es war ein kleines Para-dies.“ Aber dann starb der Vater, 1948 musste seine Mutter mit den sechs Kin-dern nach Beirut fliehen. Aref Hajjaj wurde Deutscher. Seit dem 7. Oktober nimmt er abends Schlaftabletten. Dabei kenne er in Gaza gar niemanden mehr.
Iman Abu Al-Qomsan kennt viele Menschen in Gaza. Nur leben nicht mehr alle. Einen Tag vor dem Treffen in Köln hat sie erfahren, dass 19 ihrer Angehörigen beim israelischen Bombardement des Flüchtlingslagers Dschabalia gestorben sind. Al Jazeera hatte den Tod der ganzen Familie gemeldet. Der Onkel ihrer Mutter arbeitet dort als Rundfunkingenieur und verlor unter anderem seinen Vater und zwei Schwestern. „Gerade fühlt sich alles falsch an“, sagt sie. Wenn sie esse, trinke, schlafe, habe sie ein schlechtes Gewissen.
Vor dem Kölner Dom ist es kalt und zu-gig, im Shisha-Café ist es immerhin warm. Abu Al-Qomsan studiert Chemieingeni-eurswesen. Tagsüber funktioniert sie, abendstraut sie sich nichtmehr in die Tele-gram-Gruppe, wo immer Listen der Toten zu finden sind. Die 19 Verwandten waren nicht die ersten, die sie verloren hat.
Ihre Eltern stammen aus Gaza, sie habendort mehrals ein DutzendGeschwis-ter. Ihre Familie sei „riesig“, sagt Iman Abu Al-Qomsan,lebe verstreutüber denschma-len Streifen Land am Meer: „Das ist besser so. Sonst sterben alle auf einmal.“
Wäre sie im Sommer nach
Gaza gefahren, hätte sie alle noch mal gesehen. Jetzt sind sie tot
Iman Abu Al-Qomsan ist inzwischen Deutsche, aber viele Jahre war sie staaten-los, obwohl sie in Nordrhein-Westfalen geboren wurde. Von Deutschland fühle sie sich gerade „null repräsentiert“. „Als Palästinenserin muss man immer erst mal beweisen, dass man nichts gegen Juden hat“, sagt sie: „Bei all der Solidarität zu Israel schaffen es die Politiker nicht mal, ein Wort des Mitgefühls für die Menschen in Gaza aufzubringen, geschweige denn, die Tötungen von Palästinensern zu verurteilen.“
Sie lächeltzum ersten Mal, als sie von ih-rem letzten Besuch in Gaza erzählt, das war 2015. Sie redet über Hochzeiten, Grill-abende am Meer, pinkfarbenes Kaugum-mi-Eis in der Eisdiele Kazem. Wenn sie jetzt die Bilder sehe, denke sie: Wäre ich doch diesen Sommer nach Gaza gefahren. Dann hätte sie ihren Onkel Fouad noch mal gesehen, der unter den Trümmern des Flüchtlingslagers Dschabalia begraben wurde. Und sie hätte Musk kennengelernt, ihre nicht mal einjährige Cousine.
Iman Abu Al-Qomsan zeigt jetzt ein Video auf ihrem Telefon, ein Säugling in einem Leichentuch, kalkweiß: „Sie hatte ihr ganzes Leben vor sich.“ Die Frage ist jetzt nur, ob Deutschland es riskieren kann, Iman Abu Al-Qomsan Raum für ihre Trauer zu geben.
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Interview der WAZ mit Aref Hajjaj
09.11.2023, 12:57 | Lesedauer: 8 Minuten Christopher Onkelbach ESSEN/BONN. Der Vorsitzende des Bonner Palästina-Forums verurteilt Anti-Israel-Demos scharf. Welche Fehler er aber auch bei der deutschen Politik sieht. Etwa 3000 Menschen zogen am vergangenen Freitag durch die Innenstadt von Essen, rund 17.000 protestierten in Düsseldorf für die Anliegen der Palästinenser und gegen das Vorgehen Israels nach den Angriffen der Hamas. Sie schwenkten Fahnen mit Symbolen, die den Zeichen der ISRAEL-KONFLIKT Palästinenser: Ich bin entsetzt über islamistische Demos Rund 3000 Menschen zogen durch bei einer umstrittenen Pro-Palästina-Demo durch die Essener Innenstadt. Auf Plakaten wurde auch das Kalifat gefordert. Foto: Christoph Reichwein / dpa Diesen Artikel vorlesen lassen: 00:00 / 09:59 1X BotTalk Jetzt lesen verbotenen IS ähnelten. Diese umstrittenen Demonstrationen mit islamistischem Beiklang dienten nicht den Zielen der Palästinenser, sagt Dr. Aref Hajjaj, Vorsitzender des PalästinaForums in Bonn. Im Gespräch mit Christopher Onkelbach beklagt er aber auch gravierende Fehler der deutschen Politik. Tausende Menschen zeigten bei Demonstrationen ihre Solidarität mit Palästina. Einige zeigten Symbole, die verbotenen IS-Zeichen ähnelten und forderten das Kalifat. Was denken Sie, wenn Sie das sehen? Aref Hajjaj: Ich verurteile das in aller Schärfe! Was hat der Kalifat-Gedanke mit Palästina zu tun? Gar nichts! Die Instrumentalisierung des Konflikts durch den politischen Islam dient nicht der Sache der Palästinenser. Wir leben im 21. Jahrhundert, was wollen wir mit einem Kalifat? Was mich zudem irritiert hat, war die Trennung der Geschlechter bei dem Demonstrationszug. Ich bin ein säkularer und liberaler Mensch und lehne das ab. Wie viele Bürgerinnen und Bürger bin auch ich mit vielen Palästinensern entsetzt über diese Demonstrationen. Die Politik in NRW diskutiert nun über eine Verschärfung des Versammlungsrechts, ist das die richtige Konsequenz? Keinesfalls! Diese Forderungen sind Ausdruck einer politischen und medialen Vereinfachung. Wenn eine kleine Minderheit etwas Unsinniges tut, dann wird sofort nach einer Verschärfung der Gesetze gerufen. Das Demonstrationsrecht ist ein wichtiges Element der rechtsstaatlichen Staatsordnung. Das zu verändern, wäre grundfalsch. Ich denke, die Forderung wird aus Rücksichtnahme auf Israel erhoben. Würde es in dem Konflikt nicht um Israel, sondern um irgendein anderes Land gehen, würde es diese Debatte nicht geben. Eine Verschärfung wurde zudem die Falschen treffen, nämlich jene, die für eine gerechte und plausible Sache auf die Straße gehen. Wird bei den Demonstrationen plötzlich sichtbar, wie viele Menschen mit islamistischer Gesinnung in Deutschland leben? Ich habe politische Wissenschaften studiert. Ich warne vor Schnellschüssen und Verallgemeinerungen, nach dem Motto: Die Palästinenser ticken alle im Sinne des politischen Islam. Dafür sehe ich keine Belege. Aber Tausende sind dem Aufruf gefolgt… Nach meinem Wissen und meinen Erfahrungen ist es zu einfach, die Palästinenser über einen Kamm zu scheren. In Deutschland teilt sich die Community grob gesagt in drei Gruppen auf: Etwa 20 Prozent sind Anhänger des politischen Dr. Aref Hajjaj, Vorsitzender des Palästina-Forums Bonn, ist entsetzt über die umstrittenen Demos in Essen und Düsseldorf. Foto: IMAGO/Christoph Hardt Islam, rund 60 Prozent sind gemäßigt fromm und patriotisch eingestellt, aber sie sind nicht fanatisch. Weitere 20 Prozent sind liberal und westlich orientiert. Nach den Gräueltaten der Hamas gab es keine hörbaren Reaktionen der Palästinenser in Deutschland, warum nicht? Das halte auch ich für einen großen Fehler. Nach den Gräueltaten der Hamas hätte es zu einer erkennbaren Reaktion kommen müssen. Doch man muss sehen, dass die Palästinenser seit der Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens 1967 frustriert, traumatisiert und zersplittert sind. Rund 700.000 israelische Siedler leben nun in der Westbank, sie haben die Palästinenser vertrieben, ihr Hab und Gut zerstört, Hunderttausende Olivenbäume gefällt und Häuser auf palästinensischem Boden gebaut. Man kann daher verstehen, dass sich das politische Mitgefühl mit den Israelis in Grenzen hält. Nun kommen die Bombardements des Gazastreifens mit Tausenden Toten hinzu. Man sollte die Palästinenser also nicht moralisch überfordern. Dennoch halte ich es für falsch, dass die Palästinenser in Deutschland nicht gegen die Gewalt auf beiden Seiten protestiert haben. Die Debatte um den Nahostkonflikt ist verhärtet, wie kann Deutschland helfen, den Dialog wieder aufzunehmen? Ja, das Klima ist vergiftet. Dazu hat auch die deutsche Nahostpolitik beigetragen, sie war noch nie so einseitig Israel bezogen wie jetzt. Ich habe 30 Jahre als arabischer Dolmetscher für das Auswärtige Amt gearbeitet, ich habe Minister und Bundeskanzler auf Nahostreisen begleitet. In der Ära der 70er- und 80er-Jahre war die Nahostpolitik wesentlich ausgewogener. Woran machen Sie das fest? Damals folgte die deutsche Nahostpolitik drei Grundsätzen: Die Anerkennung des Existenzrechts Israels, die Forderung nach einem Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser sowie die Forderung nach einer Räumung israelischer Siedlungen. Heute reden Robert Habeck, Annalena Baerbock (Grüne) und Olaf Scholz (SPD) nur noch von einem Siedlungsstopp. Das ist lächerlich angesichts der Tatsache, dass es bereits 700.000 jüdische Siedler auf palästinensischem Gebiet gibt. Die deutsche Politik steht einseitig an der Seite Israels. Daher ist Deutschland kein guter Vermittler zwischen Juden und Palästinensern. Ich sehe in Berlin zu wenig Gesprächsbereitschaft, Fingerspitzengefühl und Pragmatismus. Die deutsche Politik will keinen Antisemitismus dulden und steht auf Seiten Israels, was ist daran falsch? Ich verstehe die besondere Verantwortung Deutschlands für die Juden, Antisemitismus ist ein gefährliches Gift. Aber die Gesamtheit des Konflikts auf die Bekämpfung des Antisemitismus zu reduzieren, ist nicht richtig. Es ist nicht differenziert, stets nur von israelischen Opfern und palästinensischen Terroristen zu sprechen. Für die Eskalation, auch wenn sie am 7. Oktober brutal von der Hamas ausging, trägt auch Israel eine nicht geringe Verantwortung. Wie nehmen Sie die Stimmung in der deutschen Bevölkerung wahr? Die Meinung in der deutschen Bevölkerung ist viel ausgewogener als beim politischen und medialen Mainstream. Die Menschen sind entsetzt über die furchtbaren Angriffe der Hamas. Aber sie sind auch entsetzt über die aktuellen Geschehnisse in Gaza. Die Menschen haben durchaus Verständnis für das Leid der Zivilbevölkerung auf beiden Seiten. Das spüre ich deutlich bei meinen Lesungen und Vorträgen. Welche Zukunft sehen Sie für Palästina, gibt es überhaupt noch Hoffnung? Ich bin im Alter von fünf Jahren aus Palästina vertrieben worden. Meine Eltern und Großeltern haben sich mit palästinensischen Juden genauso gut verstanden wie mit palästinensischen Christen. Ja, wir müssen pessimistisch sein angesichts der Entwicklung, aber wir dürfen nicht alle Zukunftsoptionen fallen lassen. Fakt ist, dass eine andauernde Besetzung und Besiedlung Palästinas nicht akzeptabel ist. Fakt ist auch, dass die ZweiStaaten-Lösung derzeit unrealistisch ist. Ich hänge der Idee eines gemeinsamen Staates mit Israelis und Palästinensern. Das kann langfristig eine Lösung sein, auch wenn es heute visionär klingt. Aber ist das nicht eine ferne Utopie? Natürlich ist es eine Vision, aber ich sehe keine Alternative. Ich bin oft in Israel, eine friedliche Koexistenz zwischen israelischen Juden und israelischen Palästinensern gelingt ja mancherorts bereits, wie etwa in Jaffa, Haifa, Akko oder Nazareth. Ein gemeinsamer Staat, eine liberale, säkulare Demokratie, föderal organisiert in Kantonen wie in der Schweiz. Wenn beide Seiten die gleichen Rechte haben, wäre das eine Möglichkeit, die Region zu befrieden. Leider ist der Wille dazu noch nicht vorhanden. >>>> Zur Person: Aref Hajjaj Dr. Aref Hajjaj wurde im Februar 1943 in Jaffa/Palästina geboren. Nach der Vertreibung 1948 wuchs er in Beirut und Kuwait auf. Er studierte in Heidelberg Politikwissenschaft, Geschichte und Völkerrecht. Nach der Promotion arbeitete er 30 Jahre lang im deutschen Außenministerium als Dozent für Landeskunde und Kultur und arabischer Dolmetscher und begleitete etwa Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher oder Helmut Schmidt auf Nahostreisen. Seit 2003 ist Hajjaj Vorsitzender des Palästina-Forums Bonn. Zuvor war er Vizepräsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. 2010 erschien sein Buch „Angekommen in Deutschland – Der Preis der Integration“. Anfang 2017 veröffentlichte er „Land ohne Hoffnung? – Arabischer Nationalismus, politischer Islam und die Zukunft Palästinas“. Hajjaj ist mit einer Schweizerin verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant. E-Mail-AdresseE-Mail* Jetzt anmelden Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu. DAS BESTE AUS WAZ PLUS Tochter in U-Haft: Mutter verzweifelt an der Situation Von Linda Heinrichkeit Anwohner beklagen 20 Kilometer langen Umweg zu ihrer Garage Von Theo Körner Neuer Freizeitpark in Bochum: Eröffnung wird verschoben Von Gernot Noelle
Neue Eskalation um Gaza
Infolge der neuen Eskalation in Israel und Gaza sind erschreckend viele Tote und Verletzte auf palästinensischer und israelischer Seite zu beklagen. Unbestritten hat die radikalislamische
Hamas-Bewegung, die den Gazastreifen ohne demokratische Legitimität regiert, am 7. Oktober Gräueltaten gegen Zivilisten in der israelischen Umgebung von Gaza begangen. Diese Handlung verurteilen wir eindeutig. Sie schadete außerdem der gerechten Sache Palästinas.
Wir verurteilen ebenfalls aufs Schärfste die von der rechtsnationalen israelischen Regierung begangenen massiven militärischen Angriffe auf die palästinensische Zivilbevölkerung in Gaza und im Westjordanland. Diese Angriffe waren und sind Paradebeispiele für die Praxis einer kollektiven Bestrafung von völlig unschuldigen Menschen. Die jüdische Philosophin Susan Neiman hat sich von dieser Praxis deutlich distanziert.
Diese neue militärische Auseinandersetzung zwischen Hamas und Israel wird von Politik und Medien der meisten europäischen Staaten allerdings wieder einmal unterschiedlich eingeschätzt. Während z.B. die meisten deutschen Fernsehanstalten fast ausschließlich und gebetsmühlenartig von israelischen „Opfern„ und palästinensischen „Terroristen“ sprechen , bemühen sich etwa die BBC, irische Anstalten und die SRG (Schweiz) um halbwegs sachliche und objektive Berichterstattung . Da werden dort wichtige Themen in diesem Zusammenhang hinterfragt wie Besetzung , Besiedelung und Annexion der besetzten palästinensischen Gebiete.
Für die neue Eskalation , auch wenn sie jetzt von Hamas angestoßen wurde, trägt auch Israel ein großes Maß an Verantwortung. Denn sein völkerrechtswidriges Vorgehen gegen die gesamten Palästinenser zumindest seit 1967 bereitete den Boden für die aktuelle und leider auch künftige zu befürchtende Eskalation. Ohne eine umfassende und gerechte Lösung der offenen Palästinafrage wird Israel nie in der Lage sein, Sicherheit im eigenen Land zu erreichen. Militärische Siege ohne einen echten Friedensschluss erweisen sich mehr und mehr als Fata Morgana. Das müssen die Israelis endlich begreifen und sich ernstlich bemühen, gerechte Alternativen für den völlig inakzeptablen Status quo anzubieten .
Bedauerlicherweise werden durch diese massive militärische Aktion der Hamas alle innenpolitischen Auseinandersetzungen und Probleme in Israel verdrängt und Netanjahu in seiner Position gestärkt. Darüber hinaus werden alle westlichen Regierungen wieder einmal die Augen verschließen, wenn Israel hart zurückschlagen wird. Jedwede an Israel gerichtete Kritik bezüglich Siedlungspolitik, Demokratieabbau etc. wird für längere Zeit verstummen.
Ein nachhaltiger , klarer und nicht „politisch korrekter“ Gegenentwurf der USA, Europas und der arabischen Welt ist angesichts der aktuellen Lage dringend erforderlich, um auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten neue militärische Auseinandersetzungen dieser Art zu verhindern.
Rezension des Buches "Heimatlos ..." von Aref Hajjaj in Qantara/Deutsche Welle
"Heimatlos mit drei Heimaten“ von Aref Hajjaj
Im Identitätsspagat
Der Autor und Politikwissenschaftler Aref Hajjaj schildert in seinem Buch seine persönlichen Erfahrungen aus einem Leben zwischen Palästina, der Schweiz und Deutschland. Von Volker Kaminski
Nader – das Alter Ego des Autors – verliert schon als kleines Kind seine Heimat. Seine Eltern werden 1948, im Jahr der Staatsgründung Israels, aus Palästina vertrieben, als Nader gerade einmal fünf Jahre alt ist. Seine weitere Kindheit und frühe Jugend verbringt er in Beirut und Kuwait; er lernt zu der Zeit bereits Deutsch und wagt schließlich den Schritt nach Deutschland: Anfang der 1960er Jahre zieht er nach Heidelberg und schließt dort sein Studium mit einer Promotion ab.
Diese frühen Erfahrungen in einem fremden Land, das Hineinwachsen in die deutsche Kultur, die politischen Diskussionen unter den Studierenden (auch über den Palästina-Israel-Konflikt) gerade in den hochpolitisierten 1960er Jahren werden im Buch nur am Rande behandelt. Nader ist zu Beginn des Buchs bereits fest etabliert; er bezeichnet sich als integriert, ja sogar assimiliert, ist mit einer Schweizerin verheiratet und beruflich etabliert.
Nader hat – vor allem in den Anfangsjahren – auch gegen Vorurteile in seinem eigenen Umfeld zu kämpfen. So ziehen seine arabischen Freunde in Zweifel, ob die Ehe zwischen einem Palästinenser und einer Tessinerin von Dauer sein kann. Zu groß seien die kulturellen und religiösen Unterschiede in einer gemischten Ehe.
Innere Spaltung
Doch obwohl Nader und seine Frau Elisa diesen Schritt wagen und die Entscheidung nie bereuen müssen, spürt er selbst seine innere Spaltung und den Schmerz darüber, von seiner Herkunftskultur entfremdet zu sein.
Diese doppelte Perspektive – einerseits als integriert und "europäisch sozialisiert“ zu gelten, andererseits innerlich fremd zu bleiben und die deutsche Kultur immer hinterfragen zu müssen – entspricht Naders (und mithin weitgehend des Autors) eigener täglicher Erfahrung.
Integriert und doch innerlich gespalten: Aref Hajjaj spürt eine innere Spaltung und den Schmerz darüber, von seiner Herkunftskultur entfremdet zu sein. Diese doppelte Perspektive – einerseits als integriert und "europäisch sozialisiert“ zu gelten, andererseits innerlich fremd zu bleiben und die deutsche Kultur immer hinterfragen zu müssen – entspricht der Erfahrung seiner literarischen Figur Nader und mithin weitgehend seiner eigenen täglichen Erfahrung.
Wir erleben Nader als wachen Beobachter seiner Lebenswelt, der Alltagsrassismus, Antisemitismus, Philosemitismus und das Abdriften in Parallelgesellschaften aufzeigt und kritisiert, aber ebenso die Missstände und das staatliche Versagen in der arabischen Welt schonungslos benennt.
Da er seit so langer Zeit in Deutschland lebt, kennt er die Stimmung im Land genau und empfindet den wachsenden offenen Rassismus, der in den 1970er und 1980er Jahren noch verdeckter gewesen sei, als zunehmend bedrohlich.
Seit der Jahrtausendwende beobachtet er einen "Rechtsruck“, der dann 2015 in der Flüchtlingskrise offen zutage tritt.
Doch sein Blick bleibt nicht auf Deutschland allein beschränkt, er findet Rassismus auf der ganzen Welt: "ein ausgesprochen hässliches und menschenverachtendes Phänomen (…) in fast allen Erdteilen.“
Auch diese Behauptung belegt der Autor mit vielen Beispielen aus unterschiedlichen Kulturen sowie in der Geschichte.
Naders innere Spaltung scheint seine Sensibilität gegenüber jeder Art von kulturell-politischer Verirrung noch zu erhöhen.
Dabei hat er nicht nur andere im Blick, sondern beobachtet auch an sich selbst Verirrungen und "Pathologien“.
So bekennt er offen, dass er in der Zeit der Präsidentschaft Trumps eine wahre "Sucht“ nach Trump entwickelte und sich übertrieben stark für jede Nachricht und Notiz zu dessen Israelpolitik interessierte. Er entwickelt einen regelrechten "Masochismus“ gegenüber Trumps Eskapaden und Aussagen, was bezüglich dessen pro-israelischer Linie verständlich sei, doch ihm selbst übertrieben erscheint.
Palästina kommt nicht vor
Der Palästina-Israel-Konflikt ist denn auch das eigentliche Hauptinteresse des Autors bei seiner Beschäftigung mit dem Nahen Osten und vor allem als Vorsitzender des Palästina-Forums in Bonn. Voller Sorge sieht er, dass Israel die palästinensische Bevölkerung weiterhin benachteiligt – die immerhin zwanzig Prozent des Landes ausmacht.
Auch ist es für ihn nicht nachvollziehbar, dass etwa in israelischen Schulbüchern der Begriff Palästina nicht vorkommt und dass er in seiner Heimatstadt Jaffa auf einer historischen Schautafel "vergeblich nach einer einzigen Erwähnung der Palästinenser oder nach einer Beschreibung der Lage vor dem Ausbruch des Krieges von 1948“ suchte, "als hätte es die Palästinenser nie gegeben, (…) als gäbe es den Staat Israel seit 4000 Jahren dauerhaft.“
Nader sieht aber auch hier beide Seiten und räumt ein, "dass auch die palästinensische und arabische Führung im Hinblick auf das Krisenmanagement dieses ewigen Konflikts auf ganzer Linie gescheitert ist.“ Doch trotz der "andauernden Tragödie“ und der immerwährend schwierigen Suche nach einer Lösung, bleibt Nader, wie er selbst sagt, "Berufsoptimist“ und hält an seiner Vision eines künftigen gemeinsamen Staates fest.
Er weiß, dass er sich bei der Suche nach seiner Heimat letztlich für keine der Optionen aus Palästina, Deutschland oder Schweiz entscheiden kann und dass er wie schon als junger Mann auch heute noch oft genug einen "Identitätsspagat“ vollbringen muss. Er sei zwar im strengen Sinne "heimatlos“, besitze aber zu seinem Vorteil mehrere Identitäten.
In dieser Hinsicht beruft er sich auf den libanesisch-französischen Autor Amin Maalouf, der sich nie für eine seiner Heimaten entscheiden mochte (obwohl ihm das in den jeweiligen Ländern nahegelegt wurde) und es vorzog, "aus Überzeugung, Integration und Willen sich mehrere Heimaten anzueignen bzw. in mehreren Heimaten zwanglos zuhause zu fühlen.“
Aref Hajjaj präsentiert uns ein ein persönliches, erfahrungsgesättigtes Buch und zugleich eine ausgewogene, kritisch hinterfragte Zusammenstellung von wechselseitigen Vorurteilen zwischen West und Ost.
© Qantara.de 2023
Aref Hajjaj, Heimatlos mit drei Heimaten. Prosatexte über das Anderssein, Kiener Verlag 2021, 208 S.
Der Historiker und Politikwissenschaftler Aref Hajjaj wurde in Jaffa (Israel) geboren und lebt heute in Bonn.
Volker Kaminski ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Er ist Verfasser von Romanen, Erzählungen, Essays, Glossen und Rezensionen. Wikipedia
Geboren: 14. Juli 1958 (Alter 65 Jahre), Karlsruhe
Bücher: RUA 17, Herzhand, Auf Probe: Roman, Der Gestrandete u.a.
Israel-Ausstellung im Bonner Stadthaus: Geschichtsklitterung pur
Der Projektleiter Oren Osterer sagt, während er Oberbürgermeisterin Katja Dörner die Israel-Ausstellung zeigt, in der „Dokumentation“ steckten 5000 Stunden Recherche. Das klingt seriös und sogar wissenschaftlich. Bei näherer Betrachtung der Botschaft, die die Ausstellung senden möchte, handelt es sich allerdings um eine üble Geschichtsklitterung. Die Ausstellung solle, so Osterer, mit Mythen um die Staatsgründung Israels aufräumen: Grundtenor seiner Botschaft lautet, dass kein palästinensisches Volk im wirklichen Sinn des Wortes vor der Staatsgründung im Land gelebt habe. Vielmehr habe es um die Zeit der Staatsgründung neben der jüdischen auch ‚eine stärkere arabische Zuwanderung‘ gegeben. In anderen Worten bestreitet diese Ausstellung. dass die Nakba und die damit verbundene Vertreibung der Palästinenser überhaupt stattgefunden habe. Tatsächlich fanden die sog. Neuen Historiker in Israel und in Teilen der jüdischen Geschichtsforschung weltweit heraus, dass die Nakba eine eindeutig belegbare Tatsache gewesen sei. Einige dieser Historiker wie Benny Morris, Ilan Pappe, Avi Shlaim und Tom Segev sprachen auch von der Notwendigkeit, die Geschichte der Staatsgründung und des Zionismus überhaupt einer Revision unterziehen zu müssen. Pappe und andere Kollegen von ihm ziehen darüber hinaus Dokumente heran, die sogar eine ethnische Säuberung der palästinensischen Bevölkerung belegen können, womit die Existenz der Palästinenser und deren Vertreibung nachgewiesen wird. Herr Osterer scheint offensichtlich nicht in der Lage zu sein, Wahrheit von Dichtung unterscheiden zu wollen. Dass die Ausstellung im Stadthaus unter dieser völlig falschen Prämisse stattfinden durfte und von Frau Dörner persönlich eröffnet wurde, ist bedenklich und zutiefst bedauerlich zugleich. Professionalität bzw. intellektuelle Redlichkeit sieht völlig anders aus.
Aref Hajjaj
Israel-Debatte über die „Justizreform“: Palästinafrage wird völlig ignoriert
Der frühere israelische Premier Ehud Barak empört sich in einem Spiegel-Gespräch zurecht deutlich über die Pläne der rechtsextremistischen Regierung, Israels rechtsstaatliches Prinzip der Gewaltenteilung auszuhebeln, genauer abzuschaffen. Er hadert gleichzeitig mit der von vielen liberalen Israelis geteilten Überzeugung, dass die Dauerbesetzung und das exzessive Siedlungsprojekt letztlich zu den maßgeblichen Faktoren der gegenwärtig eskalierenden Staatskrise in Israel gehören. Denn Barak klammert sich an der Illusion gewordenen Zweistaatenlösung fest, bloß um in nationalistischem Modus warnend festzustellen, dass ansonsten in einem künftigen binationalen Staat eine „muslimische Mehrheit“ entstehen könnte, was gar nicht gewollt sei. Er lehnt zwar den Siedlungsbau ab, weigert sich jedoch, als Konsequenz daraus eine zumindest substantielle Räumung der Siedlungen auf palästinensischen Boden zu fordern. Er traut sich also nicht, dies expressis verbis zu verlangen, wohlwissend, dass seine eigene, inzwischen deutlich geschrumpfte Arbeitspartei für das Siedlungsprojekt maßgeblich federführend war. Darin liegt der Mangel an Glaubwürdigkeit der israelischen Opposition im Vergleich zur verbalen und operativen „Offenheit „ der extremistischen Koalitionsparteien. Im Übrigen: Auch die zu Hunderttausenden auf den Straßen zurecht gegen die sog. Justizreform protestierenden Menschen in Tel Aviv und anderswo verdrängen ebenso die Tatsache, dass die Besatzung und der völkerrechtswidrige Siedlungsbau in den palästinensischen Gebieten zu den Wurzeln der Staatskrise Israels gehören.
Israel schmückte sich jahrzehntelang mit dem Prädikat, einzige liberale Demokratie im Nahen Osten zu sein. Allerdings war diese Demokratie aus der Sich nichtjüdischer Bürger des Staates, den „israelischen Arabern“ also, eher illiberal, da sie rechtlich und faktisch nie die gleichen Rechte wie die israelischen Juden genießen dürften und noch dürfen. Der Status der unter israelischer Besetzung lebenden Menschen im Westjordanland ist sogar eklatant schlechter. Die Menschen im Gazastreifen sind zwar nicht im Status der Besatzung. Ihre Lage darf trotzdem „dank“ israelischer und ägyptischer Reglementierungs- und Blockadepolitik leicht als vollumfänglich katastrophal bezeichnet werden.
Dr. Aref Hajjaj
"Einzige Demokratie" Israel in der Krise
In Israel kriselt es innenpolitisch so heftig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Um die Macht nationalistisch-neofaschistischer Kreise zu festigen und den angeklagten Premierminister Netanjahu vor der Strafverfolgung und möglicherweise einer Gefängnisstrafe zu bewahren, verabschiedete die Knesset im Juli 2023 eine Gesetzesvorlage mit schwerwiegenden Auswirkungen: Durch dieses Gesetz wird das Prinzip der Gewaltenteilung ausgehebelt, ja außer Kraft gesetzt. Betroffen ist eindeutig die Unabhängigkeit der Justiz. Dadurch befindet sich die sog. einzige Demokratie im Nahen Osten auf dem Weg zu einer Pseudo- Demokratie.
Die dramatische Entwicklung in Israel verfolge ich als Deutsch-Palästinenser ohne Schadenfreude- wohlwissend, dass dank Netanjahu, Ben Gvir und Co. noch härtere Zeiten auf die Palästinenser zukommen werden. Eines wird ihnen allerdings nicht gelingen, obwohl es ganz oben auf ihrer Agenda steht: eine erneute Vertreibung, um dadurch das Land vom Mittelmeer bis zum Jordan „Palästinenser- frei“ zu machen.
Besuch eines Großgefängnisses mit Seeblick: GAZA
«Hoffnung ist das Einzige, was uns am Leben hält»
30. Juni 2023 – Allgemein / Politik
von Ueli Schwarzmann
Ein Besuch in Gaza, der nachdenklich macht.
Auf dem Flug von Zürich nach Tel Aviv fragten wir uns, was uns in Gaza wohl erwarten würde, da die neue rechtsnationalistische israelische Regierung die Konflikte im Westjordanland und im Gazastreifen anheizt. Dies überlegten sich die Mitglieder der Delegation des Vereins Kampagne Olivenöl aus Palästina (www.olivenoel-palaestina.ch). Die Kampagne importiert Olivenöl, für das den Bauern ein fairer Preis bezahlt wird. Mit dem Gewinn aus dem Verkauf werden gemeinnützige Projekte in Gaza und im Westjordanland unterstützt. Neben der Kampagne gibt es weitere schweizerische Organisationen, die Projekte in Palästina unterstützen, beispielsweise das HEKS, der CFD und Medico International.
Dramatische Situation im Gazastreifen
Im Gazastreifen, der 1967 von Israel besetzt wurde, leben ca. 2,2 Millionen Menschen. Das israelische Militär zog sich 2005 zurück. Mit einer Fläche von nur 360 Quadratkilometern zählt Gaza zu den am dichtesten bevölkerten Gebieten der Erde. Gaza ist eingeschlossen durch Mauern und Zäune; es gibt lediglich zwei Grenzübertritte, der eine nach Israel, der andere nach Ägypten. Ausreisegenehmigungen werden von Israel nur in seltenen Fällen bewilligt. Viele bezeichnen Gaza als grösstes «Freiluftgefängnis». Die wirtschaftlichen Probleme sind enorm: eine Arbeitslosigkeit je nach Altersgruppe von 40 bis 60 Prozent. Die Folge davon ist eine weitreichende Verarmung der Bevölkerung.
Zirka 70 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut, und 80 Prozent der Familien sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Trotzdem gibt es auch Bewohnerinnen und Bewohner, die sagen, dass sie lieber in Gaza als im Westjordanland leben, da sie immerhin innerhalb des Streifens mit keinen israelischen Soldaten, Siedlern oder Checkpoints konfrontiert sind.
Nadelstiche und tödliche Raketen
Die Einreise nach Gaza gelang uns ohne Schwierigkeiten. In der Nacht zuvor wurde zwar ein Fabrikgebäude von israelischen Raketen zerstört. Glücklicherweise wurden aber keine Menschen verletzt oder getötet. Eine unserer Kontaktpersonen erzählte: «Die Raketen der militanten islamistischen Gruppen, die nach Israel abgeschossen werden, sind Nadelstiche im Vergleich zu den israelischen Bombardierungen. Die israelische Bevölkerung wird zwar verunsichert. Aber die Menschen dort können sich immerhin in Schutzräumen in Sicherheit bringen. Dagegen haben wir in Gaza keine sichere Zuflucht. Und die israelischen Bomben sind tödlich.» So wurden beispielsweise im Gaza-Konflikt im Juli 2014 nach Angaben der UNO 1843 palästinensische Zivilisten und 67 Israelis getötet.
Interessante Begegnungen
In Gaza Stadt trafen wir uns mit Dr. Aed Yaghi, dem zuständigen Direktor der Palestinian Medical Relief Society (PMRS), und mit Jamal Al Rozzi, Direktor der National Society for Rehabilitation (NSR), der uns in den folgenden Tagen begleitete und fachkundig informierte. Die PMRS (www.pmrs.ps) ist eine der grössten Basisorganisationen im Gesundheitsbereich, die 1979 von palästinensischen Ärzten und Fachleuten des Gesundheitswesens gegründet wurde, um die durch die israelische Militärbesatzung unzureichende Gesundheitsorganisation zu verbessern. Die NSR wurde 1990 gegründet und hat die Zielsetzung, Verletzte und Menschen mit einer Behinderung in den Alltag einzugliedern. Sie bietet verschiedene Dienstleistungen an wie Sozialarbeit, Physiotherapie, Ergotherapie, Hilfsmittel. Sie ist in verschiedenen ambulanten Beratungsstellen und Kliniken organisiert.
In einem regen Austausch mit unseren Kontaktpersonen erhielten wir wertvolle Informationen. So wird das Eingeschlossensein in Gaza verständlicherweise als sehr belastend empfunden. Israel hat momentan die Grenze für ca. 13 000 Arbeiter geöffnet, die in Israel arbeiten können. Sie verdienen dort ca. zehnmal mehr als in Gaza; allerdings weniger als israelische Arbeiter. Dennoch ist diese Möglichkeit eine grosse ökonomische Hilfe.
Kinder ohne Zukunft?
Auf unseren Wunsch machten wir eine Besichtigungstour durch Gaza. Es besteht ein reger Autoverkehr auf den Strassen, sodass man sich als Fussgänger nicht wohl fühlt. Neben den vielen ärmlichen Häusern und Siedlungen fuhren wir auch an schönen Wohnhäusern, gepflegten Restaurants und einigen attraktiven Hotels vorbei. Es ist hier wie überall, es existieren verschiedene Schichten, unglaublich viel Armut; aber es gibt auch Menschen, die in guten Verhältnissen leben.
In Gaza City hat es eine kleine hübsche Altstadt. Ausländische Besucherinnen und Besucher sind selten, sodass wir sofort auffielen. Kinder suchten Kontakt mit uns; einige sprechen sogar ein paar Brocken Englisch. Nach einer anfänglichen Scheuheit strahlten sie. Sie liessen sich gerne fotografieren. Diese Begegnungen machten uns nachdenklich. Wie sieht wohl die Zukunft dieser jetzt so fröhlich wirkenden Kinder aus? Wie gehen sie mit all den traumatischen Erlebnissen um?
Studentinnen mit düsteren Berufsperspektiven
Durch Vermittlung eines Professors, der in Deutschland promoviert hatte, erhielten wir die Gelegenheit, die Islamic University zu besuchen und uns mit einer Gruppe Studentinnen und Studenten auszutauschen. Die Islamic University ist eine der vier Universitäten in Gaza, an der 10 000 Frauen und 7000 Männer studieren. Für schweizerische Verhältnisse ist die Universitätsdichte im Westjordanland und Gaza enorm. Ca. 70 Prozent der jungen Palästinenserinnen und Palästinenser haben einen Hochschulabschluss (meistens Bachelorstufe). Die Berufsperspektiven sind aber düster. Aus unserer Sicht wünscht man Palästina (wie auch vielen anderen Ländern) ein duales Bildungssystem, das wohl ein grösseres ökonomisches Potenzial für die Betroffenen hätte. Der Professor führte uns zuerst durch die Universität und zeigte mit Stolz einen Raum, wo Embleme von verschiedensten europäischen und aussereuropäischen Universitäten aufgehängt sind, mit denen diese Universität Kontakt pflegt. Auch die Schweiz ist vertreten mit der Université de Neuchâtel. Die Klassen werden geschlechtergetrennt unterrichtet. Wenn man durch den Campus spaziert, sieht man fast ausschliesslich Gruppen entweder von Frauen oder Männern; kaum jemals mischen sich die Geschlechter. In den Universitäten im Westjordanland sind die Klassen gemischt.
Wir trafen uns mit einigen Studentinnen und Studenten. Beeindruckend sind die sehr guten Englischkenntnisse dieser Frauen und Männer; einige sprechen akzentfrei. Niemand von ihnen hat jemals Gaza verlassen können, um einen Aufenthalt in einem englischsprachigen Land zu machen. Die jungen Frauen und Männer machten einen äusserst interessierten und motivierten Eindruck. Eindrücklich sind ihre Aspirationen und Träume. Sie wollen mit ihrer Ausbildung einen Beruf ausüben, um für die Gesellschaft einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Verschiedene möchten im Ausland weiterstudieren, aber wissen bereits jetzt, dass das fast unmöglich ist, ausser man erhält ein Stipendium einer ausländischen Universität. Sie sind hoffnungsvoll, aber sind sich auch ihrer schwierigen Situationen bewusst. So die eine junge Frau: «Das tägliche Leben ist schwierig. Jeden Tag kann etwas passieren. Wir wissen nicht, wann wir wieder von Israel angegriffen werden. Ich habe auch Familienmitglieder, die so getötet worden sind.» Auch politisch äussert sich eine Studentin: «Wir haben die Hamas, und sie verteidigt uns.» Wir waren beeindruckt von diesen jungen Menschen; gleichzeitig stimmte uns ihre Realität nachdenklich.
Wichtige Unterstützung
Die Tour mit dem Direktor der NSR, Jamal Al Rozzi, gab uns Einblick in eine andere Realität. Hier ging es um Menschen mit einer Behinderung, denen geholfen wird. Die Kampagne leistet einen Beitrag von 35 000 Franken, mit dem viele Familien, die in Armut leben, Hilfsmittel für behinderte Mitglieder erhalten; zudem werden damit nötige Anpassungen an den Wohnungen ermöglicht.
Wir besuchten sieben Familien. Zwei Beispiele: Eine junge Mutter mit zwei Knaben, die im 7. Stock eines Hauses ohne Lift wohnt. Der zehnjährige Karem benötigt einen Rollstuhl. Desweitern wurden bauliche Anpassungen im Badezimmer gemacht sowie eine Batterie installiert, welche die Stromversorgung im Notfall sicherstellt, da in Gaza der Strom immer wieder ausfällt. Karem muss aufgrund seiner Behinderung und der Wohnsituation zu Hause unterrichtet werden. Wir haben den uns begleitenden Sozialarbeiter gefragt, ob nicht eine optimalere Wohnsituation organisiert werden könnte. Die Antwort war für uns nicht nachvollziehbar. «Es handelt sich um eine heikle Familiensituation, die eine solche Veränderung nicht einfach macht.» Es scheint, dass es hier auch um komplexe soziale und kulturelle Aspekte geht, die für Aussenstehende nicht unmittelbar nachvollziehbar sind. In einer anderen Familie wurde in der Wohnung und im Treppenhaus Geländer montiert, an dem sich der siebenjährige gehbehinderte Fadi festhalten kann, damit er auch nach draussen gehen kann.
Wir besichtigten zudem einige ambulante Dienste des NSR, wo Physiotherapie, Ergotherapie und Beratung durch qualifiziertes Personal angeboten werden. Mit knappen Mitteln wird Erstaunliches geleistet.
Ohne Hoffnung kein Leben
Auf dem Rückflug nach Zürich denke ich an die jungen Menschen, die ich getroffen habe, und an deren Träume, die wohl an der politischen Realität und an der konservativen Gesellschaft scheitern werden. Dabei erinnere ich mich an die Aussage eines jungen Menschen: «Ohne Hoffnung wird unser Leben unmöglich. Hoffnung ist das Einzige, was uns am Leben hält».
* Ueli Schwarzmann war von 1995 – 2011 Direktor der Alterszentren der Stadt Zürich. Nach seiner Pensionierung leistete er einen Einsatz als Menschenrechtsbeobachter des Weltkirchenrates im Westjordanland. Kürzlich war er in Gaza. Im Artikel gibt er seine persönliche Ansicht wieder.
Palästina und der Ev. Kirchentag in Nürnberg JUNI 2023
Palästina Forum, Vorstand: Dr. Aref Hajjaj, Vorsitzender des Beirats: Prof. Dr. Christoph Zöpel Bankverbindung:
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Begegnung in Nürnberg:
Hoffnung auf gerechten Frieden für Israel und Palästina?
Liebe Mitglieder, Kolleginnen und Freunde,
am 10. Juni fand, parallel zum Ev. Kirchentag in Nürnberg, eine ganztägige Veranstaltung von Kairos Palästina- Solidaritätsnetz Deutschland statt. Das Thema der Veranstaltung lautete „Hoffnung auf gerechten Frieden für Israel und Palästina“. Martin Breidert war sowohl für die inhaltliche Konzeption als auch für die Organisation zuständig. Die Zahl der Besucherinnen und Besucher war hoch. Viele von ihnen waren Besucher des Kirchentags in Nürnberg.
Die Leitung des Ev. Kirchentags entsprach auch in diesem Jahr dem Wunsch von Kairos Palästina- Solidaritätsnetz nicht, in die gesamte Programmatik des Kirchentags integriert zu werden. Auch weigerte sich dessen Leitung, wiederum anders als früher, in den Tagungsräumen eine Ausstellung über die NAKBA zu beherbergen. Natürlich kann man die Nakba mit dem Holocaust nicht vergleichen. Die Leugnung des Holocaust muss selbstverständlich verurteilt werden. Gleichzeitig sollte die Kirchenleitung nicht so tun, als hätte es die NAKBA nicht gegeben. Denn auch die Leugnung der NAKBA ist moralisch verwerflich.
Warum verhält sich die EKD gegenüber den Palästinensern eher ambivalent, oft sogar signifikant kritisch? Der ehemaliger Bischoff Hans-Jürgen Abromeit führt dies teilweise auf die Angst vieler Pfarrer zurück, bei klarem Eintreten auch für die Rechte der Palästinenser einen Karriereknick zu erleiden oder noch schlimmer als Antisemiten gebrandmarkt zu werden. Sein Kollege, der Theologe Ulrich Duchrow, der bei früheren Kirchentagen aktiv mitmachte, wundert sich darüber, dass die ev. Kirchenleitung gerade in Deutschland nicht willens sei anzuerkennen, dass die Palästinenser letztendlich die Opfer der Opfer seien, was auch Helmut Gollwitzer früher einmal andeutete. Martin Breidert und Johannes Borgetto meinen, viele deutsche Theologen hätten davor Angst, dass durch eine Annäherung an den Palästinensern sich etliche Juden weigern würden, mit diesem Personenkreis im Gespräch zu bleiben: Eine seltsam erscheinende Annahme, die leider durchaus glaubwürdig ist.
Das Kairos-Palästina-Dokument (Originaltitel: Die Stunde der Wahrheit. Ein Wort des Glaubens und der Hoffnung aus der Mitte des Leidens der Palästinenser) vom 11. Dezember 2009 ist ein Aufruf palästinensischer Christen an die weltweite Christenheit. Er beschreibt die Lage in den palästinensischen Gebieten als hoffnungslos und ruft dazu auf, sich der BDS-Bewegung anzuschließen, um diese Gebiete von Israels Besatzung zu befreien. Der Text versteht sich als christlich- palästinensische Befreiungstheologie).
Die Referenten waren:
Dr. Hans-Jürgen Abromeit: „Zwei Völker - ein Land. Eine biblische Vision“ Bibelarbeit zu Richter 1, 27- 2,4 / Jesaja 2, 1-5 / Hesekiel 47, 21-23 H.-J. Abromeit war Bischof der Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland. Sein Vikariat absolvierte er in Jerusalem. Er wies theologisch und kulturhistorisch nach, dass Palästina schon immer ein multiethnisches und multireligiöses Land sei, was im klaren Widerspruch zum zionistischen Konzept eines ausschließlich „jüdischen“ Landes bzw. Staates sei.
Riad Othman: Maßnahmen der Bundesregierung im Hinblick auf die Lage in Israel/Palästina. R. Othman arbeitet seit 2016 als Nahostreferent für medico international. Davor war er medico-Büroleiter für Israel und Palästina. Othman berichtete über viele Projekte, an denen deutsche Dienststellen wie auch NGOs beteiligt sind.
Prof. Ulrich Duchrow: Wie kommen wir in Israel/Palästina zu gerechten Verhältnissen? Duchrow, ev. Theologe und Sozialethiker, war Referent bei der interdisziplinären Forschungsstätte der Ev. Studiengemeinschaft (FEST), arbeitete beim Luth. Weltbund und beim Ökumenischen Rat der Kirchen. Er ist Mitbegründer von Kairos Europa und hat die Wittenberger Erklärung 2017 mit dem Titel „Gerechtigkeit allein! Die Reformation radikalisieren“ mitverfasst. Er beklagt eine „extreme Macht-Asymmetrie zwischen Israelis und Palästinensern“.
Dr. Nahed Samour: Gerechter Friede für Israel/Palästina aus völkerrechtlicher Sicht. N. Samour ist Rechts- und Islamwissenschaftlerin. Sie forscht als Early Career Fellow am Lichtenberg-Kolleg, dem Göttingen Institute for Advanced Study sowie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2015 ist sie Junior Faculty an der Harvard Law School, Institute for Global Law and Policy. Sie weist in ihren Forschungsarbeiten daraufhin, dass der Begriff “Apartheid” nicht notwendigerweise mit dem Bezug zu Südafrika verwendet werden könne.
Dr. Aref Hajjaj: Palästinas Perspektiven im Zeichen der rechtsextremen Koalition in Israel. Aref Hajjaj, geb. in Jaffa/Palästina, wuchs nach der Vertreibung 1948 in Beirut und Kuwait auf. Nach seiner Promotion in Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg arbeitete er im Auswärtigen Amt als Dolmetscher, Übersetzer und Dozent für Arabistik und interkulturelle Kommunikation. 2017 erschien sein Buch „Land ohne Hoffnung? – Arabischer Nationalismus, politischer Islam und die Zukunft Palästinas“. Andere Bücher von ihm: „Angekommen in Deutschland- der Preis der Integration“ und „Heimatlos mit drei Heimaten“.
Einig waren sich die Referenten in der skeptischen Beurteilung der Bildung eines gemeinsamen Staates. Dennoch bleibe diese Vision nach ihrer Auffassung die einzig machbare Option für die Zukunft, da der Status quo (Besatzung und Besiedlung auf palästinensischen Boden) inakzeptabel und die Zweistaatenlösung wegen des exzessiven Baus jüdischer Siedlungen obsolet geworden ist.
Viele Grüße,
Palästina-Forum Bonn Aref Hajjaj-
Panorama-Sendung mit Aref Hajjaj im April 2023
Netanjahu wird in Berlin trotz Skandalen feierlich empfangen
Während „der beste Freund“ Israels: USA sich weigerte, den Premier einer rechtextremen israelischen Regierung zu empfangen, tat dies dann doch breitwillig der „zweitbeste Freund“, nämlich Deutschland. Eilig wurde in Berlin ausschließlich nach den Vorgaben der sog. Staatsräson gehandelt. Das bedeutet, dass Deutschland Israel um jeden Preis und unter allen Umständen zu Seite zu stehen habe. Dies obwohl die angekündigten Ziele der neuen israelischen Regierung im eklatanten Widerspruch zur sog. werteorientierten Außenpolitik stehen, die von Frau Baerbock gebetsmühlenartig verkündet wird. Dabei blieb der Appell von tausend israelischen Künstlern und Intellektuellen an Berlin völlig unbeachtet, Netanjahu u.a. wegen der angestrebten „Justizreform“ nicht zu empfangen.
SWR-Podcast mit Aref Hajjaj
Zum Tod von CLEMENS MESSERSCHMID
mit dem plötzlichen Tod des in Ramallah tätigen deutschen Hydrogeologen Clemens Messerschmid verliert
Palästina einen engagierten und gerechten Freund. Seit Jahrzehnten macht er die Öffentlichkeit und nicht
nur die Fachwelt auf die eklatant ungerechte Wasserverteilung in den israelisch besetzten Gebieten zuungunsten
der Palästinenser aufmerksam.
Empörendes Abstimmungsverhalten Deutschland gegen Palästina
Die UN-Vollversammlung beauftragte den Internationalen Gerichtshof (IGH) in Form eines Gutachtens rechtlich zu prüfen, ob der durch Israel 1967 geschaffene Status quo der Besetzung und Besiedlung Palästinas einen eindeutigen Akt der Völkerrechtsverletzung darstellt. Die mit 87 zu 26 Stimmen verabschiedete Resolution dazu ersuchte das Gericht in Den Haag außerdem, die "rechtlichen Konsequenzen" zu ermitteln, die sich aus den Schlussfolgerungen des Gutachtens ergeben. Dabei ging es keinesfalls um eine Infragestellung des Existenzrechts Israels. Dennoch lehnten 25 Mitgliedsstaaten die Resolution ab, darunter die USA und die meisten EU-Staaten einschließlich Deutschlands. Frankreich enthielt sich immerhin der Stimme.
Das Verhalten der „Ablehnungsfront“ ist befremdlich, empörend und unglaubwürdig. Die häufig angeprangerte Doppelmoralpraxis vieler einflussreicher westlicher Staaten wurde erneut offenkundig. Denn während sie den russischen Angriff auf die Ukraine und die damit einhergehende Besetzung ukrainischer Gebiete im Februar vergangenen Jahres unisono und mit Recht verurteilen, weigern sie sich, das gleiche Verhalten im Falle Israels kundzutun. Dabei geht es doch in beiden Fällen um Akte der Aggression und des Neokolonialismus. Es ist auch gemäß dem allgemein gültigen Völkerecht völlig unverständlich, zwar Russlands Handlungen, nicht jedoch die israelische Besatzungs- und Siedlungspolitik als eine eklatante Verletzung des internationalen Rechts deutlich zu kritisieren bzw. zu verurteilen. Diese Doppelstandard-Politik ist ein klarer Beweis für die heuchlerische und völlig inkohärenter Politik Deutschlands und seiner Verbündeten. Offensichtlich gilt die von Außenministerin Baerbock immer wieder verkündete „werteorientierte Außenpolitik“ nur für die „europäische“ Ukraine, nicht jedoch für Palästina und den gesamten außereuropäischen Raum.
Rückkehr Netanjahus
Er wird höchstwahrscheinlich am 2. Januar die israelische Regierung wieder führen. Diesmal allerdings zusammen mit drei rechtsextremistischen Parteien, etlichen religiösen Fundamentalisten und mehreren wie er selbst unter massiven Korruptionsvorwürfen stehenden Politikern. Das ist so als würde die AFD an einer Bundesregierung in Deutschland teilnehmen. Diese politische Konstellation in Israel ist so extrem rechtslastig, dass namhafte politische Think Tanks in und außerhalb Israels vor eklatanten Gefahren für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie warnen. Es mutet zynisch an, dass einige dieser Institute aufgrund der Zusammensetzung des bevorstehenden Kabinetts ausgerechnet in Netanjahu ein „liberales“ Korrektiv sehen. Dieser sagt zwar, er wolle die Interessen aller Israelis vertreten. Gleichzeitig hetzt er ständig und im rassistischen Modus gegen die Palästinenser mit israelischen Reisepässen und erklärte liberale jüdische Menschenrechtsaktivisten für Staatsfeinde. Das scheint das neue Selbsterfindungs- Narrativ der „einzigen Demokratie“ des Nahen Ostens zu sein. In einem Punkt ist diese rechtsextreme Regierung in spe ehrlicher als die jetzige bzw. die anderen Vorgängerregierungen: Sie lehnt kategorisch und ohne Umschweife das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser und ihr damit verbundenes Recht auf eigene souveräne Staatlichkeit eindeutig ab. Wie wird Frau Baerbock darauf reagieren? Wird sie überhaupt darauf klar und ehrlich reagieren? Mit Sicherheit nicht. Aber sie wird weiterhin für die Zweistaatenlösung eintreten. Denn eine unverbindliche Forderung kostet sie nichts, sie bewirkt aber ebenfalls: nichts.
Aufschrei der Heuchler
Das deutsche Feuilleton war über die Wahl der Französin Annie Ernaux zur diesjährigen Nobelpreisträgerin für Literatur zunächst geradezu enthusiastisch. Die Euphorie währte jedoch nicht lange. Denn es wurde plötzlich „enthüllt“, dass Annie Ernaux eine dezidierte Haltung zum Palästina-Israel-Konflikt einnimmt. Tatsächlich verurteilt sie klar die israelische Besatzungs- und Siedlungspolitik in den Palästinensischen Gebieten. Diese in vielen europäischen Ländern eigentlich unbestrittene, wenn auch nur unverbindliche Haltung hat in vielen „Denkfabriken“ des politischen und literarischen Journalismus dennoch einen hysterischen Aufschrei ausgelöst. Der Schriftstellerin wird, zum Beispiel von in Sachen Nahost eher unwissendem TV-Moderator Zamperoni, vorgeworfen, der BDS-Bewegung nahe zu stehen, was sie gar nicht bestreitet. Denn: Was spricht juristisch und moralisch dagegen, Waren aus den völkerrechtswidrigen jüdischen Siedlungen zu boykottieren? Das fragt sich auch die in München lebende jüdische Bürgerrechtlerin Judith Bernstein. Es ist zu befürchten, dass der deutsche Mainstream Annie Ernaux bald sogar unterstellen würde, in der Nähe antisemitischer Denkmuster zu stehen. Das alles weckt den seltsamen Eindruck, als ob eine Verurteilung israelischer Besatzungs- und Siedlungspolitik moralisch und politisch verwerflich oder gar illegitim wäre. Dabei heißt es, wie bereits angedeutet, nicht selten in den Statements der Politiker und Essays der Medienschaffenden, dass Israels Haltung in diesem Kontext unbestritten völkerrchtswidrig ist. Diese Gemengelage aus Heuchelei, Unwissen und bedingungslos vorauseilendem Gehorsam gegenüber Israel manifestiert die Denkwidersprüche unter vielen Politikern und Journalisten hierzulande. Es würde mich daher nicht wundern, wenn bald die Forderung erhoben würde, Annie Ernaux diesen Preis abzuerkennen. Dieser Grad an Pharisäertum unter offensichtlich gebildeten Menschen ist schlicht beschämend und lässt sich mitnichten mit der Aufarbeitung der NS-Geschichte Deutschlands rechtfertigen. Denn Heuchelei ist und bleibt Heuchelei.
Abbas und Holocaust
Der Besuch von Herrn Mahmoud Abbas in Berlin fand in den Medien so gut wie keine Beachtung. Dann machte er auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit BK Scholz eine unnötige, völlig unprofessionelle Bemerkung über den Holocaust. Seitdem redet ganz Deutschland, die Politik und Medien vor allem, nur noch über diesen Ausrutscher, so als gäbe es in der Palästina-Frage selbst sonst kein anderes legitimes und aktuelles Anliegen.
Herr Abbas, berühmt berüchtigt für die korrupte, repressive und unfähige Verwaltung seiner Behörde, erweist damit dem leidgeprüften palästinensischen Volk erneut einen Bärendienst, auf den man gerne verzichtet hätte. Hat Herr Abbas keine sachkundigen Berater? Armes Palästina.
Aref Hajjaj
Zum hysterischen Diskurs über die Documenta
Liebe Mitglieder und Nahost-Interessierte,
„Jeder aufgeklärte bzw. vernunftorientierte Mensch richtet sich gegen alle direkten oder subtilen Formen von Rassismus und Diskriminierung, also auch, aber nicht ausschließlich, gegen Antisemitismus. Was hat aber berechtigte Kritik an der Politik Israels mit dem Antisemitismus zu tun? Man muss klar sagen: gar nichts. Der heuchlerische Mainstream hingegen ereifert sich zunehmend, diese Kritik immer wieder als antisemitisch zu verunglimpfen. So als wäre der Protest gegen Dauerbesatzung und exzessiven Siedlungsbau in Palästina ein krimineller Akt. Außerdem: Die Debatte in den Reihen des politischen wie journalistischen Mainstreams über die diesjährige Documenta artet zunehmend in heuchlerische Hysterie aus.“
Viele Grüße,
Aref Hajjaj.
BIP-Interview mit Aref Hajjaj
hier ist der Link für das Gespräch mit Aref Hajjaj auf die BIP-Webseite:
https://bip-jetzt.de/2022/07/20/bip-gespraech-31-aref-hajjaj/
Biden und Saudi-Arabien
Bei seinem Eintreffen in Tel Aviv heute sandte US-Präsident Biden drei kritikwürdige Botschaften:
1. Er bekräftigte, dass er ein „Zionist“ sei, ohne ein Jude zu sein. Klarer hätte er inhaltlich und optisch seine uneingeschränkte Parteinahme für Israel kaum ausdrücken können.
2. Er bezeichnete Israel eindeutig als „jüdischen Staat“, wodurch er die Bürger nicht jüdischen Glaubens (ein Viertel der Bevölkerung)marginalisierte.
3. Schließlich trat er für die Zweistaatenlösung ein, ohne konkret sagen zu wollen, wo der palästinensische Staat überhaupt entstehen sollte. Sein Vorgänger Trump, nicht gerade eine Koryphäe in außen- und sicherheitspolitischen Bereichen, sagte dennoch mehrmals, diese Option sei obsolet. Natürlich wäre diese Option machbar, wenn Israel seine Siedlungen in besetzten palästinensischen Gebieten räumen würde bzw. müsste. Aber für Biden käme diese völkerrechtskonforme Forderung gar nicht infrage.
Remon Azar zum 90. Geburtstag
Lieber Remon, liebe Gabriele,
liebe Freundinnen und Freunde,
Es ist mir eine große Freude, anlässlich Deines runden Geburtstages einige kurze Worte zu sagen. Kurz deswegen, weil Du ja von Natur aus die Neigung hast, die Dinge auf den Punkt zu bringen, Maßlosigkeit jeglicher Art abzulehnen und Dich in Inhalt und Stil das Subtile, nicht das Epische zu bevorzugen.
So gesehen, erinnerte mich neulich an Dich der aus Nazareth stammende renommierte palästinensische Regisseur Elia Suleiman. Sein wunderbarer Film "Vom Gießen des Zitronenbaums" ist voller Metapher, Allegorien, Ironie und Selbstironie. Der Film stellt die Absurdität und Geschwätzigkeit in Politik, Medien und Social Media bloß, wobei Suleiman so gut wie gar nicht redet, aber er beobachtet ständig alle und alles mit Neugierde, Distanz und oft mit Fassungslosigkeit. Ihr beide, Du und Suleiman, seid der Ausdruck dafür, dass man ohne Selbstverliebtheit und Lautstärke und trotz aller Widrigkeiten unserer Zeit mit Rationalität und Bescheidenheit wichtige Impulse geben kann.
Du bist ein weltoffener Mensch, der gerne fremde Gefilde bereist und mit den Menschen überall Kontakte knüpft. Daher könnte man Dich einen zeitgenössischen Marco Polo nennen oder noch besser, um die Tradition der arabischen Literatur zu bemühen, ein Ibn Battuta ابْنِ بَطُّوطَةَ . Bereits im 14. Jahrhundert verließ dieser seine Heimatstadt Tanger im zarten Alter von 24 Jahren und kehrte erst mehr als zwei Jahrzehnte später dorthin zurück. Der Auftakt war eine Pilgerreise nach Mekka , von dort aus bereiste er fast alle Kontinente. Der Ausgangspunkt Deiner langen Reise war ebenso heilig wie bei Ibn Battuta. Denn von Betlehem bzw. Beit Jala aus bist Du nach Deutschland aufgebrochen. Hier bist Du auch geblieben. Deine schönen Reisen machst Du sehr häufig in Begleitung Deiner lieben Familie. Immer öfters ist Gabriele dabei. Auch Sebastian ist oft dabei, wobei Ihr dann das Schöne mit dem Nützlichen verbindet. Es wäre vermessen, den guten Wein zu verkosten und ihn anschließend nach Rheinbreitbach zu bringen, auf den nüchternen Begriff „Business as usual“ zu reduzieren. Denn hier geht es um eine Kultur für sich. Zum reinen Vergnügen gestalten sich die Reisen in Begleitung von Julian dem Stoischen und Gregor dem anspruchsvollen Genießer.
Da Du, lieber Remon, also oft unterwegs bist, habe ich mich daran gewöhnt, mit dir häufig über die Mailbox zu kommunizieren. Das funktioniert so gut , dass wir, der Anrufbeantworter und ich, inzwischen das vertraute du miteinander verwenden. Reflexartig sagt der AB dann etwas verlegen : „ Es tut mir leid, aber Remon ist schon wieder unterwegs“.
Auch die sportliche Note ist für Dich einprägsam. So verbringst Du Deine Ski-Urlaube oft und gerne im Aosta-Tal und besuchst regelmäßig die Fitness-Center in Bonn und anderswo. Last but not least: Erst vor wenigen Jahren hast Du, eigentlich grundlos, mit dem Tennisspielen aufgehört, einer Sportart, die Du gerne und hervorragend ausgeübt hast.
Bewundernswert ist Remons Fähigkeit, im kulinarischen Bereich Vernunft und Genuss unter ein Dach zu bringen. Wegen allergischer Beschwerden verzichtet er seit vielen Jahren tapfer und diszipliniert auf Fleischeslust, pardon: ich meine rein kulinarisch. Deine teils vegetarischen, teils veganen Spezialitäten wie Mtabbal Bitinjan (Auberginensalat), Falafel, Hummus, Tabbouleh sind umso mehr einsame Spitzen, um nicht zu sagen Kult.
Drei wichtige Lebensstationen verbinden mich mit Remon.
Wir beide sind in der schönen Mittelmeerstadt Jaffa in Palästina geboren worden. Während meine Erfahrungen darüber sich mehr oder weniger in der Sparte „Vom Hören Sagen“ erschöpfen, hast Du sowohl die schönen wie bitteren Kapitel unserer Vergangenheit tiefer und ergreifender erleben dürfen.
Später haben wir beide an der Universität Heidelberg studiert, wobei Du Evangelische Theologie und Altphilologie studiert hast. Dass wir uns dort nie begegnet sind, lag wohl, um es mit dem früheren BK Kohl auszudrücken, an der Gnade der frühen Geburt in Deinem Fall.
Dann schloss sich der Kreis und wir begegneten uns höchstpersönlich an unserer dritten Station hier in Bonn. Ich bin stolz sagen zu können, dass wir seit sage und schreibe 50 Jahren befreundet sind. Man könnte metaphorisch von einem „Goldenen Freundschaftstag“ sprechen. Es ist eine Freundschaft, die mich immer wieder inspiriert, eine Freundschaft von solider Basis und gegenseitigem Vertrauen. Ich bin Dir darüber hinaus dankbar dafür, dass Du karitative und Palästina-Vereine wie das Palästina-Forum tatkräftig unterstützt.
Ich bitte Euch/Sie nun, mit mir auf das Wohl von Remon, Gabriele, Sebastian, Julian und Gregor anzustoßen, verbunden mit allen guten Wünschen für ein weiterhin glückliches, unbeschwertes und anregendes Leben.
Aref
Bedenklich: Merkel und Israel
In ihrem jüngsten Interview offenbarte die frühere Bundeskanzlerin Merkel den krassen Widerspruch deutscher Nahostpolitik. Sie äußerte volles Verständnis für deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine und tat so, als hätte Deutschland bisher nie Bedenken gegen Waffenlieferungen in Spannungsgebiete gehabt. Dann bejahte sie irgendwie doch die Gültigkeit dieses Grundsatzes, um einige „Ausnahmen“ zu legitimieren . Welchen Empfängerstaat hat sie wohl gemeint? Natürlich Israel in erster Linie. Dabei erwähnte sie die Dauerbesetzung palästinensischer Territorien seit 1967, den exzessiven Bau jüdischer Siedlungen und die Annexion Ostjerusalems erwartungsgemäss mit keinem Wort. Ausgewogenheit sieht völlig anders aus. Vergessen hat Frau Merkel übrigens zu erwähnen, dass ihre Regierung eine weitere schlimme Ausnahme zugelassen hat: die Waffenlieferungen an Saudi-Arabien und die Emirate, die zu den Hauptprotagonisten des Jemenkrieges, genauer der Tragödie in der südarabischen Region.
Die Tötung der palästinensischen Journalistin Shirin Abu Akle durch israelische Soldaten
Bei einem fadenscheinig als Antiterrorkampf deklarierten Militäreinsatz in Dschinin im Westjordanland töteten israelische Soldaten die renommierte palästinensische Journalistin Shirin Abu Akle, die seit 20 Jahren als Korrespondentin von Al-Jazeera in den besetzten palästinensischen Gebieten und Israel tätig war . Man vernimmt in Deutschland und in der Europäischen Union zwar Zeichen der Empörung. Hier und da wird auch die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung erhoben. Es ist dennoch fraglich, ob die EU-Staaten ernst machen und auf der Bildung einer wirklich unabhängigen Untersuchungskommission bestehen würden. Wäre dieser kriminelle Akt etwa in Russland, der Ukraine oder in China passiert, dürfte die EU-Reaktion eindeutiger und deutlich nachhaltiger sein. Nicht jedoch im Falle der Verwicklung der israelischen Regierung oder deren Sicherheitsapparats, denn eine aktive und glaubhafte Reaktion käme gerade in Deutschland einem Tabubruch gleich. Man vermisst seit Jahrzehnten eine klare Forderung nach Beendigung der Besetzung und des Siedlungsbaus , was ein weiteres Beispiel dafür ist, dass weiterhin mit zweierlei Maß gemessen wird. Das ist nicht nur beschämend. Es zeugt außerdem von der völlig fehlenden Glaubwürdigkeit gerade der deutschen Außenpolitik im Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt. Man darf doch nicht für die Prinzipien von Freiheit und Souveränität im Falle der Ukraine so massiv eintreten und gleichzeitig so tun, als wäre das Schicksal der Palästinenser nur eine zu vernachlässigende Randerscheinung der Weltgeschehnisse.
Palästina ist nicht die Ukraine, aber...
Ein Vergleich des Ukraine-Krieges mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt wäre aus geostrategischen, kulturellen und politischen Gründen sicherlich falsch. Festzustellen ist aber auch, dass ,völlig anders als im Fall Palästinas, die Ukraine allen Unkenrufen in Richtung Bundeskanzler Olaf Scholz zum Trotz eine grenzenlose Solidarität und Unterstützung in militärischer, humanitärer und politischer Hinsicht erhält. Der Mainstream streitet zwar, ob es opportun ist, dorthin auch schwere oder „nur“ Defensivwaffen geliefert werden sollen. Im Grundsatz herrscht jedoch eine uneingeschränkte Bereitschaft, aktive Hilfe zu leisten. Das ist nicht zu beanstanden. Denn die Ukraine ist Opfer einer mit nichts zu rechtfertigenden militärischen Aggression geworden. Putins und Lawrows Mission einer notwendig gewordenen Entnazifizierungsaktion ist in der Substanz leicht zu entkräften.
Trotz aller bestehenden Unterschiede sollte man die gleichgültige Wahrnehmung der desaströsen Lage in Palästina als Beispiel für Ungerechtigkeit und Unausgewogenheit heranziehen. Die Steine werfenden jugendlichen Palästinenserinnen und Palästinenser werden im gesamten Westen und insbesondere in Deutschland gebetsmühlenartig nur als „Gewalttäter“, ja oft sogar als „Terroristen“ dargestellt und dementsprechend verurteilt. Dass einige dieser Aktionen sich gegen Zivilisten richten, ist klar zu verurteilen. Andererseits wird in den allerseltenen Fällen in den Medien hinterfragt, warum jugendliche Aktivisten derartige Aktionen gegen die Siedler und die Staatsmacht sowie die Polizei- und Armeestreitkräfte überhaupt unternehmen. Tatsache ist doch, dass das Gebiet von Rest-Palästina, also die Westbank und der Gazastreifen, seit bereits 55 Jahren kontinuierlich unter dem unerträglich dauerhaften Zustand der Besetzung, Marginalisierung und Besiedlung durch die politische und militärische Elite sowie durch fanatische und militante Nationalisten des jüdischen Siedlungsblocks schwer leidet. In den besetzten Gebieten verfügt die Bevölkerung weder über das Recht auf Selbstbestimmung noch über Mobilität. Oft verweisen internationale, palästinensische und israelische Menschenrechtsorganisationen erfolgs- und ergebnislos auf diese Missstände. Gerade die dortige Jugend hat weder beruflich nur privat eine erkennbare Perspektive. Umso mehr ist sie hoffnungslos und für aufrührerische Aktionen anfällig. Im Übrigen: Die exzessive Besiedlung der Westbank ist nach Ansicht auch der deutschen Bundesregierung völkerrechtswidrig. Manche Analysten beschreiben sie auch als Akt der Aggression. Es wäre wünschenswert, wenn die Palästinenser auch nur einen kleinen Teil der Solidarität und des Verständnisses bekommen würden, der der Ukraine in überschwänglicher Weise entgegengebracht wird. Es wäre ebenfalls wünschenswert, wenn dies mit der Bereitschaft verknüpft wäre, Israel wegen seiner völkerrechtswidrigen Politik gegenüber den Palästinensern notfalls zu sanktionieren. Leider verharrt dieser Ansatz im Zustand des Wunschdenkens, erstens weil dieses Volk, die Palästinenser eben, keine strategischen Verbündeten und Israel zweitens viel zu viele davon hat, in erster Linie die USA und Deutschland. Trotz der signifikanten Schwäche Palästinas birgt diese Politik der völligen Vernachlässigung und Gleichgültigkeit große sicherheitspolitische Gefahren für die nahe Zukunft. Das gilt insbesondere für Europa.
Ukraine und Palästina
Bonn, den 26. Februar 2022
Ukraine/Palästina: Es geht um das Gebot der Glaubwürdigkeit
Liebe Mitglieder, Freunde und Kolleginnen,
Es gibt innerhalb der palästinensischen, ja der gesamtarabischen Community in Europa eine unübersehbare Spaltung hinsichtlich der Beurteilung der Kriegsgeschehnisse in der Ukraine. Einige Personen und Verbände sehen sich nicht imstande, den russischen Einmarsch klar und deutlich zu verurteilen. Sie beklagen, dass der Westen schon immer mit zweierlei Maß zu messen pflege. Vor kurzem verurteilte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel das Verbot der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial mit klaren Worten. Dass Israel zur selben Zeit sechs zivilgesellschaftlich tätige palästinensisch-jüdische Organisationen verbot, erwähnte er mit keiner Silbe. Auch in den vielen Kriegen Israels gegen die besetzten palästinensischen Gebiete (vor allem Gaza), Syrien oder den Libanon stellten sich Deutschland und die meisten EU-Staaten uneingeschränkt auf die Seite Israels.
Das alles ist leider unstrittig. Dennoch müssen wir im Palästina-Forum (und da sind wir gar nicht alleine) die Kriegsgeschehnisse in der Ukraine in den richtigen Kontext stellen und daher klar erkennen, dass es sich dabei um eine Aggression Russlands handelt, deren Haupthandschrift Vladimir Putin persönlich trägt. Natürlich trägt auch der „Westen“ einen Teil der Verantwortung dadurch, dass z.B. Obama einst Russland mit der Bezeichnung „Regionalmacht“ unnötigerweise verbal demütigte. Auch die exzessive Osterweiterung der NATO, gleichgültig ob vertragliche Vereinbarungen dafür oder dagegen mündlich oder schriftlich vorliegen, war eine unüberlegte Provokation. Denn dieser Schritt heizte die aggressionsbeladene nationalistische Stimmung in Russland an und befeuerte die völlig irrationale, völkisch getränkte Kriegsmission Putins unter dem Slogan „Kiewer Rus“.
Übrigens: Es geht hier auch um das Gebot der Glaubwürdigkeit. Denn wenn die Palästinenser oder die palästinensischstämmigen Verbände den russischen Einmarsch in der Ukraine nicht als eklatante Aggression verurteilen sollten, könnten sie weltweit kaum für ihr Anliegen eintreten, alles zu unternehmen, um ebenfalls der israelischen Aggression Einhalt zu gebieten.
Viele Grüße,
Aref Hajjaj
Martin Buber wäre für den gemeinsamen Staat Palästina-Israel
Wie stünde Martin Buber heute zum Palästina-Israel-Konflikt?
Plädoyer für einen gemeinsamen Staat
Der jüdische Moraltheologe und Philosoph Martin Buber (1878-1965) gehörte von Beginn an der zionistischen Bewegung an, wobei er sich mit Theodor Herzl und seinen Anhängern über die praktische Bedeutung und Anwendungsmöglichkeiten dieser Bewegung zeitlebens stritt. Er gehörte nicht zum Kreis der „Romantiker“, die aus taktischen Gründen glauben machen wollten, dass Palästina sich für die Gründung eines jüdischen Staates insofern eigene, als es sich angeblich um ein „Land ohne Volk“ handle, also so als hätte dieses Gebiet keine eigene Bevölkerung gehabt. Buber verwarf diese Sicht in doppelter Hinsicht: Er wollte nicht, dass mit der Gründung Israels der palästinensisch-arabischen Bevölkerung Unrecht geschehe. Außerdem hegte er eine abgrundtiefe Ablehnung gegenüber der Entstehung eines jüdischen „Nationalstaates“, da er den Nationalismus aus eigener Erfahrung ablehnte.
Als gemäßigter Zionist zeigte er vor allem infolge der Gräueltaten der Nazis Verständnis für den Wunsch vieler Juden, eine Heimstatt zu gründen, wobei er es irrelevant fand, ob so eine Staatsgründung in Uganda, im Nahen Osten oder anderswo stattfinden sollte. Für den Fall, dass dieser Staat in Palästina entstehen sollte, verlangte er eine absolute Gleichstellung des palästinensischen mit dem jüdischen Bevölkerungsteil. Das Gleichheitsprinzip wäre aus seiner Sicht absolut gültig, sollte dieses Staatswesen auch anderswo entstehen.
Der Gedanke eines „binationalen“ Staates schien ihm von Anfang an nicht nur wünschenswert, sondern auch machbar. In diesem Punkt erwies er sich nicht als zionistischer Nationalist, sondern vielmehr als aufgeklärter Weltbürger, was ihm seitens zionistischer Agitatoren heftige Anfeindungen einbrachte.
Wäre Buber heute noch am Leben, würde er mit Sicherheit die Siedlungs- und Annexionspolitik des israelischen Staates aufs Schärfste bekämpfen und sie für Akte der Aggression brandmarken. Schließlich verabscheute er durch die Ablehnung des Nationalstaatsgedankens im gleichen Atemzug den Chauvinismus und die Idee des so genannten exklusiven Nationalismus, der nichts anders bedeutet als die ausschließliche Herausstellung der eigenen Interessen bei gleichzeitiger Missachtung der Belange anderer betroffener Volksgruppen in politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht.
Martin Buber würde heute wie zeitlebens für die Gründung einer Konföderation bzw. eines binationalen Staates für israelische Juden und Palästinenser eintreten. Das war einer seiner Grundideen am Vorabend der Entstehung des Staats Israels 1948 und er würde sicherlich diese Linie auch für die gegenwärtige Situation vertreten.
Trotz aller heute bestehenden Einwände und Erschwernisse gibt es langfristig keine Alternative zur Option eines gemeinsamen demokratischen Staates für Israelis und Palästinenser. Natürlich kann man in der Theorie auch andere Ideen erwägen, wie etwa die künstliche Aufrechterhaltung des politisch, ökonomisch und sicherheitspolitisch brüchigen gegenwärtigen Zustandes. Auch neue Kriege (bzw. gemäß dem herrschenden israelischen Narrativ: „Vergeltungsschläge“) bieten sich in Zukunft ebenfalls an. Doch so wird man den ewigen Konflikt nicht aus der Welt schaffen und den Anrainerstaaten keine Stabilität und Sicherheit garantieren können, geschweige denn die teils sozialen und wirtschaftlichen Probleme in Israel und den palästinensischen Gebieten lösen.
Gemeinsam und friedlich in einem Staat zusammenzuleben, in dem rechtstaatliche Prinzipien wie Gleichheit vor dem Gesetz, Gewaltenteilung, Menschenrechte und Meinungsfreiheit herrschen, mag heute einer idealistischen Vision gleichkommen. Dies insbesondere, wenn man von der früheren israelischen Justizministerin Ayelet Shaked erfährt, dass man alle Palästinenser töten müsse und deren Kinder „kleine Schlangen“ seien. Dennoch muss angesichts der auch in Zukunft zu befürchtenden militärischen und politischen Eskalation darauf hingearbeitet werden, diesem utopisch anmutenden Ziel eines binationalen Staates in Palästina näher zu kommen, da nur auf diesem Weg langfristig stabile politische Verhältnisse, Frieden und Sicherheit, gesunde Wirtschaftsstrukturen und Mobilität für Menschen und Waren erreicht werden könnten. Dies bedarf eines strukturellen Umdenkens auf beiden Seiten, das vor allem eine akzentuierte Hinwendung der politischen Eliten in Israel und Palästina zu einer neuen Agenda bewirken sollte, die nicht nationalistisch oder chauvinistisch geprägt ist. Dass auch künftig fundamentalistische und nationalistische Strömungen auf beiden Seiten agieren werden, wäre verkraftbar, solange die verfassungsmäßig verankerten staatlichen Strukturen nicht länger von der Forderung dominiert wären, Israel als „jüdischen“ Staat auf der einen Seite und Palästina als einen „Nationalstaat“ bzw. einen primär von der Lehre des Islam geprägten Staat festzuschreiben.
Die Idee eines demokratischen binationalen Staates wurde auch schon in den 1970er Jahren von liberalen palästinensischen und israelisch-jüdischen Kreisen ins Spiel gebracht, als die Zwei-Staaten-Option noch nicht durch den exzessiven Siedlungsbau unerreichbar geworden war und daher noch oben auf der Agenda stand. So machte man sich Gedanken darüber, ob dieser gemeinsame Staat formaljuristisch eine Union, Konföderation oder Föderation sein sollte.[1] Es gibt jüdische Stimmen aus dem linksliberalen Bürgerrechtslager wie die von Haim Hanegbi, die die Realisierung des Zwei-Staaten-Modells angesichts der zionistischen Stimmungslage innerhalb der Mehrheitsgesellschaft ohnehin für ein schwieriges Unterfangen sehen und daher im binationalen Modell den Ansatz für eine dauerhafte Lösung erkennen. Ein ohnehin kaum lebensfähiger „Mini-Staat“ Palästina würde durch seine Gründung die zionistischen Ultras in ihrer Absicht bestärken, das Konzept eines rein „jüdischen“ Staates zu verwirklichen, was zu verschärften Repressionen gegen die Palästinenser innerhalb des israelischen Kerngebietes führen würde, vielleicht sogar bis hin zu ihrer Vertreibung. Shir Hever, ein profunder Forscher zur wirtschaftlichen Situation der palästinensischen Gebiete unter israelischer Besatzung, beobachtet neuerdings eine Tendenz zugunsten des Ein-Staaten-Modells vor allem unter den Palästinensern. Zur ökonomischen Bedeutung dieses Modells schreibt Hever: „Aus ökonomischer Sicht löst auch die Ein-Staaten-Lösung weder die wesentlichen Probleme der palästinensischen noch die der israelischen Ökonomie, doch schafft sie einen Rahmen und ein Instrumentarium dafür, dass diese am Ende gelöst werden können. Die Infrastruktur, die bereits die Grüne Linie überquert, kann weiter ausgebaut und mit palästinensischen Dörfern und Städten verbunden werden, so dass ein einziges Netzwerk geschaffen wird, das dem gesamten Gebiet dient. (…) In einem gemeinsamen israelisch-palästinensischen Staat mit einem gemeinsamen Parlament könnte das Gleichgewicht zwischen dem politischen und sozialen Bedürfnis, die Wunden der Vergangenheit zu heilen, und der wirtschaftlichen Wichtigkeit, diese Bemühungen über einen langen Zeitraum hinweg zu leisten, in einem demokratischen Prozess aufrechterhalten werden.“
Es lässt sich vereinfachend feststellen, dass eine deutliche Mehrheit der israelischen Juden gegen und eine zunehmende Zahl der Palästinenser für den Plan eines binationalen Staates eintreten. Eine Akzeptanz dieser Option bei den israelischen Juden dürfte kurz- und mittelfristig äußerst schwierig zu erzielen sein, da die herrschende Staatsidee Israels auf dem Zionismus basiert, der wiederum einen „jüdischen“ Absolutheitsanspruch auf das gesamte Gebiet des historischen Palästinas erhebt. Gegenwärtig steht in Israel wohl weniger die Bildung eines gemeinsamen Staates mit den Palästinensern auf der Tagesordnung als vielmehr das Projekt ihres „Transfers“ in die Nachbarländer. Auf palästinensischer Seite ist der „arabische“ Absolutheitsanspruch auf das gesamte Land im Laufe der letzten vier Jahrzehnte deutlich zurückgenommen worden, was auf fortlaufende Niederlagen, Enttäuschungen, aber auch Neuorientierungen zurückzuführen ist. Ein ähnlich pragmatischer Sinneswandel auf israelisch-jüdischer Seite lässt noch auf sich warten. Vielleicht wächst dort in Zukunft die Einsicht, dass dem Staat Israel trotz seiner militärischen und sicherheitspolitischen Omnipräsenz der Weg zum Frieden und zur Lösung sozialer und wirtschaftlicher Probleme auch unter der jüdischen Mehrheitsgesellschaft nicht geglückt ist. In diesem Defizit könnte die Chance für ein Umdenken bzw. für die Akzeptanz des binationalen Gedankens als zukunftweisendes, tragfähiges Konzept in der Mehrheitsgesellschaft Israels liegen.
Aref Hajjaj, Vorsitzender des Palästina-Forums, Bonn
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Keine Antwort von Bundespräsident Steinmeier!
Unser, bislang unbeantwortetes Schreiben an den Bundespräsidenten, Herrn Steinmeier.
Palästina Forum, Vorstand: Dr. Aref Hajjaj, Vorsitzender des Beirats: Prof. Dr. Christoph Zöpel Bankverbindung:
Palästina-Forum
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An den
Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland,
Herrn Frank-Walter Steinmeier
Bonn, den 29.11.2021
Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Sie haben sich kürzlich "fassungslos" angesichts der bevorstehenden Entscheidung der russischen Regierung gezeigt, die Menschenrechtsorganisation Memorial zu verbieten. Wir vom Palästina-Forum teilen Ihre Einschätzung voll und ganz, weil wir wie Sie eindeutige politische Überlegungen und Absichten hinter diesem Beschluss sehen.
Erlauben Sie mir nun auf einen durchaus vergleichbaren Fall hinzuweisen. Der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz hat im Oktober sechs palästinensische Nichtregierungsorganisationen wie den Häftlingsverband „Addameer“ und die Menschenrechtsorganisation Al-Hak zu Terrororganisationen erklärt und damit kriminalisiert und verboten. Die Begründung, einige dieser Organisationen hätten Verbindungen zur Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), zeigt wie im Fall Memorial, dass auch hier politische Erwägungen für das Verbot eine entscheidende Rolle gespielt haben. Diese Entscheidung löste weltweit auch in Israel selbst Unverständnis und Empörung aus, zumal viele dieser Organisationen im zivilgesellschaftlichen Bereich auch mit jüdisch-israelischen Partnerverbänden eng zusammenarbeiten. Dass einige dieser palästinensischen Organisationen Verbindungen zur PFLP hätten oder gehabt haben sollten, rechtfertigt a priori die Absicht der israelischen Regierung in keiner Weise, sie zu stigmatisieren oder gar zu kriminalisieren. Wir vom Palästina-Forum haben mit Unverständnis zur Kenntnis genommen, dass Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, diese Entscheidung Israels anders als im Fall Memorial weder kritisiert, bedauert noch verurteilt haben. Das Ausbleiben einer öffentlichen Reaktion bestätigt erneut unsere tiefsitzende Überzeugung, dass in der Bundesrepublik Deutschland hinsichtlich der Beurteilung politischer Entscheidungen der israelischen Regierung immer wieder mit zweierlei Maß gemessen wird. Nicht einmal die dramatischen Ereignisse der Zeitgeschichte dürften dieser Kluft in der Glaubwürdigkeit gerecht sein.
Mit freundlichen Grüßen,
Aref Hajjaj
Spiegel-Interview mit einer deutsch-arabischen Journalistin
Der Spiegel veröffentlichte in der aktuellen Ausgabe vom 18.9.2021 ein Interview mit der Medizinerin und Journalistin Nemi El-Hassan , die wegen früherer politischer Aktivitäten den Moderatorenjob beim WDR möglicherweise doch nicht antreten wird . Dazu meine Stellungnahme:
Ein ärgerliches Interview, das in gewisser Hinsicht einem Vernehmungsprotokoll gleichkommt. In Nuancen erinnert es leider an den Duktus eines so genannten investigativen Journalismus a` la Bildzeitung. Empfinde ich nun für Frau Nemi El-Hassan Mitleid oder eher Befremden angesichts eines so eklatanten politischen und moralischen Rückzugs in die Welt opportunitätsgetränkter politischer Korrektheit? (O-Ton El-Hassans: „Ich schäme mich für diese Zeit“, „Es ist sehr schmerzhaft für mich, über den Menschen nachzudenken, der ich damals war „).
Frau El-Hassan verdient beide Empfindungen. Man muss mitnichten ein Freund von Hisbollah sein, um schlicht zu konstatieren, dass die Teilnahme an der Al-Quds-Demo der Ausdruck einer Empörung auch und gerade über die israelische Politik gegenüber den Palästinensern , etwa im Kontext der humanitären Katastrophe in Gaza. Da kann der Verfassungsschutz anderer Auffassung sein. Seine Sicht der Dinge muss dennoch nicht a priori als das Spiegelbild absoluter Weisheit und Wahrheit überbewertet werden. Dass dieses Demoformat von bestimmten Kräften wie Hisbollah instrumentalisiert wird, bedeutet lange nicht, dass es den überwiegenden Teilnehmern der Demo um etwa die Leugnung des Holocaust oder um antisemitische Reflexe ginge. Die unter massivem Druck stehende und (im Interview) sogar zum Weinen gebrachte Frau El -Hassan hätte deutlich klare Kante zeigen und sich zu ihrer Überzeugung bekennen sollen, ob im Kontext des israelisch-palästinensischen Dauerkonflikts oder zum Thema religiöser Grundüberzeugung, anstatt alles bisher Verinnerlichte über Bord zu werfen angesichts der realen Gefahr, dass ihr Traum von einer künftigen Moderatorenkarriere beim WDR bereits ausgeträumt sein könnte. Ein wenig mehr Rückgrat hätte ihr womöglich mehr geholfen als wie jemand so aufzutreten, der undifferenziert nach Absolution hechelt. Dass die Entscheidung hinsichtlich des Moderatorenjobs vorläufig aufgeschoben wurde, ist schwer nachvollziehbar. Zu befürchten ist allerdings, dass aus dem Entscheidungsmoratorium eine endgültige Beschlussfassung werden könnte. Obwohl man der jungen Medizinerin eine dezidierte Sympathie für Hisbollah oder gar eine antisemitische Haltung nicht nachweisen kann, wird man in den allermeisten Redaktionsstuben lieber auf eine solche Mitarbeiterin verzichten wollen, um ja bloß nicht in einen ähnlichen Verdacht zu geraten. Diese Art vorauseilenden Gehorsams hat im Kontext des Konflikts um Israel-Palästina auch im Jahr 2021 ihre Gültigkeit in Deutschland leider immer noch nicht verloren.
Wieder einmal: Deutschland misst mit zweierlei Maß
Liebe Mitglieder, Freunde und Kolleginnen,
es wird wieder mit zweierlei Maß gemessen!
Fall 1:
"Fassungslos" zeigte sich Bundespräsident Steinmeier angesichts der bevorstehenden Entscheidung der russischen Regierung, die russische Menschenrechtsorganisation Memorial zu verbieten. Da er politische Hintergründe hinter diesem Beschluss sieht, kann man seine Empörung durchaus für nachvollziehbar halten.
Fall 2:
In einem ähnlichen Fall verhielt sich der Bundespräsident jedoch anders. Der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz hat im Oktober sechs palästinensische Nichtregierungsorganisationen wie den Häftlingsverband „Addameer“ und die Menschenrechtsorganisation Al-Hak Al-Hak zu Terrororganisationen erklärt und damit kriminalisiert und verboten. Die Begründung, einige dieser Organisationen hätten Verbindungen zur Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), zeigt wie im Fall Memorial, dass auch hier politische Gründe für das Verbot vorliegen.
Diese Entscheidung löste weltweit auch in Israel Unverständnis und Empörung aus. Die Frage aber, ob der deutsche Bundespräsident diese Entscheidung Israels kritisiert, bedauert oder verurteilt hat, lautet schlicht: Nein. Das ist ein weiteres eklatantes Beispiel dafür, wie in Deutschland hinsichtlich der israelischen Politik immer wieder mit zweierlei Maß gemessen wird.
Viele Grüße,
Aref Hajjaj
Neue Debatte über den Holocaust
Die Leugnung des Holocaust ist mit dem gesunden Menschenverstand nicht vereinbar. Eine solche Haltung kommt entweder aus fehlendem wissen oder aus ideologisch nicht gefestigter Gesinnung.
Ein neuer Historikerstreit in Deutschland ist zum ersten Mal seit den 80-er Jahren jetzt wieder ausgebrochen. Es geht um den Begriff der Singularität des Völkermords in Gestalt des Holocaust. Grundthese der neuen Auseinandersetzung : Die deutsche und gesamteuropäische Kolonialgeschichte, aber auch Formen des Völkermords in Russland unter Stalin und in China unter Mao Tse-Tung ließen sich in einer Reihe neben dem Holocaust herausstellen. Der Philosoph Jürgen Habermas wollte diese These zwar nicht ausdrücklich vertreten, infrage stellen wollte er sie ebenfalls nicht. Er erwartet aber ausdrücklich Respekt für neue Denkimpulse in diesem Kontext aus Kreisen der Migranten.
Israel und seine weltweit agierenden Lobbyverbände verunglimpfen jeden Denkanstoß in dieser Richtung als antisemitisch und beharren auf der These der Singularität des Holocaust. Dabei ist es für die Opfer von Völkermord und Kriegsverbrechen letztlich egal, ob man ihr Schicksal mit der Bezeichnung „singulär“ beschreibt oder nicht.
Wendepunkt in den Beziehungen USA/Israel?
Ende August berichtete die Süddeutsche Zeitung über den Antrittsbesuch des israelischen Premierministers Naftali Bennett in Washington. Der Kommentator sieht darin eine Fortsetzung der grenzenlos engen bilateralen Beziehungen, wobei die Ära Trump keine Ausnahme, jedoch eine intensive Überhöhung gewesen sei. Auch der amtierende Präsident und langjährige Politiker Biden stehe in dieser Tradition.
Hinsichtlich Irans und insbesondere der angestrebten Neubelebung des Atomabkommens kündigt sich nach Auffassung der Zeitung langfristig eine Wende an. Denn der in Sachen Afghanistans angeschlagene Biden würde künftig alles vermeiden, was eine, von Israel vorangetriebene Militäraktion gegen Iran auslösen könnte. Hinzukomme, dass die Linken bei den Demokraten der bedingungslosen Unterstützung Israels vor allem im Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt durch die USA überdrüssig geworden seien.
Diese Analyse wird vom Palästina-Forum mit vorsichtigem Optimismus geteilt, insbesondere weil die Beziehungen der US-Administration zu Israel in der Zeit vor und unmittelbar nach dem Ende der Ära Trump (Clinton, Obama und jetzt Biden) in Bezug auf Palästina (Siedlungspolitik, Zweistaatenlösung etc.) und Iran durch sichtbare Meinungsverschiedenheiten gekennzeichnet waren und sind, ohne dass das bisher allerdings ein Abrücken von der bedingungslosen Unterstützung Israels durch Washington bewirkt hat.
Die Frage, die sich jetzt dringend stellt, lautet: Welche Strategie wird bzw. soll die palästinensische Führung aus diesem möglichen Kurswechsel ziehen? Biden und sein Außenminister Blinken wären sicherlich nicht abgeneigt, von dort rasche und klar formulierte Initiativen über machbare Fahrpläne eines künftigen robusten Friedensprozess zu erhalten. Diese Initiativen sollten sich gegen die Obstruktionspolitik Israels wenden, gleichzeitig aber auch der Tatenlosigkeit und dem bloßen Lamentieren der Regierung von Mahmoud Abbas ein Ende bereiten. Schließlich sind auch so eindrucksvolle Klagelieder nicht der richtige Weg zu einer aus der Sicht der Palästinenser befriedigenden Lösung. Erforderlich sind auch baldige Parlaments- und Präsidentenwahlen im Westjordanland und im Gazastreifen sowie nachhaltige Maßnahmen zur Eindämmung der dort grassierenden Korruption.
Aref Hajjaj
Israelische Spionage-Software NSO
IIsrael und seine Freunde in den USA und Europa beteuern immer wieder, dass Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten sei. Wer vermag das infrage zu stellen, wenn man Israel etwa mit Saudi-Arabien, Syrien oder den Emiraten vergleicht? Dennoch ist diese Aussage korrekturbedürftig. In erster Linie wegen der teils direkten, teils subtilen Diskriminierung der nicht jüdischen Bevölkerungsgruppe, also der israelischen Palästinenser, die immerhin über 20 % der Gesamtbevölkerung ausmachen.
Ein weiteres Demokratiedefizit hat nun die investigativ-journalistische Recherche über die israelische Spionage-Software NSO ans Licht gebracht. Über gravierende Fakten in diesem Zusammenhang berichtet u.a. die Süddeutschen Zeitung in ihrer Ausgabe vom 23. Juli (Peter Münch, Georg Mascolo).
Zusammenfassung:
- In keinem anderen (westlichen) Land ist die Kooperation zwischen Geheimdienst und Industrie so eng wie in Israel.
- Dass die NSO Group diese Software vermehrt auch an diktatorische und autoritäre Staaten geliefert bzw. verkauft hat, die sie zur Inhaftierung, Gängelung und Folterung von Oppositionellen und Menschenrechtsaktivisten eingesetzt haben, geschah mit Wissen der israelischen Regierung (dezidiert unter dem Langzeitpremier Netanjahu, aber auch unter der jetzigen Koalition). Denn die Software darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung des israelischen Verteidigungsministeriums exportiert werden. Die Wahrung der Menschenrechte gehört also nicht zu einem der Kriterien für die Genehmigungserteilung, so der israelische Menschenrechtsanwalt Eitay Mack.
- Zu den Nutznießern der Software gehören u.a. die Philippinen, Mexiko, Vereinigte Arabische Emirate.
- Der Anwalt betont, dass Waffenlieferungen aus Israel schon immer ein Mittel zur Bildung neuer Allianzen sind. Dazu passt hier die „Normalisierung“ der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Staaten Emiraten, Bahrain, Marokko und Sudan, sozusagen nach der vereinfachend formulierten Devise „Du gibst mir die Mittel für die Bekämpfung meiner inneren Gegner, dafür erhältst du von mir die ersehnte diplomatische Anerkennung“. Der Zusammenhang zwischen dem Akt der Normalisierung und der Lieferung von Überwachungstechnik ist der deutschen Regierung seit langem bekannt.
- Die engen Beziehungen zwischen Netanjahu und dem EU-Mitglied Ungarn unter Orban führten dazu, dass Ungarn diese Software erhalten durfte und Orban als „Gegenleistung“ jedwede substantielle EU-Kritik an der israelischen Palästinapolitik durch sein Veto verhindern konnte.
neue Eskalation im Nahost
In der SZ-Ausgabe vom 20. Mai bagatellisiert Ronen Steinke die Angriffe einiger jugendlicher Muslime auf jüdische Einrichtungen keinesfalls. Mit Recht prangert er jedoch die Versuche rechtslastiger Gruppierungen wie der AFD an, sich mit dem fadenscheinigen Argument reinzuwaschen, es gehe in Deutschland und Europa vor allem um einen „importierten“ Antisemitismus. Andererseits: Angesichts der bereits über eine Woche andauernden Eskalation in Palästina/Israel sieht man erneut kristallklar, wie Deutschland im Vergleich zu vielen anderen europäischen Staaten ein schwieriges Terrain ist, ein Hort massivster Einseitigkeit zugunsten Israels ist. Arn Strohmeyer verwies in einem Beitrag auf die rituell gewordene Unterstützung des Staates Israels : „...Lob für die Aufbauarbeit des Staates und seine Demokratie, Erinnerung an den Holocaust, Schuldbekenntnis und die Beschwörung der deutschen Verantwortung für die Existenz und Sicherheit Israels. Kritik an der Landraubpolitik, der rechtwidrigen Besatzung und der Unterdrückung von Millionen Palästinensern kommen ... nicht vor. Und natürlich ist in solchen Texten – ob direkt oder indirekt ausgesprochen – immer die rituelle Formel vermerkt, dass Kritik an der israelischen Politik ‚israelbezogener Antisemitismus‘ sei“.
Natürlich sind Angriffe auf jüdische Einrichtungen oder als Juden überhaupt völlig inakzeptabel und müssen mit allen strafrechtlichen Mitteln geahndet werden. Aber die Notwendigkeit, die Begriffe differenziert zu verstehen und zu exportieren erfordert die Verwendung einer anderen Vokabel als Antisemitismus, sonst besteht die Gefahr, dass man durch die inkorrekte und inflationäre Verwendung dieses Begriffs den traditionellen völkisch-rassistischen Antisemitismus deutscher und europäischer Prägung verwässert und banalisiert. Diese zu verurteilenden Angriffe geschehen als Folge von Besatzung, Siedlungsbau und Zerstörung des Lebensraumes der Palästinenser in den besetzten bzw. blockierten Gebieten. Ohne sie zu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen, sollte man sie jedoch unbedingt mit der dort herrschenden Lage kausal in Verbindung bringen
Eine differenzierte Haltung von Politik und Medien wäre auch hinsichtlich der Beurteilung der Gewaltanwendung durch Israel und Hamas dringend geboten. Hierzulande trauten sich bisher nur Norbert Walter-Borjans (SPD) und Gregor Gysi (Die Linke), eine subtil-differenzierte Sicht der Dinge an den Tag zu legen. Alle anderen Politiker und die meisten Medien tun das nicht, blenden fast alle Übeltaten Israels (Dauerbesatzung, Siedlungsbau, Drangsalieren der Zivilbevölkerung in Palästina etc.) aus und reduzieren die Gesamtheit der Eskalation auf nur zwei Aspekte: das Abfeuern von Raketen durch Hamas und die Angriffe auf jüdische Einrichtungen durch einige wenige frustrierte und bildungsferne Muslime und Araber. Wir haben bereits diese Angriffe unmissverständlich verurteilt. Zur Haltung von Hamas haben wir in anderen Statements deutlich gemacht, dass für Palästina, das weiterhin unterdrückt, besetzt, beraubt und stigmatisiert wird, dennoch die Mission Gandhi und nicht Che Guevara gelten muss, und dies aus geopolitischen und humanitären Gründen.
Befremdend ist, dass Außenminister Heiko Maas, der immer wieder in Erinnerung ruft, dass der Holocaust der Grund für seinen Eintritt in die Politik gewesen sei, seine moralische Verpflichtung auf die Interessen Israels einengt und dadurch für die Anliegen des palästinensischen Volkes kaum ein ernstzunehmendes Engagement bereithält. Er verhandelt mit Israel und tut das auf palästinensische Seite nur mit der PLO/Fatah. Mutiger und sinnvoller sollte er mit Hamas verhandeln, um überhaupt einen Durchbruch zu erzielte. Doch Maas scheint keine Veranlagung für konstruktive Tabubrüche zu haben.
Proteste in Ostjerusalem gegen die Siedler
Die Proteste betroffener palästinensischer Hauseigentümer und der mit ihnen solidarisierenden Bevölkerung gegen die drohende Zwangsräumung durch jüdische Siedlerorganisationen im Ostjerusalemer Stadtteil Scheich Dscharrah dauern auch am heutigen 10. Mai an. Die angekündigte illegale Vertreibung findet die uneingeschränkte Unterstützung nicht nur rechtsextremer Knesset-Abgeordneter und anderer ultra-rechten israelischen Politiker und Verbände. Im Internet zeigen die Bilder israelische Sicherheitskräfte vor der Al-Aksa-Moschee und dem Felsendom beim Einsatz von Blendgranaten, Tränengas und Gummigeschosse gegen Steine werfende Palästinenser.
Wir appellieren an die Bundesregierung und die EU-Kommission, dafür zu sorgen, dass diese immer wiederkehrenden Willkürakte der Besatzungsmacht Israel ein Ende nehmen sollten. Warum sind ähnliche Reaktionen der Bundesregierung und speziell des Außenministers Heiko Maas auf chinesische oder russische Menschenrechtsverletzungen opportun, angebracht und selbstverständlich, während nicht einmal eine milde Verurteilung der Besatzungsmacht Israel nach wie vor einem Tabubruch gleichkäme? Wann entschließt sich die Bundesregierung endlich, zwischen dem Holocaust-Trauma und den elementaren Rechten der Palästinenser feinsäuberlich zu trennen? Denn schließlich haben die Proteste der Palästinenser gegen Israel mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung im Verhältnis zu den Juden gar nichts zu tun.
Wahlen in Palästina grundlos verschoben
Die Verschiebung der Parlaments- und Präsidentenwahlen in den besetzten palästinensischen Gebieten durch Präsident Abbas ist äußerst bedauerlich und aus der Interessenlage des palästinensischen Volkes überhaupt nicht nachvollziehbar. Abbas führt seinen Entschluss auf die Weigerung Tel Avivs zurück, die Bevölkerung des annektiertem Ost-Jerusalems mitwählen zu lassen. Dass Abbas die Wahlen erst dann abhalten will, wenn Israel seinen Standpunkt diesbezüglich ändert, bedeutet leider unweigerlich, dass die Wahlen so gut wie nicht werden stattfinden können. Denn die starre Haltung Israels nicht nur in dieser Frage ist hinlänglich bekannt. Ein weiterer, nicht minder wichtiger Grund für die Terminverschiebung ist die Befürchtung Abbas‘, dass seine Fatah-Organisation, die in den Umfragen schlecht abschneidet, möglicherweise die doppelten Wahlen krachend verlieren würde.
Man kann hier nur daraus folgern: Palästina hätte wahrlich eine bessere Führung verdient, in Ramallah und in Gaza-Stadt.
Eskalation in Jerusalem/April 2021
Nach einer rassistischen Veranstaltung einer extremistischen israelischen Organisation in der Altstadt von Jerusalem, im arabischen Ostteil der Stadt also, brach die Gewalt zwischen der Polizei und demonstrierenden Palästinensern aus. Das geschah nach dem Abendgebet in der Al-Aksa-Moschee im gerade beginnenden muslimischen Fastenmonat Ramadan. Die extremistischen Israelis attackierten die Palästinenser und provozierten sie mit Parolen wie „Tod den Arabern“ und der Forderung nach Deportation der Palästinenser aus ihren angestammten Heimatorten. Die Polizisten setzte Blendgranaten und Wasserwerfer gegen die Demonstranten, die mit Wasserflaschen und Steinen „bewaffnet“ waren. Als Reaktion wurden Raketen aus Gaza auf benachbarte Ortschaften abgefeuert: eine hilflose und überflüssige Aktion.
Die neue US-Administration zeigte sich über diese Entwicklung besorgt, ohne jedoch die eine oder andere Seite ausdrücklich für die Eskalation verantwortlich zu machen. Das ist immerhin ein positiver Trend im Vergleich zur eklatant einseitigen proisraelischen Linie des abgewählten US-Präsidenten Trump.
Und die Bundesregierung? Ein Sprecher des Auswärtigen Amts reduzierte das Ereignis auf die banale Fußnote, die Bundesbürger sollten das Gebiet während des Fastenmonats meiden. Eine politische Bewertung? Fehlanzeige.
Sollen die „israelischen Araber“ am Regierungssystem teilnehmen?
Israel wählte zum vierten Mal innerhalb von nur zwei Jahren das Parlament neu. Trotz laufender Gerichtsprozesse und Korruptionsvorwürfe gegen Netanjahu gewann er die Wahlen knapp. Ob er aber eine Koalition auf den Weg bringen wird, ist die große Frage. Man spekuliert heute erneut über Neuwahlen, zum fünften Mal innerhalb kurzer Zeit. Offensichtlich gibt es hier eine strukturelle und systemische Verfassungskrise.
Jair Lapid, der im Rennen um den Premierministerposten an zweiter Stelle steht, hat durchaus Chancen, eine neue Regierungskoalition zu bilden. Übrigens: Die gesamte Wahlkampagne drehte sich nicht um aktuell brennende Themen wie die Pandemie, die Besetzung der palästinensischen Gebiete, den völkerrechtswidrigen Bau jüdischer Siedlungen und die brisante soziale Schieflage für ärmere Schichten unter Juden und palästinensischen Israelis, sondern lediglich um die Frage für oder gegen Netanjahu.
Die arabische, genauer palästinensische Minderheit innerhalb Israels, macht zwar 20 Prozent der israelischen Bevölkerung aus. Sie ist nach den neuen Wahlen nicht mehr mit 15 Mandaten in der Knesset vertreten, sondern infolge der Spaltung der arabischen Liste auf nur noch acht bis neun Sitze geschrumpft. Dennoch könnten die palästinensischen Mandatsträger im Parlament die Rolle des Königmachers spielen. Warum eigentlich nicht? Manche wehren sich dagegen, manche wie der Vertreter des Islamischen Flügels Abbas Mansour treten für eine aktive Mitwirkung ein, um einer weiteren Marginalisierung der palästinensischen Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Schließlich geht es um handfeste Interessen wie den Ausbau der Infrastruktur in den arabischen Gemeinden und die Eindämmung der prekären Sicherheitslage dort, die vom israelischen Staat kaum nennenswerte Beachtung findet.
In der Palästinafrage ist der Unterschied zwischen Netanjahu und Lapid zwar völlig klein. Dennoch wäre es gut, wenn die Palästinenser mit israelischen Pässen sich für einen Neuanfang unter der Ägide von Lapid stark machen würden.
Wahlen in Israel
Israel wählt morgen das Parlament neu, und das zum vierten Mal innerhalb von nur zwei Jahren. Trotz laufender Gerichtsprozesse und Korruptionsvorwürfe scheinen Netanjahus Chancen, die Wahlen zu gewinnen, wieder groß zu sein. Die Wahlkampagne wird nicht von aktuellen Themen bestimmt, sondern von der Alternative für oder gegen Netanjahu. Dabei gäbe es viele brenzlige Themen wie die Besetzung der palästinensischen Gebiete, der völkerrechtswidrige Bau jüdischer Siedlungen und die brisante soziale Schieflage für ärmere Schichten unter Juden und palästinensischen Israelis. Wichtig wäre auch das Thema innere Sicherheit in den Gegenden, die hauptsächlich von den palästinensischen Israelis bewohnt werden. Dort herrscht oft Chaos, ohne dass Israel Handlungsbedarf sieht.
Schaut bitte rein in unsere Website:
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ARTE-Doku über das Verhältnis Irans zu Israel und USA
Liebe Mitglieder und Freunde des Palästina-Forums,
wieder einmal haben französische Experten bewiesen, dass sie sich in Sachen Nahost und Islam bedeutend besser auskennen, als ihre US-amerikanischen und deutschen Kollegen. Sachkundig und stereotypische Vereinfachung vermeidend, berichtete arte am 16. März in einer zweiteiligen (französischen) Dokumentation unter der Überschrift „Der lange Krieg“ über das zerrüttete Verhältnis zwischen den USA und Israel einerseits und Iran andererseits.
Quintessenz der Doku:
- Das Verhältnis der Kontrahenten ist von ideologischer Verkrampfung, Hass und der Bereitschaft zur Eskalation geprägt.
- Aus der unverbrüchlichen und bedingungslosen Allianz zwischen USA/Israel und dem Iran unter dem Schah ist mit der Gründung der Islamischen Republik Iran eine umfassende sicherheitspolitische und wirtschaftliche Feindschaft entstanden.
- Das Schah-Regime war nicht nur korrupt, es hat obendrein nur die säkular-opportunistische Oberschicht bedient und wollte um jeden Preis zur regionalen, sogar internationalen Weltmacht aufsteigen. Dabei blendete er willentlich oder realitätsfremd die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung aus, die erstens unter massiver Armut lebte und zweitens der islamischen tief Tradition verbunden war.
- Israels Rolle unter dem Schah reduzierte sich auf die Bereiche innere Sicherheit und Bespitzelung der iranischen Bevölkerung. Der Mossad agierte als Lehrmeister des Savak gerade in Fragen der Verfolgung von Oppositionellen und der Foltermethoden.
- Im Bewusstsein breiter Schichten der iranischen Bevölkerung war Israels Rolle in ihrem Land mit der Unterdrückung jeglicher Opposition, ob islamisch, liberal oder kommunistisch verbunden. Außerdem sah man Israel in erster Linie als Anhängsel US-amerikanischer Interessen- und Machtpolitik.
- Die USA verstanden die iranische Politik in zweierlei Hinsicht falsch: In der Schah-Ära glaubten sie, dass die Bevölkerung insgesamt ähnlich der Oberschicht säkular orientiert ist. Nach der Revolution glaubten sie zu wissen, dass die Agenda von Khomeini sich auf ein rein theokratisches Konzept reduzieren lässt.
- Nichtsdestotrotz konnten sich die Vertreter der reinen islamischen Lehre nach und nach durchsetzen, da alle Oppositionellen zunächst und vielleicht aus taktischen Gründen sich Khomeini anschlossen, was zu ihrer Schwächung führte. Dennoch: Es ist falsch, im heutigen Iran die Islamisten als die einzige Fraktion innerhalb des politischen Spektrums zu verorten.
- Mit dem Ende der Allianz bahnte sich ein äußerst schwieriges Verhältnis zwischen Iran und den USA/Israel an. Die Islamische Republik machte den antiamerikanischen und antiisraelischen Kurzwechsel durch die Unterstützung palästinensischer Organisationen und der Hisbollah im Libanon, später auch im Irak, deutlich.
- Nachdem Israel die PLO im Krieg von 1982 zum Verlassen des Libanons zwang, stärkte Iran die Hisbollah militärisch und finanziell, was zur Eindämmung von Israels Expansionspolitik im Libanon beigetragen hat.
- Die maßgebliche iranische Opposition von heute lehnt verständlicherweise die außen- und sicherheitspolitische Agenda des Regimes ab. Als Begleiterscheinung ist sie außerdem reflexartig proisraelisch und daher antipalästinensisch und antiarabisch. Sie moniert den Geldzufluss in andere Länder der Region angesichts der massiven finanziellen und wirtschaftlichen Notlage des Landes infolge der verhängten Sanktionen.
- Zweimal sorgte der Irak unbeabsichtigt für eine Stärkung der regionalen Stellung Irans: infolge des achtjährigen irakisch-iranischen Krieges (1980-88) und im Zusammenhang mit der Befreiung Kuwaits 1991 von der irakischen Invasion. In beiden Fällen konnte sich Iran aus der Krise heraus stabilisieren.
- Rabins taktisches Interesse an einer Verständigung mit den Palästinensern (Osloer Verträge) war auch seinem Wunsch geschuldet, Irans Stellung in der Region zu schwächen und dessen atomaren Pläne zu unterminieren. Beide Ziele scheiterten.
- Zur atomaren Agenda Irans ist Folgendes hinzuzufügen: Die Weigerung der neokonservativen unter Bush, auf Irans Avancen in Richtung Normalisierung zu reagieren und die noch massivere Eskalation gegen Iran durch Trump stärkten die Hardliner im Iran, was zur beschleunigten Entwicklung des atomaren Programms führte. Das war Irans Antwort auf den von Bush und Trump geplanten regime change.
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Zwei kritische Punkte zur Doku:
- Dort wird berichtet, dass Khomeinis Botschaft dezidiert „schiitisch“ gewesen sei. Die Fakten belegen vielmehr, dass „islamisch“ die richtige Beschreibung dieser Botschaft wäre.
- Ausgeblendet wird im Zusammenhang mit der atomaren Frage die Tatsache, dass Israel, das sich gegen Irans Bestrebungen in diesem Sektor vehement wendet, selbst über atomare Waffen verfügt. Daher wäre es angebracht gewesen, nicht nur Irans atomare Bestrebungen mit Recht zu kritisieren, sondern auch einen israelischen Verzicht darauf ins Spiel zu bringen, sozusagen als eine Option zur Befriedigung des Nahen Ostens.
Viele Grüße,
Aref Hajjaj
Appell an die palästinensische Führung: Wahlen abhalten!
Am 16. März postete Hajjaj auf Facebook (Deutsch und Arabisch) eine kurze kritische Analyse der gespaltenen palästinensischen Führung, der er vorwarf, nicht das Volk zu vertreten, sondern Klientelpolitik zu betreiben. Er rief zur Abhaltung baldiger demokratischer und fairerer Wahlen auf, die der Korruption und dem Stillstand ein Ende bereiten sollten.
Zweistaatenlösung
Der deutsche Außenminister Maas bekundete erneut die Entschlossenheit der Bundesregierung, an der Zweistaaten-Option, also der Gründung eines palästinensischen Staates neben Israel, festzuhalten. Schön und gut. Aber er nennt die Hinderungsgründe gar nicht: die Besetzung Palästinas und den Bau jüdischer Siedlungen in den besetzten Gebieten. Von Druck auf Israel oder der Verhängung von Sanktionen für den erwarteten Fall, dass Israel diese Option ablehnt, ist bei Maas' Statement nirgends die Rede. Das macht diese Erklärung völlig bedeutungslos.
Israel verweigert Mathematiker Goldreich die Ehrung
Israels Regierung weigert sich, dem renommierten israelischen Mathematiker Oded Goldreich wegen seiner kritischen Haltung zur Besetzung palästinensischer Gebiete und zum Siedlungsbau den „Israel-Preis“ zu verleihen. Lesen Sie folgenden Artikel aus der FAZ:
F.A.Z., Jochen Stahnke
Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien
„Als am Sonntag in Israel die Verleihung der höchsten zivilen Auszeichnung des Landes aufgezeichnet wurde, fehlte einer der Gewinner. Den Israel-Preis in der Sektion Mathematik und Informatik hat in diesem Jahr Oded Goldreich vom renommierten Weizmann-Institut gewonnen. Doch weigert sich Bildungsminister Joav Galant, ihm den Preis zu übergeben.
Zuletzt hatte Goldreich gemeinsam mit rund fünfhundert Akademikern eine Petition an die EU unterschrieben, die Zusammenarbeit mit der Hochschule Ariel in der gleichnamigen Siedlung in den besetzten Gebieten im Westjordanland bleiben zu lassen. Eine entsprechende Differenzierungspolitik im Rahmen des Forschungsprogramms Horizon 2020 ist in der EU bislang gängige Praxis gewesen, wogegen die israelische Regierung anarbeitet.
Bildungsminister Galant gab bekannt, bevor Goldreich den Preis bekomme, müsse überprüft werden, ob er die propalästinensische Boykottbewegung BDS unterstütze. Zunächst müsse eine „Untersuchung abgeschlossen werden, ob der Professor die Ablehnung der Boykottbewegung ernst meint und ob die Informationen, die er dem Gericht und dem Staat übermittelt hat, korrekt sind“, sagte der Politiker von der rechten Likud-Partei. Das Oberste Gericht hatte Galant in der vergangenen Woche dreißig Tage zugestanden, seine Entscheidung zu begründen, dem Professor den Israel-Preis nicht zu überreichen. Minister Galant twitterte, man werde die zur Verfügung stehende Zeit nutzen, um zu überprüfen, ob die Distanzierung des Professors von der Boykottbewegung „aufrichtig“ sei.
Goldreich, ein erklärter Gegner der Siedlungspolitik, sprach dagegen von „politischer Verfolgung“. Galant wolle „aufgrund meiner Ansichten verhindern, dass ich den Preis bekomme, weil ich ein Linker bin – es geht um nichts anderes“, so Goldreich in der Zeitung „Haaretz“. Wenn er den BDS unterstützen würde, dann hätte er den Preis nicht annehmen wollen.
In einem Protestschreiben riefen die Präsidenten von sieben israelischen Universitäten den Bildungsminister auf, seinen Widerstand aufzugeben, zumal Galant nicht befugt sei, den von einem unabhängigen Gremium verliehenen Preis zu blockieren. „Einer Person den Preis aufgrund ihrer politischen Ansichten vorzuenthalten widerspricht den Prinzipien des Israel-Preises und beschädigt die Rede- und Gedankenfreiheit enorm“, heißt es darin. Allein akademische Leistungen sollten entscheiden. Am Sonntag hielten Wissenschaftler aus Protest eine alternative Preisverleihung auf dem Gelände des Weizmann-Instituts ab, wo der Informatiker David Harel seinen 2004 erhaltenen Israel-Preis auf dem Rasen des Forschungsgeländes symbolisch seinem Kollegen Goldreich übergab.
Die Preisverleihung im Jerusalemer Messezentrum fand hingegen ohne den 64 Jahre alten Professor statt. Einem Radiobericht zufolge ergriff die Regisseurin Michal Bat Adam das Mikrofon und drückte ihr Bedauern aus, dass Goldreich nicht dabei sei. Darauf gab es Applaus. Gleichwohl schüttelten alle Preisträger dem amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu sowie Galant die Hand. Die Aufzeichnung der Verleihung wird zum Unabhängigkeitstag ausgestrahlt.“
Deutsche Haltung zur Entscheidung des Internationalen Strafgerichtshofs über Palästina
Liebe Mitglieder und Freunde des Palästina-Forums,
anbei die Haltung der Bundesregierung zur Entscheidung des Internationalen Strafgerichtshofs, auch im Fall der besetzten palästinensischen Gebiete tätig sein zu wollen. Das Gericht beruft sich auf seine originäre Zuständigkeit auch für besetzte Gebiete, also nicht souveräne Staaten. Die Bundesregierung beharrt dagegen auf ihrer Haltung, dass diese Zuständigkeit sich auf „Staaten“ beschränke, ohne jedoch zu erklären, wie mit Kriegsverbrechen eben in besetzten Gebieten verfahren werden sollte. Das ist eine rein politische Entscheidung Berlins, die primär oder ausschließlich der Tatsache geschuldet ist, auf Israel Rücksicht zu nehmen. Ein bedauerliches MANKO!
Viele Grüße,
Aref Hajjaj
Auszug aus der Bundespressekonferenz vom 8. Februar 2021 zur Entscheidung des Internationalen Strafgerichtshofs, Kriegsverbrechen in den besetzten palästinensischen Gebieten zu ahnden
Frage: Der Internationale Strafgerichtshof hält sich für die Ahndung von Kriegsverbrechen aller Seiten in besetzten Gebieten, also auch in Palästina, für zuständig. Die Reaktionen sind höchst unterschiedlich. Schließt sich die Bundesregierung beziehungsweise das Auswärtige Amt der palästinensischen Führung oder der israelischen Regierung an?
Sasse: Wir haben die Entscheidung der Vorverfahrenskammer des Internationalen Strafgerichtshofs vom vergangenen Freitag zur Kenntnis genommen. In der Sache geht es um eine Zuständigkeitsfrage. Die Entscheidung des Internationalen Strafgerichtshofs bezieht sich auf den territorialen Umfang förmlicher Ermittlungen der Anklagebehörde und ausdrücklich nicht auf die Staatlichkeit der palästinensischen Gebiete. Sie bedeutet, dass die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs Ermittlungen zu etwaigen Völkerrechtsverbrechen in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten aufnehmen kann. Es ist nun an der Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs, zu entscheiden, ob tatsächlich Ermittlungen aufgenommen werden.
Die Bundesregierung hatte in dem Verfahren ihre Rechtsauffassung in einem sogenannten Amicus-Curiæ-Brief dargestellt, also in einem Schriftsatz der sogenannten Freunde des Gerichts, den wir auf Einladung des Gerichts Anfang vergangenen Jahres verfasst haben und in dem wir unsere Rechtsauffassung dargelegt haben. Die Richter der Vorverfahrenskammer sind nun mehrheitlich einer anderen Argumentation gefolgt.
Unsere Haltung in der Sache ist unverändert. Nach unserer Rechtsauffassung sind der Internationale Strafgerichtshof und seine Anklagebehörde aufgrund des Fehlens des völkerrechtlichen Elements der Staatlichkeit von Palästina nicht zuständig. Ein palästinensischer Staat und die Festlegung territorialer Grenzen können - das haben wir an dieser Stelle schon vielfach dargestellt - nur durch direkte Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern erreicht werden. Deutschland trägt als einer der größten bilateralen Geber auch zum Aufbau eines zukünftigen palästinensischen Staates im Rahmen einer zwischen den Konfliktparteien verhandelten Zweistaatenlösung bei.
Unsere Position zum Nahostfriedensprozess kennen Sie; sie ist ebenfalls unverändert.
Gleiches gilt für unsere Haltung zum Strafgerichtshof insgesamt. Deutschland gehört seit Gründung des IStGH zu den entschiedensten Unterstützern. Wir sind zweitgrößter Beitragszahler und selbst Mitglied im Römischen Statut, der rechtlichen Grundlage für den IStGH.
Frage: Frau Sasse, das, was Sie hier sagen, ist sehr interessant. Sie sagen, der Internationale Gerichtshof sei nicht zuständig, weil Palästina kein Staat sei, obwohl Sie wissen, dass die israelische Besatzung diesen Staat verhindert.
Sasse: Ich habe gesagt, dass es auf das Element der Staatlichkeit der Palästinenser ankommt. Wir haben in unserem Amicus-Curiæ-Brief dargelegt, dass dieses völkerrechtliche Element der Staatlichkeit von Palästina fehlt und der IStGH dementsprechend nicht zuständig ist.
Zusatzfrage: Das habe ich verstanden. Aber Sie erkennen an, dass es diese Staatlichkeit nicht geben kann, weil Israel seit 1967 die palästinensischen Gebiete besetzt, was Sie als völkerrechtswidrig ansehen. Für die Verbrechen, die dort auf beiden Seiten während der Besatzung passieren, sollen die Besetzer nicht belangt werden, weil es den Staat, den sie durch die Besetzung verhindern, noch nicht gibt. Ist das Ihre Auffassung?
Sasse: Herr Kollege, ich schließe mich Ihrer Interpretation an dieser Stelle - -
Zusatz: Das haben Sie doch gerade gesagt!
Sasse: - ausdrücklich nicht an, sondern ich verweise noch einmal auf das, was ich gerade gesagt habe, dass ein palästinensischer Staat und auch die Festlegung territorialer Grenzen nur durch direkte Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern erreicht werden kann.
Frage: Frau Sasse, können Sie uns sagen, wer eigentlich Kriegsverbrechen in den besetzten Gebieten ahnden könnte? Wenn nicht der Internationale Strafgerichtshof, wer soll dann hinschauen?
Sasse: In dem konkreten Fall ging es um die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs, und dazu haben wir unsere Rechtsauffassung deutlich gemacht.
Zusatzfrage: Das habe ich verstanden. Aber gibt es eine andere Institution, die mutmaßliche Kriegsverbrechen, falls es sie gibt, aufklären könnte?
Sasse: Dazu kann ich an dieser Stelle nichts sagen.
Montag, 8. Februar 2021
Das Internationale Strafgericht geht gegen Kriegsverbrechen in Palästina vor
Die Entscheidung des internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag, sich für die Ahndung von Kriegsverbrechen in besetzten Regionen, also auch in den Palästinensischen Gebieten für zuständig zu erklären, ist überfällig und daher begrüßenswert. Es besteht gemäß dem Gericht Handlungsbedarf gegen israelische und auch palästinensische Individuen (nicht Staaten also), die sich etwa im Gazakrieg von 2014 Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben sollten. Damit ist der Weg frei für Ermittlungsverfahren zu möglicherweise dort begangenen Kriegsverbrechen. Die Richter verwiesen dabei auf die eigenen Gründungsstatuten, nach denen konkrete Staaten oder Grenzen nicht Voraussetzungen für Verfahren vor dem Gericht sein müssen. Verurteilten Personen aus dem militärischen und zivilen Bereich drohen im Fall nachgewiesener Schuld hohe Haftstrafen. Im Übrigen stellt auch der Bau jüdischer Siedlungen in den besetzten Gebieten nach Auffassung namhafter Völkerrechtler den Sachverhalt eines Kriegsverbrechens dar.
Während die palästinensische Führung in Ramallah den Beschluss ausdrücklich begrüßte, reagierte der israelische Premier Netanjahu wie gewohnt heuchlerisch und anmaßend. Er protestierte nicht nur gegen diese Entscheidung, sondern setzte gleich die berühmtberüchtigte Keule des Antisemitismus gegen die Haager Richter ein. Ob er ebenfalls eine mögliche Verurteilung von palästinensischen Personen als antisemitisch brandmarken würde, dürfte mit Sicherheit verneint werden. Wann hört dieser machtbesessene Politiker endlich damit auf, in politischer, rechtlicher und vor allem moralischer Hinsicht so eklatant mit zweierlei Maß zu messen?
Schreiben an BK Angela Merkel zur Impfung in Palästina
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
unsere Partnerorganisation und wir möchten an Sie eindringlich appellieren, Ihren Einfluss geltend zu machen, um dafür zu sorgen, dass die palästinensische Bevölkerung in der von Israel besetzten Westbank und im faktisch ebenfalls besetzten und unter langjähriger Blockade leidenden Gazastreifen möglichst sofort in den Stand gesetzt wird, sich in der gleichen Quantität und Qualität wie die israelische Bevölkerung selbst gegen Covid-19 impfen zu lassen.
Die palästinensische Führung und mehrere Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International beschweren sich darüber, dass Israel zwar seine Bevölkerung im Rekordtempo gegen das Coronavirus impfen lässt, seine rechtlichen und moralischen Pflichten gegenüber den Palästinensern hingegen grob vernachlässige.
Als Besatzungsmacht verstößt Israel gegen geltendes internationales Recht, solange es nicht unverzüglich seiner Verantwortung gegenüber den besetzten Gebieten auch im medizinischen-hygienischen Bereich gerecht wird. Die Versorgung der palästinensischen Bevölkerung mit dem Impfstoff sowie mit der dazugehörigen notwendigen Ausrüstung für Tests, Schutz, Pflege und Medikamente ist nicht nur aus humanitären Gesichtspunkten und entsprechend Art. 55 der IV. Genfer Konvention geboten. Sie liegt auch im eigenen Interesse Israel.
Im Übrigen: Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts erklärte dazu auf die Frage eines Journalistenstellte auf der Bundespressekonferenz vom 18. Januar:
„Ich persönlich habe von diesen konkreten Äußerungen der NGOs keine Kenntnis.
Was das Thema des Impfens anbelangt, habe ich im Kopf, dass Israel gerade gestern angekündigt hat, palästinensische Gefangene mitzuimpfen.
Zum Thema einer Zusammenarbeit zwischen Israel und der palästinensischen Seite beim Impfen hat sich der Außenminister schon geäußert. Alles, was einer Zusammenarbeit dort förderlich ist und auch im Rahmen von COVAX, der internationalen Impfinitiative, eine gerechte Verteilung fördert, begrüßen wir sehr. Wir rufen alle Staaten auf, sich zum Beispiel im Rahmen dieser internationalen Allianz daran zu beteiligen, dass Impfstoffe fair und schnell weltweit verteilt werden.“
Für Ihre Bemühungen danken wir Ihnen vom Herzen im Voraus.
Mit freundlichen Grüßen,
Deutsch-Palästinensische Gesellschaft
Palästina-Forum, Bonn
Gesellschaft Schweiz-Palästina
CORONA-Lage in den besetzten palästinensischen Gebieten
Folgende Frage stellte der Journalist Herr Thomas Nehls auf der Bundespressekonferenz am 18. Januar:
Frage: Die Gesellschaft Schweiz–Palästina und das Palästina-Forum in Bonn sprechen davon, dass Israel die von ihm völkerrechtswidrig besetzten Gebiete und auch den abgeriegelten Gazastreifen nicht mit Impfstoff versorgt, und nennen das „Gesundheitsapartheid“. Als Besatzungsmacht sei Israel zur Gleichbehandlung mit der eigenen Bevölkerung verpflichtet.
Hat das Auswärtige Amt Kenntnis davon, und gedenkt es als Impfstoffherkunftsland und gegebenenfalls im Verein mit der EU entsprechend tätig zu werden?
Adebahr (AA): Ich persönlich habe von diesen konkreten Äußerungen der NGOs keine Kenntnis.
Was das Thema des Impfens anbelangt, habe ich im Kopf, dass Israel gerade gestern angekündigt hat, palästinensische Gefangene mitzuimpfen.
Zum Thema einer Zusammenarbeit zwischen Israel und der palästinensischen Seite beim Impfen hat sich der Außenminister schon geäußert. Alles, was einer Zusammenarbeit dort förderlich ist und auch im Rahmen von COVAX, der internationalen Impfinitiative, eine gerechte Verteilung fördert, begrüßen wir sehr. Wir rufen alle Staaten auf, sich zum Beispiel im Rahmen dieser internationalen Allianz daran zu beteiligen, dass Impfstoffe fair und schnell weltweit verteilt werden.
Der „Normalisierungsmarathon“ mit Israel
Mitte Dezember sandte das Forum folgendes Statement
„Natürlich sind die arabischen Staaten in ihrer Entscheidung frei, ihre Beziehungen zu Israel zu „normalisieren“. Aber was bedeutet hier „normalisieren“? Wann hatten die Emirate, Bahrain, der Sudan und Marokko überhaupt Probleme, gar Konflikte mit Israel, die nun einer Normalisierung der Beziehungen bedürften? Wohl noch nie.
Diese Staaten, Israel und der Verlierer der Präsidentschaftswahlen in den USA Trump können den formellen Akt der Aufnahme diplomatischer Beziehungen so euphorisch feiern, wie es ihnen lieb ist. Aber sie sollen und dürfen hier nicht von „Frieden“ oder „Friedensschluss“ sprechen, denn darüber müsste Israel ausschließlich mit der anderen Konfliktpartei eine Einigung erzielen, und diese heißt schlicht und ergreifend: Palästina.
Die von Israel und den vier genannten arabischen Staaten unter der Ägide Trumps/Kushners unternommene Aktion sollte man ehricherweise „Barter-Deals“ nennen, also Tauschgeschäfte. Als Gegenleistung im Fall der Emirate und Bahrains versprachen die USA und Israel, militärischen Beistand gegen eine vermeintliche iranische Gefahr zu leisten. Das sudanesische Militär (die Regierung ist hier angeblich außen vor!) erhielt die Zusage, dass dieser Staat dann von der Liste der sog. Terrorstaaten gestrichen wird. Marokko schließlich bekommt von den USA als Gegenleistung die langersehnte Anerkennung seiner Souveränität über die Westsahara. Mehrerer Staaten, unter ihnen Deutschland, verurteilten zu recht diese Entscheidung, die im Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht der Völker steht.
Und was ist mit dem eigentlichen Israel/Palästina-Konflikt? Er bleibt von solchen Barter-Deals völlig unberührt. Also bleibt eine Lösung des Kernkonflikts nach wie vor in weiter Ferne. „
Lateinischer Patriarch von Jerusalem, auf schwieriger Mission in Bethlehem.
Von Peter Münch Süddeutsche Zeitung, Weihnachtsausgabe 2020
Eine Botschaft aus Bethlehem zum Fest der Hoffnung - kaum jemals dürfte die Welt darauf so sehr gewartet haben wie zur Corona-Weihnacht 2020. Auf Pierbattista Pizzaballa, der als Lateinischer Patriarch von Jerusalem traditionell die in alle Welt übertragene Mitternachtsmesse am Geburtsort Jesu zu feiern hat, dürfte also einiger Erwartungsdruck gelastet haben: Wie kann man den Menschen Mut machen in der pandemischen Tristesse? Doch während des Brütens über diesen Fragen hat sich der Erzbischof selbst das Virus eingefangen. Termine wurden gestrichen, Ruhe war nötig - und am Ende hat er sich gerade wieder aufgerappelt, um die Christmette zu halten.
So sind also dieses Jahr auch in Bethlehem die Krippe und Corona aufs Engste verflochten. Wo ansonsten Weihnachten eher nach Art des rheinischen Karnevals gefeiert wird, ist es nun ein stilles Fest mit vielen Restriktionen, reduziert "auf ein unverzichtbares Minimum", wie es der Patriarch in seiner vorab verbreiteten Weihnachtsbotschaft ausdrückt.
Für Pizzaballa ist es zwar nicht die erste Mitternachtsmesse, die er in Bethlehem feiert, aber die erste in der Rolle des Lateinischen Patriarchen. Am 4. Dezember erst war der 55-jährige Franziskanermönch in der Jerusalemer Grabeskirche in dieses Amt eingeführt worden, das seinen Ursprung in der Kreuzritterzeit hat und 1874 von Papst Pius IX. wiederbelebt wurde.
Es ist ein Posten, der auch in virenfreien Zeiten zu den kompliziertesten im katholischen Kosmos zählen dürfte. Denn zum einen ist der Jerusalemer Patriarch Oberhaupt einer zerklüfteten Ortskirche mit 71 Gemeinden und rund 320 000 Gläubigen in Israel, den Palästinensergebieten, Jordanien und Zypern. Deren Interessen bis hin zu den konfliktträchtigen politischen Fragen muss er vertreten. Zum anderen repräsentiert er in Jerusalem auch die Weltkirche, schließlich kommen in normalen Zeiten jährlich Millionen Pilger ins Heilige Land.
Spannungen sind da unausweichlich, und genau deshalb hat Papst Franziskus diese Aufgabe wohl in die Hände des sehr sachlichen, sehr effizienten und sehr integren Norditalieners gelegt. 30 Jahre Jerusalem-Erfahrung bringt er mit, zwölf Jahre davon wachte er als Kustos der Franziskaner über die Heiligen Stätten. Die vergangenen vier Jahre hat er das Lateinische Patriarchat schon übergangsweise als Apostolischer Administrator geleitet und dabei erfolgreich einen enormen Schuldenberg abgebaut.
Doch Pizzaballa selbst hatte durchblicken lassen, dass er gern in die italienische Heimat zurückkehren würde. Seine Ernennung war deshalb wohl auch eine Überraschung für ihn selbst, und seine Reaktion war mehr als nur berufstypische Demut: Das neue Amt, so sagte er, erfülle ihn "mit Gefühlen der Angst angesichts einer Mission, die meine Kompetenzen übersteigt".
Tatsächlich ist er nicht überall mit offenen Armen empfangen worden. Er ist der siebte Italiener auf diesem Posten, doch seine beiden unmittelbaren Vorgänger kamen aus der Region, der eine aus den Palästinensergebieten, der andere aus Jordanien. Dass nun kein arabischer Christ zum Zuge kam, kritisierten manche gar als "religiösen Kolonialismus". Pizzaballa wurde vorgeworfen, dass er zwar Italienisch, Englisch und hervorragendes Hebräisch, aber kein Arabisch spreche wie das Gros seiner Gemeinde. "Ich bin kein Einheimischer, aber auch kein Fremder", sagte er dazu - und stürzte sich verstärkt ins Arabisch-Studium.
Trump ist Geschichte- und Palästina?
Auch Menschen mit einer eher unsentimentalen Veranlagung reagierten euphorisch auf die Abwahl Trumps. Es hat sie gleichzeitig nicht überrascht, dass er wie ein störrisches Kind, ein schlechter Verlierer auf seine Niederlage reagierte. Es war nicht nur den Fachleuten bekannt, dass er nie ein Anhänger der „liberalen“ Demokratie war (und ist). Am liebsten würde er einem Staat vorstehen, dessen Regierungssystem irgendwo in der Mitte zwischen völlig unterschiedlichen Polen liegt, etwa zwischen Nordkorea und der Schweiz: formal demokratisch, bloß aber nicht mit einer unabhängigen Justiz. Wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, hätte er kritische Medien am liebsten nicht nur verbal gegängelt und als fake News bezeichnet. Er hätte auch jegliche kritische Berichterstattung unter Androhung strafrechtlicher Maßnahmen verboten. Das alles kann er jetzt nicht mehr tun, aber seine Weigerung, den Sieg Joe Bidens anzuerkennen, spricht dafür, dass ihm ein integrer Charakter offensichtlich schon immer fehlte. Man muss daher darüber erleichtert sein, dass er nicht für weitere destruktive und abstruse vier Jahre gewählt worden ist.
Außenpolitisch ist Trumps Bilanz desaströs. Viele Fragen werfen sich auf. Ist für ihn die EU, insbesondere Deutschland, wo seine Vorfahren herkommen, ein eher befreundetes oder doch feindliches Land? Was fasziniert Trump an einem blutigen Diktator namens Kim Jong-un? Würde für ihn ein Austritt der USA aus der NATO eine Option werden? Ist sein abgrundtiefer Hass gegen Iran in erster Linie seiner Loyalität gegenüber Israel und der Rücksichtnahme auf finanzstarke, immer nach modernsten und teuren US-Waffen schielende Staaten wie Saudi-Arabien und die Golfstaaten geschuldet? Trump trat aus dem Atomabkommen mit Iran aus, bestand auf die Verhängung schärfster Sanktionen gegen dieses Land, die auch und gerade die leidgeprüfte Zivilbevölkerung hart treffen und verlangte von den anderen Unterzeichnern dieses Abkommens wie Russland, China, Frankreich und Deutschland ihm bedingungslos zu folgen, ohne auch nur andeutungsweise eine realistische Alternative zum bestehenden Abkommen anzubieten. Dieser destruktive Starrsinn wird vom US-Psychiater Otto Kernberg zurecht als Indiz für einen bestehenden „zwanghaften Narzissmus“ angesehen.
Auch in der Palästinafrage war der Kurs von Trump einseitig und destruktiv. Es ist zwar hinlänglich bekannt, dass das uneingeschränkte Bekenntnis zu Israel zur DNA eines jeden US-amerikanischen Präsidenten gehört. Jimmy Carter hat erst nach Amtsverlust harsche Kritik an der Besatzungs- und Siedlungspolitik Israel ausgeübt. Darauf reagierten Israel und der Jewish Congress weltweit herablassend und hasserfüllt. Trumps pro-israelische Linie sprengt allerdings den normalen Rahmen der Einseitigkeit und grenzt im Vergleich zu seinen Vorgängern an Obsession und Verblendung. Man könnte ihn im politisch-opportunistischen, nicht jedoch im religiösen Sinne als einen evangelikalen bzw. christlichen Zionisten bezeichnen. Diese überbordende Affinität zu Israel hat bei ihm zwei Hintergründe. Erstens begünstigt der Mainstream nicht nur in den USA diese politische Ausrichtung. Auch Obama, dessen Ablehnung der israelischen Siedlungspolitik und persönliche Abneigung gegen Netanjahu hinlänglich bekannt waren, ließ Israel letztlich immer gewähren und erfüllte wie alle Vorgänger fast uneingeschränkt dessen militärischen und finanziellen Wünsche. Zweitens wusste Trump sehr genau, dass die verbündeten Scheichtümer auf der arabischen Halbinsel seine Israelpolitik bedenkenlos zu akzeptieren haben, da sie sich trotz ihrer immensen Erdöl-Reichtümer in einer deutlich schwächeren Position als die USA befinden. Sie sind fest davon überzeugt, dass nur die USA für Sicherheit und Fortbestand ihrer Herrscherhäuser aufkommen könnten. Es gehörte bislang nie zu den strategischen Stärken dieser dynastisch-konservativ regierten Staaten und Ministaatsgebilde, nach alternativen Verteidigungskonzepten Ausschau zu halten, da ein Strategiewechsel in ihren Augen mehr Risiken bergen würde als Chancen. In diesen militärisch und sicherheitspolitisch „schutzbedürftigen“ Scheichtümern ist der Anteil einheimischer, also autochthoner Bevölkerung, schwindend klein. Der Politikwissenschaftler Shafiq Al Ghabra von der Universität Kuwait spricht im Falle der Emirate und Katar von nur 12 % der Gesamtbevölkerung. Surreal ist mithin die Tatsache, dass die Emirate, die sich nicht nur im Jemen und Libyen politisch und militärisch wie eine große Regionalmacht gebärdet, dies fast ausschließlich mit Hilfe eines großen Heers von ausländischen Söldnern tun.
Drei Kernpunkte sind hinsichtlich Trumps Palästina-Israel-Politik entscheidend:
- Das Trio Trump/Netanjahu/Kushner glaubte mit Chuzpe (Netanjahu) und intellektueller Unterbelichtung (Trump /Kushner) zu wissen, dass der Landraub palästinensischen Grunds bzw. die Annexion weiter Teile der palästinensischen Gebiete ein „legitimer“, gar ein Friedens-Akt sei. Parallel dazu „normalisierten“ die drei Staaten Emirate, Bahrain und der Sudan ihrer Beziehungen zu Israel. Das sind arabische Staaten, die im Rahmen des Nahostkonflikts jedoch gar keine Rolle spielten und somit für Fragen von Krieg und Frieden dort völlig irrelevant waren und sind. Eine relevante „Normalisierung“ kann nur mit den Palästinensern erfolgen.
- Begünstigt wurde Trumps Politik indirekt durch die Existenz einer palästinensischen Doppelführung in der Westbank und im Gazastreifen, welche aus purer Klientel-Interessenpolitik entstand und sich ohne politische Legitimation an die Mach hält.
- Schließlich wurde Trumps Nahostpolitik auch durch ein gesamtarabisches Krisenmanagement gefördert, das sich einer honigsüßen Rhetorik bedient, die jedoch mit einer substanzlosen Agenda in der Außen- und Sicherheitspolitik einherging. Die Folge war, dass es der Arabischen Liga bisher so gut wie nie gelungen ist, nachhaltig und wirkungsvoll interne oder externe Konflikte einzudämmen.
Kann man mit Biden Hoffnungen für Palästina empfinden? Nüchtern betrachtet gibt es zunächst wenig begründete Hoffnung, zumal die Priorität in der innenpolitischen Arbeit wie der Bewältigung der Pandemie und der innergesellschaftlichen Spaltung liegen wird. Dennoch wird der Ansatz Bidens im Palästina-Israel-Konflikt, wenn auch nur in Nuancen, anders bzw. ausgewogener sein als bei Trump. Die (gespaltene) palästinensische Führung ist gefordert, klare Agenda auf den Tisch zu legen. Denn auch so gut begründetes Empörungspotential hilft uns nicht weiter, solange es nicht mit konkreten Initiativen und mutigen Projekten begleitet wird. Eher kommt hier eine Unterstützung von der EU, der Türkei und Iran als von der arabischen Welt selbst oder den USA. Dennoch könnte der Sieg Bidens neue Perspektiven schaffen, die man von palästinensischer Seite klug und gut durchdacht nutzen sollte. Eines ist allerdings sicher: Ohne einen nachhaltigen Druck auf die rechtslastige israelische Regierung würde man sich weiterhin im Kreise drehen.
Aref Hajjaj
Lateinischer Patriarch von Jerusalem, auf schwieriger Mission in Bethlehem.
Von Peter Münch Süddeutsche Zeitung, Weihnachtsausgabe 2020
Eine Botschaft aus Bethlehem zum Fest der Hoffnung - kaum jemals dürfte die Welt darauf so sehr gewartet haben wie zur Corona-Weihnacht 2020. Auf Pierbattista Pizzaballa, der als Lateinischer Patriarch von Jerusalem traditionell die in alle Welt übertragene Mitternachtsmesse am Geburtsort Jesu zu feiern hat, dürfte also einiger Erwartungsdruck gelastet haben: Wie kann man den Menschen Mut machen in der pandemischen Tristesse? Doch während des Brütens über diesen Fragen hat sich der Erzbischof selbst das Virus eingefangen. Termine wurden gestrichen, Ruhe war nötig - und am Ende hat er sich gerade wieder aufgerappelt, um die Christmette zu halten.
So sind also dieses Jahr auch in Bethlehem die Krippe und Corona aufs Engste verflochten. Wo ansonsten Weihnachten eher nach Art des rheinischen Karnevals gefeiert wird, ist es nun ein stilles Fest mit vielen Restriktionen, reduziert "auf ein unverzichtbares Minimum", wie es der Patriarch in seiner vorab verbreiteten Weihnachtsbotschaft ausdrückt.
Für Pizzaballa ist es zwar nicht die erste Mitternachtsmesse, die er in Bethlehem feiert, aber die erste in der Rolle des Lateinischen Patriarchen. Am 4. Dezember erst war der 55-jährige Franziskanermönch in der Jerusalemer Grabeskirche in dieses Amt eingeführt worden, das seinen Ursprung in der Kreuzritterzeit hat und 1874 von Papst Pius IX. wiederbelebt wurde.
Es ist ein Posten, der auch in virenfreien Zeiten zu den kompliziertesten im katholischen Kosmos zählen dürfte. Denn zum einen ist der Jerusalemer Patriarch Oberhaupt einer zerklüfteten Ortskirche mit 71 Gemeinden und rund 320 000 Gläubigen in Israel, den Palästinensergebieten, Jordanien und Zypern. Deren Interessen bis hin zu den konfliktträchtigen politischen Fragen muss er vertreten. Zum anderen repräsentiert er in Jerusalem auch die Weltkirche, schließlich kommen in normalen Zeiten jährlich Millionen Pilger ins Heilige Land.
Spannungen sind da unausweichlich, und genau deshalb hat Papst Franziskus diese Aufgabe wohl in die Hände des sehr sachlichen, sehr effizienten und sehr integren Norditalieners gelegt. 30 Jahre Jerusalem-Erfahrung bringt er mit, zwölf Jahre davon wachte er als Kustos der Franziskaner über die Heiligen Stätten. Die vergangenen vier Jahre hat er das Lateinische Patriarchat schon übergangsweise als Apostolischer Administrator geleitet und dabei erfolgreich einen enormen Schuldenberg abgebaut.
Doch Pizzaballa selbst hatte durchblicken lassen, dass er gern in die italienische Heimat zurückkehren würde. Seine Ernennung war deshalb wohl auch eine Überraschung für ihn selbst, und seine Reaktion war mehr als nur berufstypische Demut: Das neue Amt, so sagte er, erfülle ihn "mit Gefühlen der Angst angesichts einer Mission, die meine Kompetenzen übersteigt".
Tatsächlich ist er nicht überall mit offenen Armen empfangen worden. Er ist der siebte Italiener auf diesem Posten, doch seine beiden unmittelbaren Vorgänger kamen aus der Region, der eine aus den Palästinensergebieten, der andere aus Jordanien. Dass nun kein arabischer Christ zum Zuge kam, kritisierten manche gar als "religiösen Kolonialismus". Pizzaballa wurde vorgeworfen, dass er zwar Italienisch, Englisch und hervorragendes Hebräisch, aber kein Arabisch spreche wie das Gros seiner Gemeinde. "Ich bin kein Einheimischer, aber auch kein Fremder", sagte er dazu - und stürzte sich verstärkt ins Arabisch-Studium.
Zwei Dokumentarfilme bei arte: Gaza und Syrien
Auf arte waren am 22. September zwei Dokumentarfilme zu sehen, die kaum unterschiedlicher hätten sein können: ein Film unter dem Titel „Der syrische Patient“ und eine weitere Doku über die Klage palästinensischer und französischer Menschenrechtler gegen die französische Rüstungsindustrie wegen der Lieferung von Spezialraketen an Israel. Diese Raketen wurden von der israelischen Luftwaffe gegen Zivilisten in Gaza eingesetzt. Drei kleine Geschwister, die aufs Dach ihres Hauses hinaufgingen, um Vögel zu füttern, wurden von einer solchen Rakete tödlich getroffen. Die Gaza-Doku zeigt das hässliche Gesicht Israels, das trotz aller Genfer Kriegskonventionen gnadenlos gegen unbeteiligte und unbewaffnete Zivilisten vorgeht.
Die französische Doku „Der syrische Patient“ zeigt wiederum Syrer, die infolge des Krieges in ihrem Heimatland schwerverletzt wurden und von Israel die Erlaubnis erhielten, sich in nordisraelischen Krankenhäusern behandeln zu lassen. Es geht dabei um eine geringe, mehr oder weniger symbolische Anzahl syrischer Kriegsverletzter. Und man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Rettungsmaßnahmen als gelungene PR-Aktion Israels zu betrachten, die den angeschlagenen Ruf der militärisch dominierten Gesellschaft Israels aufbessern sollte, wobei man dem medizinischen Personal nicht generell unterstellen sollte, sich von der Militär- und Propagandamaschinerie dieses Staates einspannen zu lassen. Dieses Personal besteht übrigens auch aus israelischen Palästinensern.
Es ist beschämend für die arabische Welt, vornehmlich für diejenigen Staaten, die zwar Waffen und Söldner ins syrische Kriegsgebiet sandten, jedoch so gut wie nichts taten, um das Leid der Zivilbevölkerung zu lindern. Während arme arabische Staaten wie Jordanien und Libanon Millionen von syrischen Flüchtlingen aufnahmen, weigerten sich die reichen Staaten der arabischen Halbinsel wie Saudi-Arabien, die Emirate, Kuwait und Katar, außer einigen wenigen gutsituierten Syrern „normale“ Flüchtlinge ins Land zu lassen.
Beschämend ist übrigens auch, dass unter der palästinensischen “Doppelführung“ in Ramallah und Gaza-Stadt trotz der Eskalation der Lage der Wille zur Überwindung der Spaltung im Ansatz fehlt. Die Palästinenser haben es verdient, eine bessere, geeinte und verantwortungsvollere Führung zu haben. Die zerstrittene Führung hätte auf die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und einigen Golfstaaten damit argumentieren sollen, dass der Kernkonflikt wohl die Palästinenser betrifft und keinesfalls diese Golfstaaten, die noch nie eine militärische Auseinandersetzung mit Israel hatten. Was soll also dieser nach Wirtschaftsinteressen schielende sogenannter Friedensschluss? Als Reaktion darauf begnügte sich Präsident Abbas damit, Tränen der Enttäuschung und Empörung zu vergießen, was mit einem strategischen Konzept wenig zu tun hat.
BDS-Buch im Propagandastil (DLF)
Im Januar sandte Dr. Aref Hajjaj folgenden Brief an den Deutschlandfunk DLF wegen der völlig kritiklosen Rezension eines im Propagandastil geschriebenen Buches gegen BDS:
„Sehr geehrte Redaktion,
man muss kein glühender Anhänger der BDS-Bewegung sein, um voller Verwunderung und Empörung über Ihre Sendung „Andruck“ vom 4.1.2021 zu sein (https://www.deutschlandfunk.de/antisemitismus-alex-feuerherdt-und-florian-markl-beleuchten.1310.de.html?dram:article_id=490243).
Dort rezensierte Frau Ina Rottscheidt das Buch von Alex Feuerherdt und Florian Markl: „Die Israel-Boykottbewegung. Alter Hass in neuem Gewand“ , das sich eben mit diesem Thema befasst. Leider muss man aber konstatieren, dass hier der Begriff „Rezension“ völlig fehl am Platze ist, denn Frau Rottscheidt übernimmt kritiklos die pauschalen, vereinfachenden und zum größten Teil falschen Thesen der Autoren, die sich in wenigen Worten wie folgt zusammenfassen lassen: Die BDS-Bewegung stelle die Existenz des Staates Israel infrage und sei daher antisemitisch. Frau Rottscheidt hinterfragt weder die Aggression und Dilettantismus beladenen Thesen der Autoren noch zeigt sie Bereitschaft wahrzunehmen, dass die Entstehung dieser Bewegung letztlich der völkerrechtswidrigen Besatzung- und Siedlungspolitik des Staates Israel geschuldet ist. Auch scheinen die Autoren und die „Rezensentin“ noch nicht bemerkt zu haben, dass eine Reihe renommierter jüdischer und nichtjüdischer Kulturschaffende sich längst, worüber auch der DLF bereits berichtet hat, gegen die verunglimpfende Identifizierung der BDS-Bewegung mit Antisemitismus und Faschismus vehement wandte.
Meiner Wahrnehmung nach ist die Berichterstattung aus Ihrem Sender in aller Regel objektiv, moderat und alles andere als einseitig. Umso befremdlich ist es, dass Sie diese Sendung ohne die notwendige kritisch hinterfragende Begleitung einfach so gesendet haben.
Ich bin gerne bereit, Gast einer Ihrer Sendungen zu sein, und zwar mit dem Ziel, einmal die andere Sicht der Dinge darzustellen, wobei ich dann sicherlich bemüht sein würde, objektiv und den Fakten entsprechend zu argumentieren."
Hanan Ashrawis offener Brief an Scheich Mohammad bin Zayed
Die palästinensische Politikerin Hanan Ashrawi wandte sich im August 2020 in einem offenen Brief eindringlich und eindrucksvoll an den De facto-Herrscher von Abu Dhabi (VAE), Scheich Mohammad bin Zayed, mit der Botschaft, er möge sich „nur für kurze Zeit“ in die Lage der unter Besetzung und Blockade leidenden Palästinenser in der Westbank und im Gazastreifen hineinversetzen. Dieser hat unter starkem Druck der Trump-Administration und in der Annahme, Iran und nicht Israel sei der „wahre“ Feind der arabischen Sache volle diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen.
Hanan Ashrawi wünscht ihm zunächst, er möge nie wie die Palästinenser Opfer von Landraub, Okkupation, Abriss des eigenen Hauses, Tötung von Angehörigen oder von Verrat durch eigene „Freunde“ sein. Sie nimmt dann Scheich Mohammad bin Zayed auf einer virtuellen Reise in die palästinensischen Gebiete mit. Dabei betont sie, wie hart für die Palästinenser der Verlust ihrer am Mittelmeer gelegenen, schönen, fruchtbaren und an geschichtsträchtigen Heiligtümern signifikant reichen Heimat gewesen sei.
Ashrawi berichtet über das Leid der Palästinenser unter der israelischen Besetzung und hebt u.a. hervor, dass 66 unter ihnen zu Tode gekommenen Widerstandskämpfer erst Monate später ihren Angehörigen in einer Nebel- und Nachtaktion mit der Auflage übergeben würden, die Toten müssten sofort und ohne jegliche Trauerfeier bestattet werden. Sie fragt den Scheich, ob er wisse, dass Palästinenser, deren Häuser von der Besatzungsmacht abgerissen werden sollen, gezwungen werden, selbst und auf eigene Kosten dies zu machen. Ob er davon wisse, wie jüdische Siedler auf palästinensischem Grund die Olivenernte so beschlagnehmen, als würde sie ihnen einfach gehören. Dann, sadistisch wie die Siedler oft seien, würden sie die Olivenbäume niederbrennen und grundlos eine verbrannte Erde hinterlassen. Ob der Scheich wisse, dass Kinder unter 16 Jahren von Militärgerichten geahndet und verurteilet werden. Ashrawi erinnert den Scheich in diesem Zusammenhang daran, dass die [nun von ihm im Stich gelassenen] Palästinenser immerhin die gleiche Kultur, Sprache und Religion mit ihm teilen und für den Ausbau und die Entwicklung seines Landes (Emirate) einen maßgeblichen Beitrag leisteten.
Zur Lage in Gaza berichtet sie von den dramatischen Folgen der Blockadepolitik nicht nur durch Israel, sondern auch durch den ägyptischen Präsidenten Sissi, der mit Hilfe gerade der Vereinigten Arabischen Emirate sich an die Macht habe putschen können. 86 % der Kinder in Gaza würden unter der Armutsgrenze leben. Die gesamte Lage der Bevölkerung dort sei in den Sektoren Ernährung, Gesundheit und Arbeitsmarkt durch Elend und Verzweiflung gekennzeichnet. Infolge dessen habe die Selbstmordrate in Gaza eine nie gekannte Rekordhöhe erreicht. Durch das Coronavirus sei die Lage in Gaza noch katastrophaler geworden.
Ashrawi beklagt den Umstand, dass während das Leid der Palästinenser unter der israelischen Unterdrückungspolitik wachse, der Scheich von Abu Dhabi samt Gefolgschaft mit Israel Gesten und Handlungen der Zuneigung und Freundschaft austausche.
Ashrawi bilanziert außerdem die infolge der Okkupation immer schlechter werdende Lage der Bevölkerung auch in der Westbank wie Tötung von Zivilisten, das Fällen tausender von u.a. Olivenbäumen und das tagtägliche Schikanieren der Zivilbevölkerung. Sie beklagt außerdem die Tatsache, dass jüdische Siedler und sonstige Extremisten trotz bestehender Verträge in die Al Aqsa-Moschee regelmäßig hineinstürmen würden, getragen von der Absicht, dort den vermeintlich „historischen“ jüdischen Tempel aufzubauen. Ashrawi verweist in diesem Zusammenhang auf die Drahtzieher dieser eklatanten Verschwörung, nämlich die sog. christlichen Zionisten, die von Trump maßgeblich unterstützt werden.
Aref Hajjaj, Bonn
Arte-Dokumentarfilme über Gaza
Auf arte waren am 22. September zwei Dokumentarfilme zu sehen, die kaum unterschiedlicher hätten sein können: ein Film unter dem Titel „Der syrische Patient“ und eine weitere Doku über die Klage palästinensischer und französischer Menschenrechtler gegen die französische Rüstungsindustrie wegen der Lieferung von Spezialraketen an Israel. Diese Raketen wurden von der israelischen Luftwaffe gegen Zivilisten in Gaza eingesetzt. Drei kleine Geschwister, die aufs Dach ihres Hauses hinaufgingen, um Vögel zu füttern, wurden von einer solchen Rakete tödlich getroffen. Die Gaza-Doku zeigt das hässliche Gesicht Israels, das trotz aller Genfer Kriegskonventionen gnadenlos gegen unbeteiligte und unbewaffnete Zivilisten vorgeht.
Die französische Doku „Der syrische Patient“ zeigt wiederum Syrer, die infolge des Krieges in ihrem Heimatland schwerverletzt wurden und von Israel die Erlaubnis erhielten, sich in nordisraelischen Krankenhäusern behandeln zu lassen. Es geht dabei um eine geringe, mehr oder weniger symbolische Anzahl syrischer Kriegsverletzter. Und man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Rettungsmaßnahmen als gelungene PR-Aktion Israels zu betrachten, die den angeschlagenen Ruf der militärisch dominierten Gesellschaft Israels aufbessern sollte, wobei man dem medizinischen Personal nicht generell unterstellen sollte, sich von der Militär- und Propagandamaschinerie dieses Staates einspannen zu lassen. Dieses Personal besteht übrigens auch aus israelischen Palästinensern.
Es ist beschämend für die arabische Welt, vornehmlich für diejenigen Staaten, die zwar Waffen und Söldner ins syrische Kriegsgebiet sandten, jedoch so gut wie nichts taten, um das Leid der Zivilbevölkerung zu lindern. Während arme arabische Staaten wie Jordanien und Libanon Millionen von syrischen Flüchtlingen aufnahmen, weigerten sich die reichen Staaten der arabischen Halbinsel wie Saudi-Arabien, die Emirate, Kuwait und Katar, außer einigen wenigen gutsituierten Syrern „normale“ Flüchtlinge ins Land zu lassen.
Beschämend ist übrigens auch, dass unter der palästinensischen “Doppelführung“ in Ramallah und Gaza-Stadt trotz der Eskalation der Lage der Wille zur Überwindung der Spaltung im Ansatz fehlt. Die Palästinenser haben es verdient, eine bessere, geeinte und verantwortungsvollere Führung zu haben. Die zerstrittene Führung hätte auf die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und einigen Golfstaaten damit argumentieren sollen, dass der Kernkonflikt wohl die Palästinenser betrifft und keinesfalls diese Golfstaaten, die noch nie eine militärische Auseinandersetzung mit Israel hatten. Was soll also dieser nach Wirtschaftsinteressen schielende sogenannter Friedensschluss? Als Reaktion darauf begnügte sich Präsident Abbas damit, Tränen der Enttäuschung und Empörung zu vergießen, was mit einem strategischen Konzept wenig zu tun hat.
Die Emirate und die „Normalisierung“ mit Israel
Liebe Mitglieder und Freunde des Palästina-Forums,
oft wird der Begriff „historisch“ überstrapaziert verwendet. Auch jetzt heißt es wieder in den Medien, die bevorstehende Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel sei ein „historischer“ Schritt. Manche meinen sogar, dies sei ein Schritt, der den Friedensprozess zwischen Israel und Palästina befeuere. Eine solche Schlussfolgerung ist falsch und irreführend.
Mohammad bin Zayed, der Herrscher von Abu Dhabi und der gesamten Union VAE meint zum Deal, den er mit Trumps Schwiegersohn und Chefberater Kushner eingefädelt hat, dieser verpflichte Israel, seine neuerlichen Annexionspläne in der Westbank nicht umzusetzen. Dass diese Aussage dreist und naiv zugleich ist, beweist Netanjahus promptes Feedback, diese Pläne würden keineswegs zu den Akten gelegt, sondern lediglich, und dies in Abstimmung mit Trump, „verschoben“.
Mohammad bin Zayed und die ihm hinsichtlich dieser Entscheidung möglicherweise bald nachfolgen werden aus dem Kreis der Golfstaaten (vermutlich Oman, Bahrain und etwas später Saudi-Arabien, nicht jedoch Kuwait und Katar) wissen ganz genau, dass diese Maßnahme einem gerechten, umfassenden und fairen Friedensprozess zwischen Israel und Palästina mitnichten dienen kann oder soll. Hier geht es einzig und allein um eine bereits bestehende robuste Allianz zwischen Israel und den meisten arabischen Golfstaaten (GCC), deren einzige „strategische“ Grundlage die Bekämpfung Irans ist. Unbestritten ist zwar, dass nicht nur Israel, sondern ebenfalls Iran ein schwieriger regionaler und weltpolitischer Akteur ist. Dass diese Allianz allerdings die völlige Aufgabe jeglicher politischer und moralischer Verpflichtung gegenüber den Rechten der Palästinenser miteinschließt, zeugt von Dreistigkeit und fehlender politischer Perspektive. Übrigens: Der verstorbene Vater des Herrschers von Abu Dhabi, Scheich Zayed Al-Nahyan, würde heute die sprunghafte und unberechenbare Politik seines Sohnes im Jemen, in Syrien, Palästina und Libyen scharf verurteilen. Gegenüber dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte er vor einigen Jahrzehnten, er würde mit Israel sofort völlige normale diplomatische Beziehungen unter der Voraussetzung unterhalten, dass dieser Schritt mit der völligen Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Palästinenser durch Israel einhergehe. Der Sohn und enger Freund von Trump und Kushner hat wohl ganz andere Prioritäten.
Viele Grüße,
Aref Hajjaj
Buch von Omri Boehm über den gemeinsamen Staat:
Gerne machen wir Sie auf das interessante Buch des israelischen Philosophen Omri Boehm aufmerksam [ttt/ARD]: Nur ein gemeinsamer israelisch-palästinensischer Staat kann die Lösung sein, und zwar auf der Basis gleichberechtigter Bürger beider Völker.
Omri Boehms / - ttt – titel, thesen, temperamente - ARD | Das Erste
https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/videosextern/omri-boehms-streitschrift-israel-eine-utopie-100.html
Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Felix Klein:
eine Fehlbesetzung
Der Spiegel berichtet in seiner Ausgabe vom 6. Juni 2020 über den umstrittenen Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung Felix Klein.
Die Aussage Kleins, der afrikanische Historiker Achille Mbembe relativiere den Holocaust ist völlig unbegründet und führte daher zu heftigen Reaktionen auf deutscher, europäischer und internationaler Ebene. Viele afrikanische Intellektuelle werfen ihm in diesem Zusammenhang sogar vor, rassistisch zu argumentieren.
Klein scheint eine Fehlbesetzung für diese Aufgabe zu sein, schon allein weil ihm die theoretische Basis fehlt. Außerdem ist er vom vorauseilendem Gehorsam gegenüber Israel und dem Israel-Lobby getrieben. Seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen über den Antisemitismus erinnern stark an das populistische Denkmuster der sog. Antideutschen, für die jede, auch so milde Kritik an der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik schlicht „antisemitisch“ sei.
All das beweist, dass die lautstarke Forderung nach Entlassung von Klein absolut berechtigt ist. Zu den prominenten Kritikern gehören Eva Illouz, Susan Neiman und Micha Brumlik.
Annektierung palästinensischer Gebiete durch Israel
15. Mai 2020
Israel und sein Hauptverbündeter USA machen ernst mit dem sog. Jahrhundertplan für den Nahen Osten. Konkret geht es um die Annexion größerer Gebiete der Westbank durch die israelische Besatzungsmacht: Ostjerusalem, die jüdischen Siedlungen und das Jordantal entlang der Grenze zwischen der Westbank und Jordanien. Das bedeutet auch, dass die sog. Zone C, die dem israelischen Militärrecht untersteht, bald ebenfalls gänzlich annektiert wird. Den Palästinensern bliebe dann ein winziges, einige wenige Städte und Dörfer umfassendes Gebiet, das einem lebensunfähigen „Operettenstaat“ vergleichbar wäre.
Diese völkerrechtswidrige Entwicklung ist empörend und verurteilungswert. Sie erstickt jeglichen, auch so einen kleinen Friedensansatz im Keim. Notwendig sind daher konkrete Antworten und Maßnahmen. Auch und gerade die EU ist hier gefordert, Farbe zu bekennen. Einige wenige Mitgliedsstaaten wie Schweden reden Klartext und fordern unverblümt, Sanktionen gegen Israel zu verhängen. Die meisten anderen Mitglieder, allen voran Deutschland, lehnen hingegen Sanktionen ab und schlagen stattdessen, „Gespräche“ zu führen. Hier fragt man sich: Was müsste Israel in Sachen Völkerrechtsverletzung noch Schlimmeres tun, damit Deutschland sich im Grundsatz bereit erklären würde, konkrete Schritte gegen die israelische Besatzungspolitik zumindest „in Erwägung zu ziehen“?
Einige kluge jüdische Aktivisten sind der völligen Überzeugung, dass Deutschland nicht trotz, sondern gerade wegen des in seinem Namen begangenen Verbrechens gegen die Juden prädestiniert sei, mit Israel offen zu reden und im konkreten Fall harte Maßnahmen zu ergreifen. Im moralischen Kontext sollte nie mit zweierlei Maß gemessen werden.
Die FAZ veröffentlichte im Januar 2020 folgende Zuschrift von Aref Hajjaj:
„Sie sprechen mit Recht vom „gesichtswahrenden Vergeltungsschlag“ und davon, dass trotzdem „nicht alles gut“ sei. Ihre Hoffnung, dass die Rationalität zurückgehen möge, kann man allerdings beim besten Willen nicht teilen. Schon das Statement des US-Präsidenten Trump über die iranische Beschießung zweier amerikanischer Stützpunkte nährt trotz des überraschend moderat angeschlagenen Tons kaum die Hoffnung auf eine friedliche Perspektive. Für die Behauptung Trumps übrigens, Soleimani habe weitere Angriffe gegen Amerikaner geplant, liefert er keinerlei stichhaltigen Belege. Außerdem bekundet der amtierende irakische Ministerpräsident und durchaus erklärter Verbündeter Washingtons Abdulmahdi, Soleimani sei am Tag des Attentats mit ihm verabredet gewesen, um über eine irakische Vermittlung im Konflikt zwischen Teheran und Riad zu sondieren. Trump ist bisher wohl kaum als rational agierender Friedensstifter aufgefallen- die iranische Führung übrigens auch nicht. Was steht also hinter seiner zurückhaltenden Reaktion auf den iranischen Raketenbeschuss im Irak? Das laufende Impeachment-Verfahren spielt sicherlich eine Rolle. Andererseits befürchtet der Dealmaker Trump, dass ein erneuter US-Angriff zu heftigen Gegenreaktionen Irans und seiner Verbündeten in der Region (Hisbollah im Libanon und im Irak, der Houthi im Jemen)führen würde, was zur Folge gehabt hätte, dass eine weitere Eskalation Trump daran gehindert hätte, sich, wie er immer wieder seinen treuen Fans im Mittleren Westen versprochen hat, aus nahöstlichen Konflikten herauszuhalten. Das aber ist die einzige Konstante seiner Sicherheitspolitik, mit deren Hilfe er die nächsten Präsidentenwahlen zu gewinnen hofft.
Im Übrigen machte Trump im strategischen Kontext alle Fehler, die ein US-Präsident machen könnte. Das gilt auch und gerade für seinen Rückzug aus dem Atom-Abkommen mit Iran. Nun will er, und das bekräftigte er erneut in seinem Statement, über ein solches Abkommen neu verhandeln lassen. Wenn dieser Vorschlag zu einer erheblichen Deeskalation der Lage im Nahen Osten beitragen könnte, sollte man ihn nicht kategorisch zurückweisen. Dies umso mehr, als uns die Erfahrung im Falle anderer neu verhandelter Abkommen unter der Patronage Trumps (z.B. das Freihandelsabkommen NAFTA zwischen den USA, Mexiko und Kanada) lehren, dass es ihm nicht um substantielle Inhalte, sondern einzig um die pure Optik geht. Wenn dies der Entschärfung gefährlicher politischer und militärischer Konflikte dienen würde, sollte man diesem infantilen Egomanen diesen einen Gefallen tun. „
Sind Trump/Kushner/Netanjahu
wirkliche Friedensstifter?
Zum sog. Jahrhunderts-Friedensplan von Trump/Netanjahu/Kushner schrieb Hajjaj im Januar:
„Der große Zampano Donald Trump hat soeben im Weißen Haus seinen mit Spannung erwarteten „Jahrhunderts-Friedensplan“ verkündet. Das tat er in Anwesenheit des von ihm euphorisch hofierten israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu, der übrigens wie sein Bruder im Geiste Trump mit schwerwiegenden innenpolitischen Problemen zu kämpfen hat. Trump, der mit seiner Vorliebe für Superlative berühmt-berüchtigt ist, findet, wie natürlich Netanjahu auch, den „Deal“ groß- und einzigartig, vor allem „friedensstiftend“. Tatsache ist allerdings: Noch nie war eine US-Administration so eklatant einseitig proisraelisch wie die jetzige Administration, obwohl alle vergangenen US-Regierungen ausnahmslos dezidiert proisraelisch waren. Bestätigt werden in diesem Deal die Anerkennung Jerusalems als „ewige“ Hauptstadt Israels, die Annexion also Gesamtjerusalems und der Golanhöhen, die Anerkennung der völkerrechtswidrigen jüdischen Siedlungen als Teile des Staatsterritoriums Israels und , last but not least, die Einverleibung des gesamten Jordantals auf der Westbank in das israelische Territorium und und. Netanjahu deutete in seiner Dankesrede unmissverständlich an, dass ebenfalls andere palästinensische Städte und Dörfer wie etwa Hebron auf Grundlage der Bibel und des „Friedensplans“ Trump bald annektiert würden. Paradoxerweise bekannten sich beide gleichzeitig zum Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser einschließlich der Gründung eines eigenen Staates. Die relevante Frage, die aber völlig unbeantwortet blieb, muss allerdings lauten: Wo soll denn ein solcher palästinensischer Staat überhaupt entstehen?
Die Palästinenser können und werden diesem Plan nicht zustimmen. Möglichkeiten, ihm etwas Konkretes entgegenzusetzen, haben sie aber nicht. Dies umso mehr, als wichtige arabische Staaten wie die Emirate, Oman, Ägypten und Saudi-Arabien diesem Plan längst zugestimmt haben, weil für sie nicht die Lösung des Konflikts zwischen Israel und Palästina auf der Tagesordnung steht, sondern einzig die iranische „Gefahr“. Von der UNO, der EU, Russland und China wird man lediglich sanftes Empörungspotenzial vernehmen können, mehr aber nicht. Armes Palästina, arme Palästinenser.“
Aref Hajjaj, Entstehung und Entwicklung der palästinensischen Nationsbildung seit 1948
(veröffentlicht im Katalog der Jerusalem-Ausstellung, Berlin)
Jerusalem (arabisch: Al-Quds bzw. Beit al-Maqdis) wird zwar im Koran nicht expressis verbis erwähnt. Dennoch gilt die Stadt gemäß der islamischen Überlieferung als die drittheiligste Stätte des Islam nach Mekka und Medina, da sie die Al-Aksa-Moschee und den Felsendom beherbergt. Nach der Koran-Sure 17:1 soll der Prophet Muhammad zudem vom heiligen Schrein in Mekka zur namentlich nicht erwähnten Stadt Jerusalem geritten sein. Die Bedeutung Jerusalems für die palästinensischen Christen*innen bedarf keiner weiteren Erläuterung. Seit der Einnahme Jerusalems durch den Kalifen Omar im Jahr 638 bis zum Beginn der britischen Mandatszeit 1917 blieb es vorwiegend muslimisch-arabisch.1 Jerusalem nimmt im palästinensischen Bewusstsein traditionell einen wichtigen Platz im politischen Denken ein.
Nach dem Palästina-Krieg wurde 1948 der Staat Israel ausgerufen, das Westjordanland einschließlich Ost-Jerusalems fiel an Jordanien und der Gazastreifen an Ägypten. Während Ägypten das von ihm kontrollierte Gebiet interimistisch »verwaltete«, wurde das Westjordanland in das Staatsterritorium Jordaniens ein-verleibt.
Spätestens mit dem 1988 beginnenden israelischen »Historikerstreit«2 bekam der um die Staatsgründung aufgebaute Mythos, dass die Palästinenser*innen ihre angestammten Heimatorte »freiwillig« verlassen hätten, Risse. Tatsächlich waren militärische Unruhen und Spannungen der Grund dafür. Dazu schreibt der israelische Historiker Simcha Flapan: »In Wirklichkeit arbeiteten die politischen und militärischen Führer Israels auf diese Flucht hin, da ihrer Überzeugung nach die zionistische Besiedlung und die israelische Staatswerdung den ›Transfer‹ der arabischen Palästinenser in arabische Nachbarländer erforderlich machten.«3
Abu Iyad, bürgerlich Salah Khalaf (1933−1991), ein bedeutender Vertreter der PLO/ Fatah-Führung, beschreibt seine Vertreibung aus Jaffa so: »Der 13. Mai 1948 wird unauslöschlich in meiner Erinnerung bleiben. An jenem Tag, weniger als
24 Stunden vor der Proklamation des Staates Israel, floh meine Familie aus Jaffa, um in Gaza Zuflucht zu suchen […] Hunderttausende von Palästinensern machten sich unter oft tragischen Umständen auf den Weg ins Exil. Für mich […] kam die Flucht einer Apokalypse gleich.«4
Bereits in den 1920er Jahren brachen zahlreiche Erhebungen gegen das zio nistische Bestreben nach Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina aus. In den vom Mufti von Jerusalem, Haj Amin Al-Husseini, angeführten Aufständen von 1928/29 dominierte noch die religiös-islamische Mobilisierung. Nach 1936 wurde der Kampf politisch geprägt und es kam zu einer Reihe von weiteren Unruhen und Protestmärschen gegen die britische Besatzungsmacht und die zionistische Bewegung
1 EKD: Gelobtes Land? https://www.ekd.de/gelobtes_land.htm.
2 vgl. den Artikel von Avi Shlaim auf Seite 158.
3 Simcha Flapan, Die Geburt Israels, Frankfurt 2015, S. 22.
4 Abu Iyad, Heimat oder Tod, Düsseldorf / Wien 1979, S. 19.
Zerstrittene Führung, unzulänglicher Bildungsstand der palästinensischen Bevölkerung sowie der Mangel an Mobilität, Finanzkraft und militärischer Stärke waren für die flächendeckende Überlegenheit der jüdischen Seite maßgeblich. Viele Wortführer des Zionismus versuchten zudem, den politischen Widerstand der palästinensischen Bevölkerung als antisemitisch zu diskreditieren. Tatsächlich aber lebten Letztere mit den alteingesessenen sephardisch-palästinensischen jüdischen Gemeinden bis zum Erstarken des Zionismus in Frieden und »in harmonischer Gemeinschaft«.5 Selbst das ungeschickte Vorgehen des Muftis von Jerusalem in Bezug auf seine interessenorientierte Allianz mit Hitler-Deutschland lässt sich nicht in die Kategorien des europäischen Antisemitismus einordnen.6
Einer der profiliertesten Forscher der Nakba (deutsch: Katastrophe), der in Damaskus geborene nationalarabische Bildungsbürger Konstantin Zuraiq (1909 − 2000), verfasste im August 1948 eine knapp 60-seitige Schrift unter dem Titel »Über die Bedeutung der Nakba«. Infolge der Vertreibung, konstatiert er, hätten die Araber das Vertrauen in ihre eigenen Regierungen und sogar auch in sich selbst verloren. Dieser Schmach könne man aber auch eine positive Seite abgewinnen: Nach der Zeit flammender Rhetorik werde man vielleicht endlich in der Realität ankommen. Die Araber müssten damit beginnen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, nicht wie sie sie sich wünschen. Sie müssten ihre eigenen Verfehlungen eingestehen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen, anstatt immer die »Anderen« für ihre Misere haftbar zu machen.7
Nach Verlust der Heimat sahen viele Palästinenser*innen in der Bildung ihre ultimative Lebensperspektive. In der arabischen Bewunderung für die Palästinenser*innen schwingt gelegentlich ein Hauch von Missgunst mit, da viele von ihnen dank guter Ausbildung und hoher Arbeitsmoral wichtige Ämter, Einfluss und Reichtum erlangten. Eine politische oder gesellschaftliche Gleichstellung mit der einheimischen Bevölkerung erlangten sie indessen kaum.
In den von Jordanien und Ägypten annektierten bzw. verwalteten palästinensischen Territorien haben sich zwar für die palästinensische Bevölkerung die sprachlich-kulturellen Verhältnisse nur marginal geändert. Immerhin verlieh Jordanien aber als einziges Aufnahmeland den palästinensischen Neubürger*innen recht großzügig die Staatsangehörigkeit, was ihre Mobilität förderte. Andererseits sind sie dort bis heute der genuinen Bevölkerung nicht im vollen Umfang gleich-gestellt. Die Bewohner*innen des Gazastreifens erhielten von den ägyptischen Behörden hingegen lediglich Flüchtlingspässe, die ihnen den Zugang zum öffentlichen Dienst, aber auch zum privaten Arbeitsmarkt in Ägypten erheblich er-schwerten.
Im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern besaß die palästinensische Bevölkerung in Syrien de facto gleiche Rechte und Pflichten wie die einheimische. Der staatliche Reisepass wurde ihnen jedoch mit dem wenig stichhaltigen Argument verwehrt, sie würden sonst Gefahr laufen, die Bindung an ihre Heimat zu verlieren.
Im religiös-konfessionell stark strukturierten Libanon befinden sich die palästinensischen Flüchtlinge immer noch in schwierigen Verhältnissen. Christliche wie auch muslimische Führer sahen in den Neuankömmlingen eine Gefahr für die konfessionelle Balance des Landes. Die meisten Palästinenser*innen dürfen bis heute eine breite Palette von Berufen nicht legal ausüben.
In der Golfregion machten die Palästinenser*innen als Lehrer*innen, Ingenieur*innen, Ärzt*innen, Journalist*innen oder Facharbeiter*innen im beruflichen Leben recht positive Erfahrungen. Andererseits ließen Staat und Gesellschaft sie noch deutlicher als anderswo spüren, dass sie kulturell und gesellschaftlich nicht zu ihnen gehören. Diese Erfahrung machten dort allerdings generell auch andere Menschen von außerhalb der Halbinsel.
5 Hans Lebrecht, Die Palästinenser – Fremd im eigenen Land, Frankfurt am Main 2015, S. 57.
6 Viktoria Waltz, Von Basel nach Jerusalem, Hamburg 2014, S. 53.
7 Kostantin Zuraiq, Über die Bedeutung der Nakba (Arabisch), 1948, S. 4 ff.
Für die Palästinenser*innen – wie übrigens auch für andere Nachbarvölker – lässt sich eine nationale Bewegung moderner Prägung im 19. Jahrhundert noch nicht nachweisen. Unter der Bevölkerung Palästinas existierte damals allenfalls ein vornationales Bewusstsein für eine »Gemeinsamkeit«, die durch Familien-bande, räumliche Bezüge, gemeinsame Sprache, Sitten und Gebräuche definiert war, aber auch durch die meist bitteren Erfahrungen mit verschiedenen Fremd-herrschaften.
Erst seit den 1920er Jahren wurde der zerstrittenen palästinensischen Führung allmählich bewusst, dass die von der zionistischen Bewegung initiierte und mit Hilfe vor allem Großbritanniens durchgeführte Masseneinwanderung von jüdischen Menschen nach Palästina eine existenzielle, ja nationale Gefahr für ihr Volk zu werden drohte. Es folgten in vielfacher Hinsicht asymmetrische Kämpfe zwischen beiden Volksgruppen, wobei die vielfältige Hilfe für die Zionist*innen von außen weit nachhaltiger war. Es war absehbar, dass die Palästinenser*innen in dieser Konstellation chancenlos waren.
Aktive Bestrebungen zur Nationsbildung kamen erst nach 1948 in der auferlegten palästinensischen Diaspora zustande. Von heute auf morgen musste die Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung in den umliegenden, zwar arabischen, aber im staatsrechtlichen Sinn »fremden« Ländern leben. Die im Bereich des historischen Palästinas verbliebenen Bürger*innen fanden sich also in drei verschiedenen Staaten wieder: Israel, Jordanien und Ägypten.
Nationsbildungen werden nicht selten auch aus negativen Beweggründen vorangetrieben. Bei den Palästinenser*innen gestaltete sich die Suche nach der eigenen nationalen Identität ähnlich. Neben den bereits erwähnten »positiven« Komponenten der gefühlten Gemeinsamkeit spielte das Empörungspotenzial gegen Israel und seine einflussreichen Verbündeten eine gewichtige Rolle. Anders als die jüdischen Israelis, die weitgehend in den Genuss rechtsstaatlich-demokratischer Staatsordnung und sozialer Absicherungssysteme kamen, fühlten sich die im Land verbliebenen »israelischen Araber*innen« von Staat und Gesellschaft teils direkt, teils subtil diskriminiert. Sie besaßen und besitzen zwar formal die
gleichen Rechte wie die Mehrheitsgesellschaft, besonders in den Sektoren Bildung, Arbeitsmarkt und Infrastruktur werden sie jedoch in der Praxis spürbar benachteiligt.
Die Nakba und ihre bitteren Folgen schärften daher das nationale Bewusstsein. Die neu empfundene Identität enthielt zwar auch religiös-islamische und national-arabische Elemente, im Kern mündete sie in ein klares Bekenntnis zu einem wie auch immer gearteten »palästinensischen« Nationalismus, dessen Wurzeln in der Vor-Nakba-Zeit lagen.
Die Hauptströmungen der palästinensischen Nationalbewegung sind Fatah (die mächtigste Organisation im PLO-Dachverband) und Hamas. Die Fatah ist ideo-logisch ein Sammelsurium aus gemäßigtem Islam, arabischem Nationalismus und Wirtschaftsliberalismus. Die Hamas ist Ablegerin der Muslimbrüder-Bewegung und damit dem politischen Islam zuzuordnen. In der National- und Staatlichkeits-Agenda bestehen zum Teil erhebliche Unterschiede zwischen beiden Strömungen. Die Fatah bekennt sich nach wie vor zur Zweistaaten-Option und unterstützt die Wiederaufnahme des Friedensprozesses mit Israel, obwohl sich dieser signifikant als gescheitert erwies. Die Hamas teilt sich in diesen Fragen in zwei Flügel. Der eine Flügel gilt als pragmatisch und ist bereit, Israel in den Grenzen vor Ausbruch des Juni-Krieges 1967 anzuerkennen. So deutet der abgetretene Hamas-Chef Meshal in einem Interview Ende Mai 2017 an, dass es Tendenzen in seiner Bewegung gibt, die mit einem palästinensischen Staat (Westbank, Gazastreifen mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt) und Konzessionen an Israel einverstanden wären. Voraussetzung sei u. a. die Anerkennung des Staates durch Israel.8 Der zweite
8 Vgl. Der Spiegel 22, (2017).
Flügel besteht aus Hardlinern, die den eigenen Staat nur in den Grenzen Historisch-Palästinas akzeptieren. Darin liegt paradoxerweise eine spiegelbildliche Ähnlich-keit zu den extrem nationalistischen Kreisen in Israel, in deren Eretz-Israel-Agenda ebenfalls der absolute Anspruch auf das Gebiet vom Mittelmeer bis zum Jordan erhoben wird.
Die realistischste Perspektive für eine Lösung der Palästinafrage lieferte die Anfang dieses Jahrhunderts initiierte Roadmap, die von den Vereinten Nationen, den USA, der EU und Russland getragen wurde. Es ging dabei primär um die Schaffung eines neben Israel in Frieden lebenden unabhängigen Staates Palästina.
Da diese Option inzwischen allerdings infolge des exzessiven Siedlungsbaus obsolet geworden ist, scheint die langfristige Lösung des ewigen Konflikts in der Gründung eines gemeinsamen Staates der israelischen Jüdinnen und Juden sowie der Palästinenser*innen zu liegen, in dem allerdings beide Volksgruppen die gleichen Rechte und Pflichten haben müssten. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass Apartheid-ähnliche Strukturen entstehen müssten. Gewiss ist diese Vorstellung aus heutiger Sicht visionär, ja utopisch. Da dafür langfristig jedoch keine machbaren Alternativen bestehen, sollte darauf hingearbeitet werden, dass aus dieser Vision eine Realität erwachsen kann. Dazu gehört, dass beide Völker sich besser kennenlernen sollten. Bisher gilt ein verzerrtes Bild gegenseitiger Wahrnehmung. Für die meisten Palästinenser*innen sind die Israelis nur gewaltbereite, repressive Soldat*innen, umgekehrt sehen viele Israelis in den Palästinenser*in-nen nur »Terrorist*innen«. Dazu gehört aber auch, dass die nationalistischen Kräfte auf beiden Seiten die politische Agenda des künftigen Staates nicht weiter dominieren dürfen. Ein Bruch mit dem »exklusiven« Nationalismus bzw. dem »Nationalstaat« würde eine reale Möglichkeit bieten, den Konflikt endlich nachaltig, gerecht und dauerhaft beizulegen.
Die Gegner*innen des gemeinsamen Staates argumentieren häufig mit dem sogenannten demografischen Faktor bzw. dem Gespenst einer langfristigen palästinensischen Bevölkerungsmehrheit. Dieses Argumentationsmuster basiert zum Teil auf einem rassistischen Ansatz. Denn sollte die palästinensische Bevölkerung dann tatsächlich zahlenmäßig ebenso stark oder sogar stärker werden als der jüdische Bevölkerungsanteil, wäre dies beim Vorhandensein robuster rechtstaatlich-demokratischer Strukturen irrelevant. In diesem Kontext ist das Beharren einflussreicher Kreise in Israel auf einem rein »jüdischen« Charakter des Staates insofern problematisch, als dies notgedrungen zur Stigmatisierung der »israelischen Araber*innen« führen würde, die immerhin etwa 22 Prozent der Bevölkerung Israels ausmachen. Für säkular-liberale Jüdinnen und Juden ist Israel daher keine »liberale Demokratie«, da das Narrativ »jüdischer Staat« dazu führe, die jüdischen Bürger*innen zwingend privilegierter zu behandeln als die nichtjüdische Bevölkerung.9
Trotz aller Einwände gibt es langfristig keine Alternative zur Option eines gemeinsamen rechtsstaatlich-demokratischen Staates. Natürlich gibt es in der Theorie immer andere Optionen, etwa die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Status quo der Dauerbesetzung. Auch neue Kriege bzw. »Vergeltungsschläge« bieten sich in Zukunft an. Doch man würde auf diese Weise den ewigen Konflikt weder bei-legen noch den lokalen wie regionalen Sicherheitsinteressen auf beiden Seiten nachhaltig entsprechen können. Erst recht würde man so die durchaus bestehen-den sozialen und wirtschaftlichen Probleme in Israel und die ausufernde sozio-ökonomische Misere in Palästina nicht einmal ansatzweise überwinden können.
Gemeinsam und friedlich in einem Staat zusammenzuleben, in dem rechtsstaatliche Prinzipien wie Gleichheit vor dem Gesetz, Gewaltenteilung, Wahrung der Menschenrechte und Meinungsfreiheit herrschen, mag heute zu Recht illusorisch erscheinen. Dennoch muss die Option eines binationalen Staates angesichts der zu
9 Die israelische Soziologin Eva Illouz fordert eine »Neugründung« Israels, in dem den jüdischen Bürgern das Selbstbestimmungsrecht auch in religiösen Fragen garantiert wird, ohne dass der Staat sich »jüdisch« nennt. Süddeutsche Zeitung vom 6. August 2015.
befürchtenden militärischen und politischen Eskalation gestärkt werden, da nur auf diesem Weg langfristig stabile politische Verhältnisse, Frieden und Sicherheit, gesunde Wirtschaftsstrukturen und Mobilität für Menschen und Waren erreicht werden könnten.
Das gleiche gilt auch für Jerusalem – denn die Stadt hat für Palästinenser*innen nicht nur, wie anfangs erwähnt, in religiöser und historischer Sicht eine enorme Bedeutung: Diese Bedeutung erstreckt sich für sie auch auf die nationale und kul-turelle Ebene. In anderen Worten steht die Stadt im Mittelpunkt des palästinen sischen Nationaldenkens. Sie ist für Palästinenser*innen die Hauptstadt ihres Landes, dem es bisher aus regionalen und internationalen Konstellationen nicht geglückt ist, sich zu einem unabhängigen und souveränen Staat zu entwickeln.
Dass – neben der politischen bzw. nationalen Dimension – diese »heilige« Stadt im Bewusstsein der Bevölkerung deutlich präsenter, glorifizierter, ja mythischer als andere, ebenfalls verherrlichte, ehemals palästinensische Städte wie Jaffa, Haifa oder Akko (arabisch Akka) ist, zeigt sich in der zeitgenössischen palästinensischen Kunst, insbesondere in Gesang, Prosa und Poesie. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Verlust des westlichen Teils der Stadt infolge des Krieges von 1948 be-sonders schwer wog. Nicht minder schmerzlich traf die Besetzung des östlichen Teils von Jerusalem im Junikrieg 1967 und erst recht dessen spätere Annektierung 1980.
Formal wird von palästinensischer Seite die Forderung nach einem unabhän gigen Staat in der Westbank und im Gazastreifen mit Ost-Jerusalem als dessen Hauptstadt unisono aufrechterhalten. Für die Befürworter*innen eines binationa-len jüdisch-palästinensischen Staates ist die damit einhergehende Proklamierung Gesamt-Jerusalems als Hauptstadt dieses föderativ oder konföderativ zu gestal tenden Staatswesens nicht minder konsensual. Dieses heute wohl noch visionär anmutende Konzept bietet beiden Konfliktparteien mittel- bzw. langfristig die Chance für eine Kompromissformel, mit deren Hilfe endlich eine robuste und nach-haltige Beilegung des bald hundertjährigen Konflikts erfolgen könnte.
Konstruktive und ebenfalls in eine friedliche Zukunft weisende Alternativen zu diesem Konzept aus dem Reich der »Realpolitik« sind nicht erkennbar. Man sollte im Falle Jerusalems die zwischen den drei monotheistischen Religionen be-stehenden Schnittmengen endlich stärker betonen, als wie bisher die sicherlich
bestehenden spalterischen Wirkkräfte immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Die Lösung der Palästina-Frage sollte nicht rückwärtsgewandt im Sinne eines »Nationalstaates« angepeilt werden, der womöglich weder lebensfähig noch robust rechtstaatlich-demokratisch wäre. Vielmehr bietet die Gründung eines gemeinsa-men demokratischen Staates die Chance, diesen Teil der Welt und darüber hinaus den gesamten Nahen Osten zu befrieden. Dadurch hätten beide betroffenen Völker nicht nur eine nachhaltige Sicherheit, sondern auch qualitativ eine bessere soziale
und wirtschaftliche Perspektive.
Aref Hajjaj wurde im Februar 1943 in Jaffa, Palästina geboren. Nach der Vertrei-bung 1948 wuchs er in Beirut und Kuwait auf. Er studierte in Heidelberg Politik-wissenschaft, Geschichte und Völkerrecht. Nach der Promotion arbeitete er im Deutschen Auswärtigen Amt als Übersetzer und Dozent für Arabistik und inter kulturelle Kommunikation. Er ist Vorsitzender des Palästina-Forums. 2010 erschien sein Buch »Angekommen in Deutschland – Der Preis der Integration«, 2017 das Buch »Land ohne Hoffnung – Arabischer Nationalismus, politischer Islam und die Zukunft Palästinas«.
Statement des Ev.-Lutherischen Bischofs von Jordanien und Palästina zu den Annexionsplänen Israels
Bishop of the Evangelical Lutheran Church in Jordan and the Holy Land
Pentecost 2020
The peace of our Lord Jesus Christ, the love of God, and the communion of the Holy Spirit be with you all.
At the time of this writing, the world is fighting a virus that has swept the globe, challenging economies, burdening health systems, and destroying lives. The congregations and leaders of the Evangelical Lutheran Church in Jordan and the Holy Land have not been exempted from this suffering. We pray, along with all of you, for a vaccine and for wise decisions by governments and citizens.
I am writing this statement today, amid the global pandemic, because the political situation here in Israel and Palestine has taken a dramatic turn for the worse. The ELCJHL asks for your attention, for your solidarity, and for your action at this time of crisis.
Prime Minister Netanyahu’s government, backed by the Trump administration, has taken advantage of the current global health crisis to move forward with plans to annex West Bank settlements and the Jordan Valley (or as they claim, to impose the Israeli sovereignty over these areas). This political maneuver is expected to take place as early as July 2020.
This unilateral action—taken without negotiations and consultation with Palestinian leaders—ignores long-standing peace accords agreed upon under international sponsorship and guarantees. Annexation violates international law and is certain to have severe consequences for Israeli and Palestinian people.
First and foremost, it is a move that will have catastrophic implications on any peace process and the future of a two-state solution. It will eradicate any potential for a viable and contiguous Palestinian state and will leave Palestinians living in cantons. The Palestinian Authority would be left with no peace partner and is likely to dissolve. This outcome would pave the way for extremist voices to take center stage. Recent Israeli elections show that the Israeli public favors right-wing, hawkish positions over any effort toward peaceful negotiations. These factors show there is good reason to worry that annexation would lead this region once again into chaos, violence, and war.
As bishop of the ELCJHL, I am proud to say that our Church has always prayed, preached, and worked for a lasting and just peace between Palestine and Israel. In our schools, from our pulpits, and in our families, we teach our children and our communities to value life, understanding, and coexistence. We still hope, and we still believe, that peace is possible. We believe that the best possible future is one in which Palestine and Israel live side by side as neighbors, friends and partners, with agreed-upon 1967 borders, and with Jerusalem as a city shared by two peoples and three religions (Islam, Judaism, and Christianity). We are grateful that so many of you have stood with us over several decades to move this just vision forward.
Accordingly, at this critical time, we call upon our friends, partner churches, and allies around the world to advocate for us now. Please lobby your politicians, speak out on social media, call on friends in halls of power, and tell them that the US-Israeli plan for annexation is not the way to peace based on justice. Annexation is not the way to reconciliation and living together for the people of this land, who all deserve the chance for a liberated future: Israeli and Palestinian, Jew, Christian, and Muslim.
While the world fights valiantly against one serious disease, we ask that you not let the people of the Holy Land be overcome by this one unilateral action that has dangerous potential to spread human tragedy, violence, and injustice across the entire region of the Middle East.